»Ich kam mit vielen Träumen«

Warten und Angst im Flüchtlingslager auf Lesbos

  • Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 4 Min.
Als im September ein verheerender Brand das heillos überfüllte Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos zerstörte, interviewte ich Menschen, die durch den Brand alles verloren hatten, jetzt auf der Straße lebten. Per Video-Telefonie sprach ich damals mit der 16-jährigen Mahdie aus Afghanistan.

Obwohl sie in ihrem Leben nur drei Monate Englisch-Unterricht hatte, erzählte sie mir nach dem Feuer in Moria in fließendem Englisch, dass sie Angst habe, im Flüchtlingslager vergewaltigt zu werden, und dass sie hoffe, dass ein europäisches Land – am liebsten Deutschland – sie aufnehmen würde. Mahdies Bild und Mahdies Geschichte erschienen damals auch in dieser Zeitung.

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Ich musste in den letzten Wochen oft an das Mädchen denken, die mich drei Monate zuvor mit ihrem tollen Englisch beeindruckt und mit ihren Sorgen traurig gemacht hatte. Ob sie es wohl nach Deutschland geschafft hat? Oder ob sie noch immer jede Nacht in einem Zelt in einem Flüchtlingslager liegt und fürchtet, vergewaltigt zu werden?

Als ich in meinem Handy ihre Nummer nachschaute, fiel mir auf, dass ihr WhatsApp-Profil mittlerweile eine deutschsprachige Statusmeldung hat. »Ich kam mit vielen Träumen«, heißt es dort neben dem Symbol eines schwarzen Herzens. Ich rufe Mahdie per Videotelefonie an.

Als sie abnimmt, trägt sie eine Mund-Nasen-Maske und eine dicke Jacke. Im Hintergrund erkenne ich die weißen Zelte des neuen Flüchtlingslagers auf Lesbos. Mahdies Hoffnung hat sich also nicht erfüllt, wahrscheinlich hat sie nach wie vor jede Nacht Angst.
Ich unterhalte ich mich auf Englisch mit Mahdie, dann frage ich nach ihrer deutschem Statusmeldung »Ich kam mit vielen Träumen.«

»Ich lerne jetzt Deutsch«, antwortet Mahdie – das afghanische Mädchen, das ihr Leben lang auf der Flucht war und nur sieben Jahre zur Schule gegangen ist. Wie zuvor Englisch, lernt sie jetzt Deutsch über Lernvideos auf YouTube, die sie sich auf ihrem alten Handy anguckt. Für die Internetverbindung gibt sie fast ihr gesamtes Geld aus. Mahdie hofft, dass die Investition sich eines Tages bezahlt macht.

»Was waren Deine Träume?«, frage ich sie. »Als ich mit meinem kleinen Bruder und meiner kranken Mutter als Flüchtling im Iran gelebt habe, haben die Leute uns dort wie die Tiere behandelt. Ich habe damals gedacht, dass Europa das Paradies sei. Aber was ich in Moria erlebt habe, war die Hölle«, berichtet Mahdie.

Sie vermutet, dass die griechische Regierung mit Zustimmung der EU die Situation in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln über Jahre absichtlich unerträglich werden ließ, um weitere Kinder, Frauen und Männer von einer Flucht nach Europa abzuhalten. Sie hat von Verzweifelten gehört, die deshalb versucht haben, sich in Moria das Leben zu nehmen. Einige haben es geschafft.

In den Tagen nach dem verheerenden Brand in Moria schafften es die Berichte über die katastrophalen Lebensbedingungen im Lager auch in deutsche Zeitungen, Fernseh- und Radiosendungen. Deutschland beschloss damals, 1553 Menschen aus den griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland zu holen. Mahdie hatte gebetet, dass ihre Mutter, ihr Bruder und sie auf der Liste stehen würden. Ihre Gebete wurden nicht erhört.

»Die Welt hat uns vergessen. Wenn ich hier sterbe, wird es keiner mitbekommen, und niemanden wird es kümmern«, sagt Mahdie. So viel Resignation in der Stimme einer 16-Jährigen zu hören, tut mir weh. Dann fragt Mahdie, ob ich mitbekommen habe, dass kürzlich wieder zwei Frauen vor der Küste Lesbos’ ertrunken sind.

Ich hatte noch nicht gelesen, dass wieder ein Flüchtlingsboot vor der griechischen Insel gesunken war. Mahdies düstere Prognose zur Gleichgültigkeit gegenüber den Dramen, die sich jeden Tag in den Flüchtlingslagern auf Lesbos und auf der Meerenge zwischen Griechenland und der Türkei abspielen, bewahrheitet sich.

Mahdie erzählt mir, dass in der letzten Nacht wieder einmal jemand versucht hat, in ihr Zelt einzudringen. Sie weiß nicht, ob der Eindringling etwas klauen oder sich an ihr vergehen wollte. Sie schrie so laut sie konnte, der Unbekannte lief davon. »Ich habe keinen Vater mehr. Ich bin mit meiner kranken Mutter und meinem kleinen Bruder allein. Im Lager nehmen sich manche Männer einfach, was sie wollen. Und ich habe niemanden, der mich beschützen kann«, sagt Mahdie, die aus Angst vor einer Vergewaltigung auch tagsüber das Zelt kaum verlässt.

Wenn sie im zugigen Zelt mit Hilfe von YouTube Deutsch-Vokabeln paukt, kann sie das Lager, in dem sie festsitzt, manchmal vergessen und sich in eine andere Welt flüchten. In ihren Tagträumen studiert sie dann Pharmazie in Essen, Frankfurt oder Berlin.

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