Atomkraft ist nicht die Lösung

AKW sind keine Heilsbringer in der Klimakrise, sondern eine Risikotechnologie von vorgestern, meint Olaf Bandt.

  • Olaf Bandt
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Klimakrise ist die drängendste Herausforderung unserer Zeit. Wir müssen jetzt handeln, um Schlimmeres zu verhindern. Die Bekämpfung der Klimakrise darf genauso wenig vertagt werden wie die Lösung der Corona-Pandemie, des übermäßigen Ressourcenverbrauchs oder des Artensterbens. Um der Erderhitzung zu begegnen, brauchen wir kein Revival der Atomkraft. Sie ist kein Heilsbringer in der Klimakrise, sondern eine Risikotechnologie von vorgestern. Atomkraft ist keine umweltverträgliche Lösung.

So dauert der Bau neuer Atomkraftwerke Jahrzehnte und ist mit immensen Kosten verbunden, die nur durch staatliche Subventionen zu realisieren sind. Privatwirtschaftlich rechnet sich der Bau neuer AKW nicht. Erneuerbare Energien hingegen sind wirtschaftlich und haben eine bessere CO2-Bilanz - die von Windkraft ist sogar dreimal besser als die von Atomstrom. Aus gutem Grund stagnieren deshalb neue Vorhaben oder werden reihenweise Planungen zu neuen Atomkraftwerken auf Eis gelegt. Beispielhaft hierfür ist die Ankündigung Frankreichs vor einem Jahr, bis zu sechs neue Meiler zu bauen. Monate später ruderte die Regierung zurück: Man wolle erst in zwei Jahren entscheiden, aber vielleicht setze man stattdessen auch auf 100 Prozent erneuerbare Energien. Zwar beträgt in Frankreich der Anteil von Atomstrom im Strommix etwa 70 Prozent, im Sommer muss das Land aber immer häufiger Ökostrom aus Deutschland beziehen, weil die heißeren Sommer die Kühlwasserversorgung der Atomkraftwerke stören und die Meiler heruntergefahren werden müssen.

Nicht nur der Atommüll am Ende der nuklearen Kette widerspricht der Mär von einer sauberen Energiequelle. Bereits die Uranförderung geht einher mit der Ausbeutung von Natur und Mensch - meist indigener Bevölkerung -, lang anhaltender Umweltverschmutzung und dem Leid und Tod vieler Arbeiter*innen durch Verstrahlung. Schon jetzt sind die ergiebigsten Uranminen weltweit weitgehend ausgebeutet. Es wird deutlich schwieriger und energieintensiver, weitere Vorkommen zu erschließen. Dabei kann sich die Treibhausgasbilanz je nach Szenario um 55 bis 220 Prozent erhöhen. Mit einem Mehr an Atomenergie steigt also auch deren CO2-Emmission. Und die Jahrtausendaufgabe der Langzeitlagerung des Atommülls ist hier noch gar nicht mitgedacht, Folgekosten sind nicht eingepreist.

Ebenfalls problematisch ist es, die Laufzeit von AKWs immer weiter zu verlängern, da so alterungsbedingte Schäden potenziert werden. Auch in Deutschland sind jederzeit ein größerer Störfall oder ein Super-GAU möglich. Die noch betriebenen deutschen Atomkraftwerke entsprechen nicht mehr dem heutigen Stand der Technik. Die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima, aber auch die Vernichtungskraft der Atomwaffen, mahnen uns, dieser gefährlichen Technik ein Ende zu bereiten.

Dabei begann die Nutzung der Atomkraft einst mit dem Versprechen, man habe bald eine »Lösung« des Atommüllproblems. Wie wir heute wissen: Weit gefehlt - es gibt keinen Entwicklungssprung, der auf eine solche Lösung hindeutet. Statt das Atommüllproblem immer weiter auf nachfolgende Generationen zu vertagen, müssen sich Politik und Gesellschaft, die von der Atomenergie profitiert haben, ernsthaft und auf wissenschaftlicher Grundlage darum kümmern, wie wir die strahlenden Hinterlassenschaft sicher verwahren können.

Schließlich geht es bei allen Anstrengungen, die Erderhitzung aufzuhalten, darum, die katastrophalen Auswirkungen auf unsere Umwelt und damit unsere Lebensräume zu verhindern. Atomkraft ist und bleibt nicht umweltverträglich. Doch auch wenn in eineinhalb Jahren die letzten deutschen AKW vom Netz gehen, haben Forschungsreaktoren, die Urananreicherungsanlage in Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen weiterhin unbefristete Betriebsgenehmigungen. Deutschland bleibt damit Teil der nuklearen Kette.

Dabei liegen die Alternativen auf der Hand: Ein sofortiger Atomausstieg, ein Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2030 und der ambitionierte naturverträgliche Ausbau Erneuerbarer Energien mit mehr Energieerzeugung aus Bürger*innenhand - gegen den Klimawandel, gegen den Verlust der Biodiversität und für den Erhalt unserer Umwelt.

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