Wie kam es zum Corona-Ausbruch?

Kritik an rassistischer Stimmungsmache in Göttingen

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.

Roma-Familien aus Göttingen, die in kleinen Wohnungen das muslimische Zuckerfest gefeiert haben und deshalb für den massiven Ausbruch von Corona verantwortlich sein sollen, setzen sich gegen die Vorwürfe zur Wehr. In der Stadt haben sich in den vergangenen zwei Wochen mindestens 120 Menschen neu mit dem Virus infiziert. Laut dem örtlichen Krisenstab steckten sich viele bei den privaten Feiern im Iduna-Zentrum genannten Wohnblock an.

In einer Shisha-Bar, in die Jugendliche nach dem Fest weitergezogen seien, soll sich das Virus weiter verbreitet haben. Die Stadtverwaltung hatte zudem mitgeteilt, dass viele der ermittelten »Kontaktpersonen ersten Grades« der Aufforderung, sich testen zu lassen nicht gefolgt seien. Ein den Roma-Familien zugeordneter »Patient Null« könne das Virus weitergetragen habe, weil er ungeachtet einer Quarantäne-Verfügung mehrfach durch die Göttinger Fußgängerzone spaziert sei.

Die Familien sind miteinander verwandte Roma aus dem Kosovo. Viele flüchteten vor dem Bürgerkrieg oder den Schikanen der neuen Regierungen. Ihr Aufenthaltsstatus ist teils ungesichert, manche werden lediglich geduldet. Wegen der Berichte über ihr vermeintliches Fehlverhalten in der Coronakrise ergießt sich über die »arabisch-albanischen Clans« (»Bild«-Zeitung) eine teils wüste Hetze, die vor allem über die »sozialen Netzwerke« verbreitet wird. »Asylbetrüger raus!«, ist dabei noch eine der eher zurückhaltenden Parolen.

»Die Anfeindungen meiner Familie bewegen sich im strafrechtlichen Bereich«, schreibt ein Vater bei Facebook. In seiner »Gegendarstellung« betont er, dass es anlässlich des Zuckerfestes gar keine privaten Feiern gegeben habe. Zusammengekommen seien »mehrere Personen« lediglich in der nahen Moschee. Bei dieser vom Ordnungsamt genehmigten Veranstaltung seien »sämtliche Abstands- und Hygieneregeln eingehalten« worden. Auch sei der »wahrscheinliche Patient Null« nicht »Bestandteil unserer Familie«, es handele sich vielmehr um einen Bewohner des Iduna-Zentrums mit anderer Nationalität. Zu den weiteren Ansteckungen im Haus, die nicht nur Mitglieder der Roma-Familien betreffen, könne es durch Schwebeteilchen in Fluren und Treppenhäusern des Iduna-Zentrums gekommen sein.

Ein sich Jojo nennender Mann, der als eine Art Pressesprecher der Roma im Iduna-Zentrum fungiert, bestätigt die Angaben am Telefon. »Es gab keine private Feier«, sagt er. »Hundertprozentig nicht«. Die Stadt Göttingen bleibt jedoch bei ihrer Darstellung. Kontaktpersonen hätten Feierlichkeiten mit einer großen Anzahl Menschen bestätigt.

Und die Sache mit der Shisha-Bar? »Auch Fake«, sagt Jojo. »Da ist nichts dran, überhaupt nichts dran«. Der Sohn des Betreibers teilt mit, dass die Bar ihre Terrasse erst am 28. Mai wieder geöffnet hat - unter Einhaltung der Hygieneregeln und mit Genehmigung der Behörden. Die Kontaktformulare, auf denen Gäste ihre Daten hinterlassen müssen, lägen vor. Sozialdezernentin Petra Broistedt, die auch den örtlichen Corona-Krisenstab leitet, räumt inzwischen ein, dass die Vorgänge in dem Lokal noch geprüft würden.

Auch das Roma-Antidiskriminierungs-Netzwerk hat sich zu Wort gemeldet - auch mit der Aussage, dass im Iduna-Zentrum zum Zuckerfest gar keine Feiern stattgefunden hätten. Als erster Bewohner des Iduna-Zentrums sei ein Mann an Corona erkrankt, der nicht zu den in den Medien beschuldigten »Großfamilien« gehöre. »Jojo« zufolge stammt der aus Afrika. Später, so das Roma-Netzwerk, sei ein älterer Mann aus dem Familienverbund erkrankt, im Krankenhaus sei bei ihm am 25. Mai eine Ansteckung mit dem Coronavirus festgestellt worden. Zu der Zeit symptomfreie Angehörige, die sich ebenfalls testen lassen wollten, seien weggeschickt oder vor die Wahl gestellt worden, die Tests selbst zu bezahlen.

»Die Stadt hat nicht auf die Beschwerden der Bewohner, dass ein Mann gegen die Quarantäne verstoßen habe, reagiert und schiebt nun ihr eigenes Versagen auf die Bewohner«, beklagt das Roma-Netzwerk. Zu keiner Zeit sei versucht worden, mit den Betroffenen nach Lösungen zu suchen. Laut dem Netzwerk haben die betroffenen Familien »die Angelegenheit nun in die eigenen Hände genommen«: Sie hätten ihre Wohnsituation so organisiert, dass positiv Getestete in einer Wohnung lebten und die Gesunden in einer anderen. Die Gesunden versorgten ihre unter Quarantäne stehenden Angehörigen.

Die linke Hausgemeinschaft Goßlerstraße 17/17a kritisiert eine »mediale Hetze«: Stigmatisierende Bilder von sozialen Brennpunkten und ihren Bewohnern bestärkten verbreitete Ressentiments. »Das angebliche Corona-verbreitende Übel wurde schnell ausgemacht: ›Brennpunkt‹ Großfamilien und Shisha-Bars.« Das sorge für größere Aufmerksamkeit als Corona-Ausbrüche in gutbürgerlichen Restaurants, in Logistik- und Schlachtbetrieben oder bei Zusammenkünften von christlichen Gläubigen.

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