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Wie stark sind Kinder gefährdet?

Auch unter den Kleinsten tritt Covid-19 auf, aber seltener und meist weniger schwer

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Ansteckungsgefahr durch und für Kinder wird im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus bereits ausführlich diskutiert. Das ist wichtig, weil anhand dieser Frage entschieden werden kann, wann und ob Kitas und Schulen ohne Einschränkungen öffnen können. Da aber Lockerungsmaßnahmen viel früher für Institutionen von Erwachsenen getroffen wurden, die stärker als Kinder von Covid-19 betroffen sind, ist die Reihenfolge bei diesem Vorgehen nicht besonders logisch.

Die Wahrnehmung der Altersgruppe in der Coronawelt veränderte sich seit Beginn der Pandemie. Anfangs ging man davon aus, dass die Jüngsten überhaupt nicht erkranken. Später galten sie als eine Gruppe, die nach der Ansteckung nahezu symptomfrei bleibt. Zunächst lagen relativ wenige Daten vor. Das Robert-Koch-Institut nannte am 18. März von allen in Deutschland Infizierten einen Anteil von 0,8 Prozent im Alter von unter fünf Jahren. Etwas über drei Prozent waren jünger als 14 Jahre. Fehlende Symptome und zu wenig Tests in der Altersgruppe wurden als Begründung genannt. Aktuell sind in der Gruppe der insgesamt positiv getesteten Personen in Deutschland 2,1 Prozent bis zu zehn Jahre alt, weitere 4,5 Prozent 10 bis 19 Jahre. In der Altersgruppe bis 19 Jahre wurden bisher drei Todesfälle registriert.

Der Krankheitsverlauf schien zu Beginn in etwa der Hälfte der Fälle mild und entsprach den Symptomen eines einfachen Infekts der oberen Atemwege. Zu leichtem Fieber kamen Muskelschmerzen und allgemeine Erschöpfung. Bei manchen Kindern zeigte sich die Infektion ausschließlich mit Symptomen wie Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Knapp 40 Prozent der erkrankten Heranwachsenden bekamen außer Fieber auch einen trockenen Husten, manchmal eine Lungenentzündung. Knapp fünf Prozent der Kinder erkrankten so schwer, dass sie auf Intensivstationen behandelt werden mussten.

Dann, etwa ab Ende April, häuften sich, zunächst aus Großbritannien, Italien und Spanien, Fallzahlen von schwer kranken Kindern. Anfangs schien ein Zusammenhang zu Sars-CoV-2 nicht immer gegeben, da nicht alle der kleinen Patienten darauf positiv getestet waren. Die konkreten Symptome bereiteten allerdings Sorgen: Das toxische Schocksyndrom ist mit Magen- und Herzproblemen verbunden, teils kommen Ausschläge und eine geschwollene Zunge hinzu. Ähnlich verläuft auch die seltene Kawasaki-Erkrankung, deren Auslöser noch unbekannt ist. Dieses Leiden führt zu einer allgemeinen Gefäßentzündung. Entsprechende Fallmeldungen kamen bald auch aus Frankreich und der Schweiz. Insgesamt wurden seit Jahresbeginn bis etwa Mitte Mai 230 Verdachtsfälle in Europa gemeldet, aber keine in Deutschland.

Über die Ursachen für die in der Mehrzahl sehr milden Krankheitsverläufe gibt es verschiedene Vermutungen. So könnte es sein, dass das kindliche Immunsystem das neuartige Virus noch effizienter abwehrt, weil es zu wenig Erfahrungen mit Viren insgesamt hat. Es verfügt also über wenig spezifische Antikörper gegen gängige Viren, die unspezifische Abwehr fällt deshalb stärker aus.

Eine andere These besagt, dass die milden Verläufe bei Kindern mit ACE2 zusammenhängen. Die Abkürzung steht für Angiotensin-konvertierendes Enzym 2. Das Protein spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Blutdrucks. Mit seiner Struktur bietet es Sars-CoV-2 eine Eintrittspforte in den menschlichen Körper. Dadurch, so vermuten Wissenschaftler, sind Männer mit ihrem höheren ACE2-Spiegel im Blutplasma anfälliger für einen schweren Verlauf von Covid-19.

Wissenschaftler von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, untersuchten jetzt die ACE2-Genexpression in Nasenabstrichen von Patienten mit und ohne Asthma. Die insgesamt untersuchten Proben von 305 Studienteilnehmern zeigten eine altersabhängige Genexpression. Am geringsten war sie bei Kindern unter zehn Jahren. Noch ist nicht klar, welche unterschiedlichen Funktionen ACE2 in verschiedenen Körperregionen hat. Eine niedrigere Expression in den oberen Atemwegen scheint hilfreich gegen eine Sars-CoV-2-Infektion, in der Lunge könnte dies jedoch das Risiko für schwere Atemnot erhöhen. Neben den milden Verläufen bei Kindern gibt es einen weiteren Lichtblick für die Kleinsten dieser Patientengruppe: Es deutet sich an, dass Stillen vor der Infektion schützt.

Andere Auswirkungen der Pandemie werden erst mittelfristig sichtbar. Darunter könnten Probleme sein, die durch das Tragen von Masken entstehen, etwa wenn Kinder bereits vorerkrankt sind. Eine große Frage ist zudem, wie die Jüngsten den Ausnahmezustand der Gesellschaft erleben und verkraften, darunter etwa fehlende Kontakte mit Gleichaltrigen oder Reaktionen der Eltern auf die Krise.

Einen starken Kollateralschaden gibt es bereits bei internationalen Impfkampagnen: Das Kinderhilfswerk Unicef teilte schon im Mai mit, dass bis zu 80 Millionen Kinder unter einem Jahr coronabedingt nicht geimpft wurden, sowohl in armen als auch in reichen Ländern. Impfungen gegen Masern seien in 27 Ländern ausgesetzt worden, solche gegen Polio sogar in 38 Staaten.

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