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Grummeln im Himalaya

Jahrzehntealte Grenzkonflikte brechen zwischen Indien, Nepal und China wieder aus

Eigentlich pflegen Indien und Nepal enge Beziehungen - schon aus dem Grunde, weil der kleinen, eingeschlossenen Himalaya-Republik Nepal gar nichts anderes übrig bleibt, als sich mit ihren beiden übermächtigen Nachbarn Indien und China gut zustellen. Allein über die nepalesisch-indische Grenze in dem schmalen Tieflandsstreifen laufen beinahe alle Transporte, um die Hauptstadtregion Kathmandu zu versorgen. Doch das Verhältnis ist derzeit belastet. Der Grund sind alte Grenzstreitigkeiten.

Zum einen ist es die am 11. Mai vom indischen Verteidigungsminister Rajnath Singh eröffnete Lipulekh Road. Die 80 Kilometer lange Straße schafft die nun kürzeste Verbindungsstrecke zwischen der Hauptstadt Delhi und Kailash-Mansarovar, einer bedeutenden Hindu-Pilgerstätte im Himalaya. Die Eröffnungsfeier war flankiert von einer nepalesischen Protestnote. Der kleine Nachbar betrachtet den Lipulekh Pass, durch den die Straße verläuft, als eigenes Gebiet. Er ist einer von mehreren Streitpunkten über den Grenzverlauf. Das Außenministerium in Kathmandu sprach von einem unilateralen Akt, der den Vereinbarungen widerspreche, Grenzfragen durch Verhandlungen zu lösen.

Am 20. Mai protestierte dann Indien, weil Nepal eine neue Landkarte vorgelegt hatte, die bislang umstrittene Gebiete wie den Lipulekh Pass als eigene Territorien zeigt. Nepals Premierminister KP Sharma Oli stand unter anderem seitens studentischer Gruppen unter Druck, die indische »Provokation« mit der Straßenöffnung nicht unbeantwortet zu lassen. Zudem lenkt Aufmerksamkeit auf die neue Landkarte von internen Zwistigkeiten in der regierenden Kommunistischen Partei (NCP) ab, die zuletzt zugenommen hatten.

Nepal sieht sich mit dem jetzt markierten Grenzverlauf im Recht. Denn am Ende des Anglo-Nepalesischen Krieges im frühen 19. Jahrhundert, der dem Himalayastaat zwar seine Unabhängigkeit bewahrte, aber auch Gebietsverluste einbrachte, wurde der Fluss Kali als Westgrenze festgelegt. Alles, was östlich liege, sei damit nepalesisches Territorium, heißt es nun aus Kathmandu. Die aktuelle Auseinandersetzung spiegelt den Streit vom November 2019 wider - damals hatte eine neue indische Landkarte die umstrittenen Landstriche »eingemeindet«.

Auch zwischen Indien und China gibt es derzeit mehrere Streitfälle entlang der langen gemeinsamen Grenze im Hochgebirge - von Ladakh/Aksai Chin im Westen über Sikkim, das erst 1972 als vormals eigenständiges Königreich Indien angegliedert wurde, bis zum indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh, dessen Gebiet größtenteils auch von China beansprucht wird. Delhi wie Peking hatten Anfang Mai an zwei Stellen der Waffenstillstandslinie aus dem Krieg 1962 zusätzliche Truppen zusammengezogen. Vor fast 60 Jahren waren zwischen 20. Oktober und 21. November die beiden Giganten mit Truppenstärke von 80 000 Mann auf chinesischer und etwa 20 000 auf indischer Seite aneinandergeraten. Seither schwelte der Konflikt mit gelegentlich stärkeren Ausbrüchen, wie 2017, als es im Sommer 73 Tage zu einer direkten Truppenkonfrontation kam.

Im neu aufgeflammten Streit zwischen Indien und China haben sich die USA demonstrativ an die Seite Delhis gestellt. Alice Wells, die scheidende Regionaldirektorin für Süd- und Zentralasien im US-Außenministerium, sprach von chinesischen »Provokationen und beunruhigendem Verhalten«. Die Parteinahme verwundert mit Blick auf den amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt und verbale Ausfälle von US-Präsident Donald Trump zu Großmachtambitionen Pekings nicht.

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