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Die Wirtschaftskrise in den USA trifft auch China

Über weltweite Verflechtungen und Lieferketten, Rettungsprogramme und prekäre Arbeitsbedingungen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

»Frauen tragen die Hälfte des Himmels«, sagt ein chinesisches Sprichwort. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt stimmt das nicht. Der Anteil der erwerbstätigen Frauen sank in China seit den 1990er Jahren, als die Ära der Wirtschaftsreformen begann. Und laut dem World Economic Forum verdienen Frauen für die gleiche Arbeit ein Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen. Die Volksrepublik schneidet damit international schlecht ab.

Die Unterbeschäftigung der Frauen zeigt, wie prekär der Arbeitsmarkt nach drei Jahrzehnten rasanten Wachstums weiterhin ist. Wie in Schwellenländern pendeln Abermillionen »Wanderarbeiter« zwischen Provinzen und Metropolen hin und her. Das drückt die offiziell vermeldete Arbeitslosenrate erheblich. In den Städten stieg diese dennoch von 3,6 auf 6 Prozent, meldete vergangene Woche das Nationale Statistikamt NBS.

Am 23. Januar hatte die Regierung Xi Jinpings auf die neuartige Corona-Epidemie mit einem strikten Lockdown der Wirtschaft reagiert. Gleichzeitig versuchte Peking, zusammen mit den Regionalregierungen gegenzusteuern. Rettungsprogramme wurden gestartet, Mieten erlassen, Sozialversicherungsbeiträge gesenkt und vergünstigte Kredite von der Zentralbank bereitgestellt. Alles in allem ähneln die Maßnahmen denjenigen, die später in Europa und den Vereinigten Staaten ergriffen wurden.

Doch Peking förderte zudem unkonventionelle Maßnahmen. Vor allem für Klein(st)unternehmen spielen dabei Internetriesen wie Alibaba und Tencent eine wichtige Rolle. Über sie wird der »Kontaktlose Kleinkredit-Plan« der Handelskammer abgewickelt, den mehr als hundert Banken finanzieren. Per Smartphone wurden Millionen kleine Firmen und Kleinstunternehmen »kontaktlos« mit Krediten versorgt, um Liquiditätsengpässe zu verhindern.

Während chinesische Rückkehrer einer strikten Quarantäne unterliegen, gilt seit März für Ausländer ein grundsätzlicher Einreisestopp. Was deutschen Firmen Probleme bereitet. Kürzlich erhielt die Lufthansa eine Sondergenehmigung und konnte Manager und Familien erstmals wieder nach China fliegen. Mit einem Bestand von umgerechnet 30 Milliarden Euro gilt Deutschland als größter europäischer Investor in China.

Deutsche Unternehmen sind dort vergleichsweise gut durch die Viruskrise gekommen, sagte Bettina Schön, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Außenhandelskammer AHK in Shanghai. »Ich habe von keinem AHK-Mitgliedsunternehmen gehört, das sich gegenüber chinesischen Firmen benachteiligt gefühlt hätte.«

Aber auch in China werden mittlerweile Lieferketten hinterfragt und über Exzesse der Globalisierung gestritten. Bettina Schön erwartet eine weitere »Lokalisierung«. Die meisten deutschen Firmen produzieren vor allem für den chinesischen Markt. »Mit ausschließlich importierten Produkten sind sie nicht wettbewerbsfähig.« China zählt zu den großen Märkten, in denen infolge der Pandemie eine Lokalisierung der Lieferketten noch attraktiver geworden ist.

In der Finanzkrise hatte der Nachfrageboom aus China die Weltwirtschaft vor Schlimmerem bewahrt. Jetzt ist China selbst auf Unterstützung von außen angewiesen. Die Volksrepublik war das erste Land, das seine Wirtschaft wegen Corona herunterfuhr. Im Hamburger Hafen kamen darum mit einem zweimonatigen Zeitverzug weniger Container an. China war dann auch das erste Land, das seine Wirtschaft wieder hochfuhr. In Hamburg rechnet man entsprechend mit einer Normalisierung der Schiffsanläufe ab Juni.

Ob das bereits die Wende ist, muss sich zeigen. So erzeugt die - ähnlich wie in Deutschland - extrem starke Exportorientierung Abhängigkeiten. Wenn die wichtigsten Abnehmerländer weiterhin schwächeln, wird dem Aufschwung schnell wieder ein Abschwung folgen, weil Lieferketten brüchig bleiben, Nachfolgeaufträge ausbleiben.

Wichtigste Abnehmerin chinesischer Waren sind mit fast 20 Prozent ausgerechnet die Vereinigten Staaten, die erst besonders spät und zögerlich auf die Pandemie reagiert haben. Die US-Krise dürfte im zweiten Halbjahr besonders heftig ausfallen - und Chinas Außenhandelsbilanz belasten.

Ballast bilden weiterhin Probleme aus der Vor-Corona-Ära, wie diverse Handelsstreitigkeiten mit asiatischen Nachbarn. Ohnehin sind die Zeiten des rasanten nachholenden Wachstums vorbei. Das moderne Industrieland setzt nun auf »qualitatives Wachstum«. Bereits heute lebt in China weltweit die zahlenmäßig größte Mittelklasse, aber bei vielen Erzeugnissen ist deren Pro-Kopf-Verbrauch gemessen am westlichen Niveau gering. Es besteht also noch viel Spielraum für wachsende Umsätze, auch und gerade für deutsche Konzerne.

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