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Sieben Tage, sieben Nächte

In Österreich sind die Renten viel höher als in Deutschland. Wie ist das möglich? Mitten in unserer Recherche zu dieser Frage tauchte diese Woche ein Tweet des Ökonomen Jens Südekum auf. Er weist auf eine Liste hin, nach der es bei der letzten Bundestagswahl ziemlich viele ältere Wählerinnen und Wähler gab. Darunter kommentierte er auf Englisch sinngemäß: »Nur falls Sie sich fragen, warum Renten oft weiter oben auf der politischen Agenda stehen als Bildung oder Investitionen.« Die Alten setzen sich gegen die Jungen durch, der Politik sind Renten wichtiger als Bildung - hier klingt mal wieder ein Evergreen an, der von einem angeblichen Generationenkonflikt erzählt.

Wobei Südekum ja recht hat: Monatelang ist über die Grundrente geredet worden, das war ziemlich ermüdend. Auch dem Projekt selbst hat die lange Debatte nicht gutgetan; gemessen an der Ursprungsidee sind die jetzt beschlossenen Verbesserungen für Geringverdienende recht mager. Durchgesetzt hat das die CDU, was die Verfechter der Generationskonfliktdebatte stutzig machen könnte, weil die Partei von ziemlich vielen alten Menschen gewählt worden ist.

Südekum behauptet nicht, dass die Renten hoch sind, man könnte aber seinen Tweet so interpretieren. Darum sei der Vollständigkeit halber angemerkt: Junge Berufstätige mit einem Durchschnittsverdienst können hierzulande damit rechnen, dass sie im Alter eine gesetzliche Nettorente von 52 Prozent ihres Gehalts bekommen, wenn sie 45 Jahre ununterbrochen erwerbstätig waren. Das hat die OECD im vorigen Jahr für Männer berechnet, und das ist im Vergleich zu anderen EU-Ländern relativ wenig, wo die Nettorente im Schnitt bei fast 64 Prozent liegt. In Österreich beträgt sie bei ununterbrochener Berufstätigkeit 90 Prozent des Nettogehalts.

In der Generationskonfliktdebatte wird oft insinuiert, die Politik müsse sich entscheiden, ob sie Alte oder Junge begünstigt. In der Vergangenheit ist das allerdings schon mal anders gelaufen: Um die Jahrtausendwende gab es Sozialabbau für Jung und Alt - zuerst hat der Bundestag das Rentenniveau gesenkt, dann die Arbeitslosenhilfe gekappt und den Niedriglohnsektor gefördert. In den vergangenen Jahren gab es schließlich gewisse Verbesserungen für Jung und Alt, etwa den Mindestlohn und künftig eben die zurechtgestutzte Grundrente.

Die Renten gehören zum Sozialstaat, und wenn die Politik Sozialabbau betreibt, geht es tendenziell all denen an den Kragen, die auf den Sozialstaat angewiesen sind, unabhängig vom Geburtsjahr. Eine Minderheit der Jungen und der Alten braucht den Sozialstaat nicht, weder gute öffentliche Schulen noch eine gesetzliche Kranken- oder Rentenversicherung.

Wieso in Österreich die Renten höher sind, darüber berichten wir in einer der nächsten Ausgaben. Eva Roth

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