• Politik
  • Dr. Schmidt erklärt die Welt

Wie kann man sich technisch nur so irren?

Dr. Schmidt über Fehlprognosen in der Technikentwicklung

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 2 Min.

Im vergangenen Jahr wurden erstmals seit 1986 wieder mehr Vinylplatten als CDs verkauft. Dabei dachte man, dieser Tonträger sei im letzten Jahrhundert gestorben.

Dachte man. Deshalb haben viele Leute, darunter dummerweise auch ich, sich damals etliche ihrer Platten als CDs neu gekauft.

Umgerüstet, wie man damals gesagt hat. Das hat die Umsätze der Musikindustrie verfünffacht.

Ein Riesengeschäft, aber auch der Einstieg in den Ausstieg. Denn die digitale Form war natürlich perfekt zum Kopieren. Eine Schallplatte konntest du nur auf Tonband oder Kassette überspielen - Qualitätsverlust garantiert. Die CD kannst du 1:1 kopieren.

Und deshalb hat die Firma Philips nicht nur die ersten CD-Spieler gebaut, sondern auch die ersten Brenner. Ganz so wie Marx sagt, dass der Kapitalismus anarchisch funktioniert.

Die Kassetten waren auch schon ein Patent von Philips. Doch der Hauptschlag gegen die Musikindustrie war die Erfindung des komprimierten Audioformats MP3 in einem Fraunhofer-Institut, was dann andere zu Geld gemacht haben, zum Beispiel Apple. Das hatte niemand vorhergesehen.

Und was sind weitere Fehleinschätzungen in der Technikgeschichte?

1899 hat in den USA der damalige Chef des Patentamtes den Präsidenten ersucht, sein Amt aufzulösen, es sei alles schon erfunden. Und 1943 meinte der damalige Chef von IBM, weltweit würden maximal fünf Computer reichen. Und der Chef von Digital Equipment glaubte noch 1977, dass die Menschen zu Hause keine Rechner haben wollten. Und in den 1920er Jahren war selbst der Sciencefiction-Autor H. G. Wells überzeugt, das Radio habe sich bald wieder erledigt.

Und das Fernsehen?

Das versucht unentwegt sich selbst zu revolutionieren. In den frühen 2000ern verkündeten die Konzerne, dass nun der 3-D-Fernseher kommt.

Kann ich mich gar nicht dran erinnern.

Siehste.

Oh Mann. Und jetzt Hand aufs Herz: Hast du denn noch Schallplatten, die du anhörst?

Noch eine ganze Menge, die höre ich auch. Erst letzte Woche mal wieder, um festzustellen, dass sie klanglich deutlich abfällt gegenüber ihrer CD-Version.

Ach so? Das ist eine Extra-Diskussion, das werden wir noch mal gesondert behandeln.

Das eigentliche Problem an der Schallplatte ist aber, dass man andauernd aufstehen muss, um sie umzudrehen oder eine neue aufzulegen.

Das hat einen früher nicht gestört.

Da habe ich meine Tonbänder vorgezogen. Die liefen nämlich länger.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung