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»Wir nennen es das Lager der Schande«

Die Kanaren beschweren sich über mangelnde Unterstützung bei der Versorgung von Geflüchteten

  • Von Maren Häussermann, Gran Canaria
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Sonne knallt auf die Hafenmole Arguineguín von Mogán im Süden Gran Canarias. Afrikaner sitzen an der Uferkante, lassen Plastikflaschen an Seilen hinunter ins Meerwasser, um sich damit abzukühlen. Schatten gibt es keinen. Aus Decken, die sie an den gelben Plastikabsperrungen der Stadt befestigt haben, sind kleine Zelte erstanden. In diesen warten die Männer, in Gruppen eingeteilt und mit Maske auf der Nase.

Es liegt vor allem an Corona, dass dieses Jahr schon 18 000 Migranten auf den Kanaren angekommen sind, rund 15 300 mehr als im gesamten Jahr 2019. Alternative Fluchtrouten sind wegen der Grenzkontrollen unbezwingbar. Tausende Mauretanier, Senegalesen und Marokkaner machen sich deshalb in Holzbooten auf den Weg über den Atlantik, wo sie nach tagelanger Reise erschöpft und dehydriert auf überarbeitete Mitarbeiter des Roten Kreuzes treffen - und auf eine Bevölkerung, die selbst genug Probleme hat.

Die Gemeinde Mogán hat 20 000 Einwohner, und im kleinen Hafenbecken schaukeln vor allem blau-rot-weiße Fischerboote. Möwen kreischen, das Meer rauscht. Ausgerechnet der Fischereiverein, in dessen Restaurant sich nun Journalisten, Juristen und Polizisten tummeln, hat gegen die Migranten Stimmung gemacht. Vor einigen Wochen hat er eine Demonstration organisiert, an der auch die Bürgermeisterin Onalia Bueno teilnahm. Sie wird nicht müde, sich über die fehlende Unterstützung der spanischen Regierung zu beschweren, die im drei Flugstunden entfernten Madrid sitzt. »Wir nennen es das Lager der Schande. Es erfüllt die hygienischen Standards nicht. Es gibt 17 Duschen, aber vergangene Woche waren 2000 Menschen gleichzeitig hier.«

Fischfangkörbe liegen in der Sonne vor der Absperrung durch die Guardia Civil. Hier wartet auch ein Grüppchen schwitzender Journalisten darauf, dass irgendetwas passiert, über das sie berichten könnten. Ein paar Meter weiter, im Schatten eines Lkws, sammeln sich die Pflichtverteidiger. »Erst mal müssen die Migranten einen Coronatest machen und auf das Ergebnis hier im Hafen warten. Sie werden in den Gruppen behalten, in denen sie angekommen sind. Manchmal sind das bis zu 100 Leute. Wir werden ihnen zugeteilt und helfen mit den Asylanträgen«, erklärt der Anwalt Julio Batista in seinem Anzug, mit der Aktentasche in der Hand.

Das Innenministerium hat vergangene Woche damit begonnen, die Flüchtlinge in stillgelegten Militäranlagen unterzubringen. Auf das Festland sollen sie nicht gebracht werden, um keinen Anreiz für weitere Migranten zu schaffen, wie der Verkehrsminister José Luis Ábalos klarstellte. Und so stecken die Männer auf der Insel fest, die meisten werden sie wohl per Abschiebeflug wieder verlassen. Zur vorübergehenden Besserung der Lage hatten Hotelbesitzer leer stehende Hotelzimmer zur Verfügung gestellt, wo die Geflüchteten zunächst eine zweiwöchige Quarantäne verbringen.

Die Menschen, die in diesen Tagen auf Gran Canaria ankommen, haben einen anderen Hintergrund als die Flüchtlinge, die 2015 aus Syrien nach Europa kamen. Die Afrikaner mussten nicht wegen Krieg ihr Studium abbrechen, sie können oft kein Englisch, sie haben kein Geld. Sie kommen, weil durch das Coronavirus alles Schlechte noch schlimmer geworden ist, weil es keine Arbeit in ihrer Heimat gibt. Die Menschen aus Mali, der Côte d’Ivoire und Guinea haben einen Anspruch auf internationalen Schutz. Auf brüchigem Französisch erzählt ein junger Mann um die 20, er sei vor Hunger geflohen, vor Armut und Krieg. Er spricht leise und mit verschränkten Armen.

Hinter ihm erstrecken sich Hotelkomplexe vor Palmen und braunen Felsen. Etwas weiter hinten glänzt das Meer. Dort sitzen deutsche »Lockdown-Flüchtlinge« auf Stühlen im Sand. Ein bisschen Ignoranz hilft, die rund 30 Flüchtlinge zu übersehen, die keine hundert Meter weiter am Strand Fußball spielen, während man sich selbst einen hinter die Binde kippt. Die Touristen scheren sich nicht um die Migranten. Sie sind gekommen, weil die Infektionszahlen auf den Kanaren vergleichsweise niedrig sind und sie deshalb nicht mehr als Risikogebiet gelten. Dazu kommt, dass die Inselgruppe der Kanaren mit ihrem gemäßigten Klima, den dunklen Stränden und der vulkanischen Mondlandschaft seit jeher ein beliebtes Urlaubsziel ist.

Aber durch die Pandemie ist auch hier der Tourismus eingebrochen, allein im Oktober gibt es 87 Prozent weniger Übernachtungen als im Vorjahresmonat. Die Inselbewohner wissen nicht, wie es weitergehen soll. Ohne Touristen sind die Restaurants leer, ebenso wie die vier- bis fünfstöckigen Hotels mit den flachen Dächern in Gelb, Hellblau und Rosa. Eine Bürgerplattform droht damit, die Hotelbetreiber zu verklagen, weil sie mit der Aufnehme der Flüchtlinge der Tourismusbranche schadeten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk geht davon aus, dass der Flüchtlingsstrom nicht abbrechen wird.

Ein junger Mann aus dem Senegal telefoniert mit seiner Mutter. Das Hotel-WLAN reicht bis hierher auf die Mauer, auf der er sitzt. Fröhlich zeigt er ihr Gesicht auf dem Bildschirm der Runde von Migranten in Jogginghosen, Flipflops und T-Shirts. Sie alle wollen endlich weiter nach »Grand Espagne«, auf das Festland. Sie können nicht länger hier rumsitzen, müssen doch Geld verdienen, denn die Familie wartet. Es scheint, sie haben keine Ahnung, können nicht verstehen, welche Realität sie wirklich erwartet.

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