Schubladendenken statt Journalismus

Eine Antwort von Terre des Femmes an die nd-Kolumnistin Sibel Schick

  • Lesedauer: 4 Min.

Dieser Beitrag zur Arbeit von Terre des Femmes ist eine Richtigstellung und Reaktion auf die Meinungskolumne »In die rechte Ecke« von Sibel Schick. Frau Schick veröffentlichte ihre Meinung, kaum getarnt als Journalismus, in der Online-Ausgabe der Zeitung »nd.Der Tag«und steckte, damit sich die Mühe lohnt, die Arbeit von Terre des Femmes in gleich zwei Schubladen: die des Rassismus und die der Transfeindlichkeit.

Vereinfachungen und Schubladendenken sind aber keine Meinung und noch weniger Journalismus. Terre des Femmes setzt sich seit fast 40 Jahren dafür ein, dass Mädchen und Frauen ein gleichberechtigtes, selbstbestimmtes und freies Leben ermöglicht wird. Wir sind ein demokratischer Menschenrechtsverein, der die Gleichstellung aller Menschen anstrebt. Als größte Frauenrechtsorganisation Deutschlands setzen wir uns gegen alle Diskriminierungen ein, die Mädchen und Frauen aufgrund ihres weiblichen Geschlechts erfahren. Unser Einsatz gilt dem Schutz von Mädchen und Frauen vor Zwangsverheiratungen und Frühehen, weiblicher Genitalverstümmelung, Frauenhandel, Prostitution, häusliche und sexualisierte Gewalt.

Es wäre so schön einfach und für viele leicht verständlich, das Geschlecht mit den Reproduktionsorganen gleichzustellen, darauf zu reduzieren und alles andere, wie z.B. soziale Gegebenheiten, zu ignorieren. Terre des Femmes tut dies nicht. Terre des Femmes stellt fest: Je nachdem, ob man als Junge oder Mädchen auf die Welt kommt, wird man anderen Erfahrungen und eventuell auch Gefahren ausgesetzt. So erfahren Mädchen Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen, die Jungen in der Regel nicht erleben müssen. Sie sind unter anderem von Zwangsverheiratungen, sexualisierter Gewalt oder Genitalverstümmelungen im Namen des Patriarchats bedroht oder betroffen.

Unser Einsatz für Mädchen und Frauen in diesen Kerngebieten (Zwangsverheiratung und Frühehen, weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel und Prostitution, häusliche und sexualisierte Gewalt) ist stetig und heute notwendiger denn je. Wenn eine TransFrau von einer dieser Gewaltformen betroffen ist, setzen wir uns selbstverständlich auch für sie ein. Wer Hilfe braucht, bekommt sie. Punkt. Frauen zu schützen bedeutet auch, sich für Schutzorte speziell für Frauen einzusetzen, wie zum Beispiel für Frauenhäuser. Terre des Femmes stellt sich bedingungslos hinter Frauenhäuser, die im Einzelfall entscheiden müssen, wen sie aufnehmen. Jede Person weiblichen Geschlechts (z.B. wie im Reisepass eingetragen, also auch TransFrauen) sollte dort Zuflucht finden können.

Terre des Femmes setzt sich für alle Frauen ein, ungeachtet von Religion, Kultur, sexuelle Orientierung oder vom sozialen Hintergrund. Wir differenzieren nicht innerhalb von Frauen und sehen alle Frauen als Menschen erster Klasse. Keine Schubladen oder Unterschubladen. Deswegen fordern wir die Pflicht des Staates ein, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu wahren. Das geht für uns nur mit Neutralität in staatlichen Einrichtungen einher, weshalb wir ein Verbot aller religiösen Symbole in Bildungseinrichtungen, Gerichten, Parlamenten usw. fordern. Das Kinderkopftuch bei Mädchen führt zu ungleicher Behandlung und Aufwachsen von Mädchen und Jungen in Schulen. Sich dagegen im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen, ist kein Rassismus, sondern konsequenter Mädchenschutz.

Zusatz: Diese Antwort von Terre des Femmes auf die Anfrage von Frau Schick hat die Autorin nicht veröffentlicht. Schade.

»Sehr geehrte Frau Schick, haben Sie vielen Dank für das Interesse an unserer Position zu «Transgender, Selbstbestimmung und Geschlecht». Wir freuen uns immer über den Austausch rund um Feminismusfragen. Ihre Anfrage beruht auf Thesen, die Sie uns zuschreiben und wir als Menschenrechtsorganisation nicht vertreten. Da diese jedoch die von Ihnen gewählte Grundlage bilden, können wir daran nicht anknüpfen. Sie gaben an, dass Ihr Artikel ein Meinungsstück werden soll. Auf uns wirkt Ihre E-Mail, als hätten Sie sich schon eine feste Meinung über uns gebildet, was wir bedauern. Sollten wir uns täuschen, freuen wir uns über einen konstruktiven Austausch mit Ihnen und über journalistisch neutral formulierte Fragen. Mit freundlichen Grüßen«

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