Da war es nur noch eins

Eine halbe Million Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs. Olivier David ist einer von ihnen. Er schreibt über die Behandlung seines Hodenkrebses und wundert sich über die weit verbreitete Unwissenheit.

  • Von Olivier David
  • Lesedauer: 7 Min.

Tagebucheintrag 24. April 2020, 16.29 Uhr:

Termin beim Urologen, nachdem ich tagelang Schmerzen hatte. Als Dr. T. nach dem Abtasten des Hodens das Gel für den Ultraschall aufträgt, komme ich ins Grübeln. Was, wenn es keine einfache Erklärung für die Schmerzen der letzten Tage gibt? Was, wenn du dieses Mal nicht so einfach davonkommst? Gedanken, die jedem manchmal beim Arztbesuch kommen. Gedanken, die man denkt, um noch schnell Buße zu tun, wenn man wieder einmal feststellt, dass man nicht dankbar genug für die eigene Gesundheit war. Sie als zu selbstverständlich hingenommen hat. Diesmal sollte ich nicht davonkommen. Die Diagnose nach wenigen Minuten: Hodenkrebs. Sachlich eröffnet mir Dr. T., dass das, was man da im linken Hoden spüren kann, höchstwahrscheinlich ein Tumor ist, höchstwahrscheinlich bösartig. Also Krebs. Er ist nett, erklärt, hört sich geduldig die Fragen an, die ich zu stellen in der Lage bin. Der linke Hoden müsse operiert werden. Und das am besten gleich in den nächsten Tagen. Und operiert heißt entfernt, erst dann könne man mit Gewissheit sagen, ob der schmerzende Gnubbel in meinem Hoden das ist, was Dr. T. glaubt: ein bösartiger Tumor. Er sitzt vor mir und ruft im Krankenhaus an, das eine sehr gute Hodenkrebsabteilung haben soll. Er könne per Sonografie aktuell nicht feststellen, ob der Krebs gestreut habe, da müsse man jetzt die genaueren Untersuchungen abwarten.

Etwa eine halbe Million Menschen bekommen jedes Jahr in Deutschland die Diagnose Krebs. Die meisten der Krebserkrankungen sind auf die in unseren Breitengraden steigende Lebenserwartung zurückzuführen. Das ist in meinem Fall anders, ich bin 32 Jahre alt, zum Zeitpunkt der Diagnose war ich 31. Für einen Krebspatienten ein ziemlich ungewöhnliches Alter, für einen Patienten mit Hodenkrebs hingegen nicht. Das mittlere Erkrankungsalter, so wird das Durchschnittsalter medizinisch genannt, liegt bei 37 Jahren. Über 4000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Hodenkrebs, das macht nur etwa 1,6 Prozent aller Krebsneuerkrankungen aus. Es mag zynisch klingen, aber tatsächlich ist Hodenkrebs ein dankbarer Krebs, wie sich schnell herausstellt - wenn er denn rechtzeitig erkannt wird. Denn bei wenigen Krebsarten ist die Sterberate so gering: Etwa 97 Prozent der Menschen, die an Hodenkrebs erkranken, überleben ihn. Dann ist ja eigentlich alles gut, oder? Glück im Unglück.

Doch plötzlich war bei mir alles anders, die Vorzeichen drehten sich um. Ich hörte Sätze wie »fast alle überleben den Hodenkrebs« und ich dachte mir: Wie jetzt, FAST alle? Was ist mit mir, fragte ich mich. Werde ich überleben? Doch vor einem Gespräch im Krankenhaus, in dem man mir noch einmal genau erklärte, wie es jetzt ablaufen würde und in dem ich mit vielen Fragen konfrontiert wurde, auf die gesunde Menschen ad hoc keine Antwort wissen (Spermien einfrieren zwecks zukünftigem Kinderwunsch: Ja oder Nein, »Herr David, es gibt die Möglichkeit, sich eine Hodenprothese einsetzen zu lassen, was halten Sie davon?«) war erst einmal Wochenende und ich hatte alle Zeit der Welt, mich ganz in Ruhe zu stressen.

Tagebucheintrag 1. Mai 2020, 18.09 Uhr

Wie ich wegdämmerte, weiß ich nicht mehr, umso erstaunter wache ich auf, wie man eben aufwacht nach so einer OP: völlig verstrahlt. Nachdem ich voller Hingebung zwei Portionen Orangeneis weggelutscht habe, komme ich wieder bei mir an und stelle fest, dass ich Schmerzen habe. Einige Zeit nach dem Aufwachen werde ich in mein Zimmer gefahren und mir geht’s langsam besser, bevor es mir von der einen auf die andere Sekunde schlagartig wieder schlechter geht. Ich brauche bitte mehr Schmerzmittel, Schwester! Irgendwann doziere ich vor meinem Zimmernachbarn, völlig high von den Tabletten, über politisches Recht und Unrecht, bis ich schließlich einschlafe. Am Tag nach der OP bekomme ich bereits morgens gute Nachrichten. CT und Blutbild zeigen keine Metastasen. Die Doktorin: »Aktuell gibt es keinen Anlass zu denken, dass der Tumor irgendwo anders war als in Ihrem Hoden. Die Tumormarker im Blut sind nach der Operation deutlich zurückgegangen.« Heute geht es mir auch schon viel besser, gleich werde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Ab jetzt heißt es wait and see. Alle drei Monate werde ich in den kommenden zwei Jahren untersucht. Noch liegt das Risiko, dass der Krebs doch noch Metastasen bildet, bei etwa fünfzehn Prozent. Erst nach fünf Jahren tragen Hodenkrebspatienten wieder beinahe dasselbe Risiko, an Krebs zu erkranken, wie die Normalbevölkerung.

In den kommenden Wochen passierten simultan zwei Dinge: Ich gesundete langsam, auch wenn die neue Prothese zwickte und sich alles zwischen den Beinen nach Baustelle anfühlte. Aber noch interessanter war ein anderes Phänomen. Wenn ich von meiner Erkrankung erzählte, traf ich immer wieder auf völlig geschockte Freunde, vor allem Männer, die mich, beinahe überempathisch, ausfragten, woran man das denn erkennt, Hodenkrebs. Wie sich das anfühlt, weil man habe da auch neulich irgendwas Komisches gefühlt und man wüsste jetzt nicht genau. Wie das denn sei beim Urologen?

Wie aus dem Nichts wurde ich zum großer Aufklärer, der einen anscheinend rückständigen Teil der Bevölkerung - Männer - ins neue Jahrtausend führte. Ich stellte fest, dass das Thema Männergesundheit in vielen Kreisen überhaupt noch nicht angekommen ist. Ein relevanter Teil meiner Freunde war noch nie beim Urologen. Scham, Unwissenheit, dazu der aus einer Hilflosigkeit geborene Glaube, dass schon alles gut gehen werde.

Während bei den Frauen in Deutschland 2016 immerhin jede zweite zur Krebsvorsorge ging, traute sich währenddessen nur jeder vierte Mann zum Arzt. Ein Bekannter brachte neulich sein Dilemma auf den Punkt: »Ich will nicht zum Arzt gehen, um dann zu hören, dass ich nur noch ein paar kurze qualvolle Monate zu leben habe. Da will ich lieber bis zum Ende weitermachen und dann überrascht es mich.« Auf meinen Einwand hin, dass diese Diagnose vermutlich kaum realistisch sei und es viel wahrscheinlicher wäre, dass man, gerade wenn man zur Vorsorge gehe, eine beginnende Erkrankung noch rechtzeitig entdecken würde, erntete ich große Augen - und Schweigen.

Dass Männer nicht zum Arzt gehen, ist ein Phänomen, das Christian Wülfing nur allzu gut kennt. Wülfing ist Chefarzt in der Asklepios Klinik Altona in Hamburg und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Für ihn wird das Problem von Generation zu Generation weitergetragen. »Mädchen gehen mit 13 oder 14 mit ihrer Mutter zum Gynäkologen, der Sohn aber geht nicht mit seinem Vater zum Urologen, weil ja der Vater schon auch nicht hingeht«, sagt er. Wülfing will Männer zu einem gesunden Bewusstsein für den eigenen Körper ermuntern - kein einfaches Unterfangen, überall lauern Hürden. Die Krankenkassen zahlen für Früherkennung bei Männern erst ab dem 45. Lebensjahr. Zur Erinnerung: Das mittlere Erkrankungsalter bei Hodenkrebs liegt bei 37 Jahren. Da greift eine Früherkennung beim Durchschnitt der Patienten zu spät. Ein weiteres Problem sieht er darin, dass »die gesetzliche Früherkennung bei Männern gar nicht vorsieht, Hodenkrebs zu entdecken«. Es gehe bei der Früherkennung darum, den viel häufiger auftretenden Prostatakrebs rechtzeitig zu bemerken.

Ich bin nun über ein halbes Jahr krebsfrei. Die Zahlen sprechen mehrheitlich dafür, dass es so bleibt. Ein Arzt sagte, als ich ihm von meiner Angst erzählte, dass der Krebs wiederkommen könnte, zwei schlaue Sätze: »Wir gehen mit der irrigen Annahme durchs Leben, dass unsere Gesundheit selbstverständlich ist - solange bis es uns trifft. Es ist total normal, dass einem danach erst einmal das Vertrauen in die Welt abhanden kommt.« Ja, das Vertrauen in die Welt. Es ist mir zwar nicht vollends abhanden gekommen, aber es ist doch deutlich ins Wanken geraten. In die Lücke, die entstand, als mein Urvertrauen in meinen Körper abnahm, ist nun ein anderes Vertrauen hineingewachsen: Das Vertrauen in meinen Instinkt. Das Vertrauen darin, dass ich mir und meinem Körper gegenüber wach bin. Dass ich bemerke, wenn etwas nicht stimmt. Und auch wenn ich neidisch auf all jene bin, die völlig grundlos darauf vertrauen können, dass ihre Körper ihnen zur Verfügung stehen, erscheint mir mein neues Vertrauen mindestens genauso wertvoll, denn es kommt von mir selbst und beruht nicht auf Glück.

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