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Durch die Brust mitten ins Herz

Die Therapie von Brustkrebs umfasst mehrere Verfahren - ihre Nebenwirkungen sind eine Herausforderung

Krebs haben immer nur die anderen. So dachte auch meine Freundin Jo. Wir kennen uns schon aus Kindertagen, gingen zusammen zur Schule, haben uns in Studienzeiten aus den Augen verloren und später doch wiedergefunden. Jo war und ist eine attraktive, kluge und selbstbewusste Frau. In Jugendzeiten habe ich sie häufig wegen ihrer schönen, langen und kräftigen Haare bewundert. Heute - nach der Krankheit - trägt sie eine Kurzhaarfrisur, noch sind seit der Chemotherapie nicht alle Haare auf dem Kopf und sämtliche Wimpern nachgewachsen.

Die Diagnose kam aus heiterem Himmel. Jo ist eine umsichtige Frau, die ihren Körper gut kennt. Regelmäßig nahm sie gynäkologische Untersuchungen wahr, bei denen natürlich auch die Brust abgetastet wurde. Doch kein Knötchen konnte dabei gefunden werden. Erst bei einem Reihen-Screening wurde eine Gewebeverhärtung in der Mammografie entdeckt. Eine folgende Gewebeuntersuchung ergab: Es handelte sich dabei um eine maligne Geschwulst. Eine Operation war unausweichlich. Die noch zu klärende Frage blieb: Hatte das Karzinom bereits gestreut, waren größere Gewebebereiche befallen und somit eine Mastektomie, eine Entfernung der Brust, unumgänglich?

Jo hatte Glück im Unglück: Nach einer weiteren Konsultation entschieden die Mediziner, lediglich den Primärtumor zu entfernen. Den chirurgischen Eingriff sollten sowohl eine Chemo- als auch eine Strahlentherapie begleiten.

Im ersten Schritt wurden ihr Zytostatika verabreicht - Medikamente, die vor allem schnell wachsende Zellen wie Tumore daran hindern, sich zu vermehren. Der Nachteil dieser Behandlung ist, dass Zytostatika auch gesunde Zellen, die normalerweise schnell wachsen - wie Haare oder Fingernägel -, angreifen und deren Vermehrung ebenfalls hemmen. Sichtbar zeigt sich dies an ausfallenden Kopf- und Gesichtshaaren, ein Umstand, mit dem frau erst einmal zurechtkommen muss. Doch der gesundheitliche Vorteil der Behandlung überwog deutlich die ästhetischen Bedenken: Der Tumor konnte einerseits verkleinert werden, andererseits greifen Zytostatika auch zu vermutende Mikrometastasen an, die zum Zeitpunkt der Krebsdiagnose noch nicht nachweisbar waren.

In der anschließenden minimalinvasiven Operation konnte das Karzinom entfernt werden, ohne dass die gesamte Brust abgenommen werden musste. Mit einer anschließenden Strahlentherapie sollten möglicherweise postoperativ übrig gebliebene Tumorzellen zerstört werden. Mit modernen Geräten wird das sogenannte Tumorbett derart bestrahlt, dass möglichst wenige angrenzende gesunde Zellen in Mitleidenschaft gezogen werden. Dies lässt sich trotz aller Innovation auf diesem Gebiet nicht völlig vermeiden, doch gegenüber früheren Strahlentherapien deutlich eingrenzen und für die Patientin weniger belastend gestalten.

Jo kam nach einem viertägigen Klinikaufenthalt wieder nach Hause. Chemotherapie und Bestrahlung blieben nicht ohne Wirkungen. Den Positiven: Die Tumorzellen scheinen nach aktuellen Diagnosen alle beseitigt zu sein. Und den Negativen: Die Behandlungen belasteten den Körper, Müdigkeit, Übelkeit, Glieder- und Muskelschmerzen waren in den ersten Wochen nach der Operation häufige Begleiter. Dann jedoch verbesserte sich ihr Gesundheitszustand, das Wohlbefinden kehrte zurück, auch wuchsen die Haare wieder. Wichtig in all den Wochen war der stabile Beistand, den sie aus der Familie erhielt: Mann und Kinder unterstützten Jo bei allen Schritten der Therapie, so konnte sie auch die psychischen Probleme der Krankheit, die Angst ums Leben, die immer mitschwang, die Furcht, unattraktiv für den Partner zu werden, gut bestehen. Die Familie, so gesteht sie lächelnd ein, sei in diesen Zeiten zusammengewachsen.

Nicht alle Patientinnen haben mit dieser schweren Erkrankung soviel Glück wie meine Jugendfreundin. Bei etlichen wird der Tumor erst spät erkannt. In anderen Fällen haben sich die Krebszellen bereits diffus verteilt und sind nicht mehr konkret einzugrenzen. In solchen Fällen hilft nur die radikale Operation, die Mastektomie. Hierbei wird die betroffene Brust vollständig entfernt, in häufigen Fällen, um das Risiko einer fortschreitenden Erkrankung mit tödlichem Ausgang zu bannen, auch beide Brüste.

Entfernt wird dabei das Drüsengewebe; die Brustfaszie, der Muskel, auf dem die Brust aufliegt, bleibt meist erhalten. Häufig bildet er später die Basis für einen kosmetischen Wiederaufbau der Brust. Dies gelingt jedoch auch nicht immer - viele Patientinnen leben mit Brustprothesen (Epithesen) oder auch formgebender stützender Kleidung. Ob Implantate, Epithesen oder formstützende BH’s - der Brustersatz hat nicht nur optische Wirkung, er erfüllt ebenso wichtige orthopädische Aufgaben. Denn durch die Amputation gerät die Statik des Körpers aus dem Gleichgewicht, was zu erheblichen Beschwerden im Rücken-, Schulter- und Nackenbereich führen kann. Das Tragen einer Prothese stellt die gleichmäßige Belastung beider Schultern wieder her und verhindert damit Haltungs- und Folgeschäden.

Viele Frauen tragen Epithesen oder brustformgebende Kleidung nur solange, bis die Operationswunden verheilt sind und an einen chirurgischen Brustaufbau gedacht werden kann. Verschiedenste Materialien werden für einen temporären oder auch dauerhaften Brustersatz genutzt. Eine junge, selbst an Krebs erkrankte Frau aus Maine/USA, Besitzerin eines Wollladens, kam auf die Idee, nach ihrer Mastektomie sich selbst eine Prothese zu stricken. Der Gedanke verbreitete sich ebenso weltweit wie die Bewegung »Knitted Knockers«. Sie drückt aus, was viele Frauen empfinden: selbstbewusst mit der Krankheit umzugehen, nach vorn zu sehen, im Hier und Jetzt zu leben und die Krankheit zu besiegen.

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