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Vom Hamstern und Sparen

Die Coronakrise löste elementare Unsicherheiten und den Drang zum Horten aus

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Bereits im Oktober ging es wieder los: Deutschlandweit stiegen die Preise für Klopapier - in der Marktwirtschaft ein Hinweis auf vermehrte Nachfrage. Die Furcht vor der zweiten Coronawelle verteuerte auch andere Hygieneartikel wie Flüssigseife. Anders als im Frühjahr allerdings führten die Hamsterkäufe im Herbst nicht zu leeren Regalen, auch nicht bei Hefe, Pasta und Mehl (Type 405). Das Hamstern, so erklären Psychologen, ist weniger dem Kapitalismus geschuldet, es liege in der Natur des Menschen. Diese Erklärung tut jedoch beiden unrecht - der menschlichen Psyche und dem Hamster.

Die meisten der zur Familie der Cricetinae gehörenden Wühler legen Vorräte für den Winter an, wobei ihnen ihre Backentaschen gute Dienste leisten. In den Vorratskammern einzelner Feldhamster wurden schon 90 Kilogramm Pflanzenmaterial gefunden, berichtet die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Dieses Verhalten ist vernünftig. Denn der Hamster hält keinen Winterschlaf. Auch wenn Nahrung knapp ist, wacht er immer wieder auf und braucht zu essen.

Auch Menschen horten Dinge des Bedarfs, sofern sie nicht dazu gezwungen sind, von der Hand in den Mund zu leben. »Menschen haben Bohnen in der Kammer, Geld auf ihrem Sparkonto und verstecken Schokolade vor den Kindern«, erklärt die Psychologin Stephanie Preston von der University of Michigan

Während bei Konsumenten und Hamstern der angelegte Vorrat normalerweise dem späteren Verbrauch dient, kann man bei Unternehmen und Schwerreichen das Horten schon als eigenen Zweck bezeichnen. Sie häufen Reichtümer an und geben Geld vor allem dafür aus, diesen Reichtum zu vermehren: Sie sind permanent »investiert« und bekommen nie genug. Denn Geldsummen kennen keine natürliche Schranke und sind daher immer zu klein. Dem Schatzbildner, so Karl Marx, geht es »wie dem Welteroberer, der mit jedem neuen Land nur eine neue Grenze erobert«.

Wenn Ökonomen von Horten und Hamstern sprechen, meinen sie allerdings meist nicht die Akkumulation von Geldsummen, sondern Dinge des Bedarfs. Dies, so US-Psychologin Preston, sei ein »ganz normales Anpassungsverhalten«, das Menschen an den Tag legen, wenn »das Angebot von Ressourcen unregelmäßig ist« oder dies erwartet werde. »Die Menschen handeln nur so, wie die Evolution sie verdrahtet hat.« In uns allen wirke so der tief verwurzelten Drang nach Sicherheit.

So weit, so verständlich. Dennoch bleibt im Falle der jüngsten Klopapierkrise die Frage: Woher kam denn die Unsicherheit? Hier schon zeigt sich der Unterschied zum Hamster. Für den vorausschauenden Nager ist das Ressourcenangebot von der Natur gegeben - Ökonomen würden von einer »exogenen« Größe sprechen. Der Hamster kann bloß sammeln, was herumliegt.

Der Mensch hat in dieser Hinsicht die Natur weitgehend überwunden, Klopapier wächst nicht an Bäumen sondern kommt aus Fabriken. Die Versorgung war zu keinem Zeitpunkt der Coronakrise gefährdet. »Niemand muss leere Regale befürchten«, sagte im Oktober ein Sprecher des Großhandelskonzerns Metro. Dass es dennoch zur Hortung kam, erklärte der Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald der Deutschen Presse-Agentur so: »Mit den Hamsterkäufen rüsten wir auf gegen unsere Ohnmacht.«

Diese Ohnmacht jedoch resultiert nicht aus einer Abhängigkeit von den unbeherrschbaren Launen der Natur. Sondern vermutlich aus dem jedem bekannten Gefühl, für die eigene Versorgung selbst zuständig zu sein, und das in einem potenziell unsicheren Umfeld, in dem man es mit Gegnern zu tun hat, von denen man abhängig ist: Kaum steigt der Bedarf an Klopapier, machen sich die Produzenten des begehrten Gutes dies zu nutze und fordern mehr Geld. Die Klopapierpreise steigen, was die empfundene Not der Nachfrager vergrößert, worauf sie mehr horten, was die Güter weiter verteuert - ein Phänomen, mit dem ein Hamster nicht zu kämpfen hat.

Der Mensch im neoliberalen Kapitalismus ist in eigenartiger Weise vergesellschaftet: Einerseits weiß er, dass Klopapier produziert und verteilt wird, die Versorgung also eine gemeinschaftliche Sache ist. Andererseits weiß er, dass seine Versorgung nur so weit reicht wie sein Geldbeutel und seine Findigkeit, er also inmitten des gesellschaftlichen Reichtums auf sich selbst gestellt ist: Er ist allein und muss sich gegen die anderen durchsetzen - und mit Krisen muss immer gerechnet werden. Psychologen mögen das Hamstern als natürliches menschliches Verhalten in der Not klassifizieren. Sie sparen sich jedoch die Frage, woher die Not kommt - die empfundene und die reale.

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