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Gedenken lässt sich nicht verschieben

1500 Menschen bei Liebknecht-Luxemburg-Demonstration – Polizei geht brutal gegen FDJler vor

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Angesichts der Corona-Pandemie wurden am Sonntag in Berlin-Friedrichsfelde weniger rote Nelken abgelegt als sonst.
Angesichts der Corona-Pandemie wurden am Sonntag in Berlin-Friedrichsfelde weniger rote Nelken abgelegt als sonst.

»Trotz alledem«, schrieb Karl Liebknecht für die Ausgabe der Zeitung »Rote Fahne« vom 15. Januar 1919. Es war der Tag, an dem er und Rosa Luxemburg ermordet worden sind. Liebknecht bezog sich auf die gescheiterte Revolution vom November 1918. Am Sonntag schien dieses »Trotz alledem« auch für die Corona-Pandemie zu gelten. Das stille Gedenken an Liebknecht und Luxemburg hat die Berliner Linke zwar vorsichtshalber auf den 14. März verlegt, um Ansteckungen zu vermeiden. Wie nicht anders zu erwarten, kamen aber am Sonntagmorgen trotzdem Hunderte Menschen auf den Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde, um Kränze und rote Nelken niederzulegen.

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Darunter waren Dagmar Enkelmann und Daniela Trochowski vom Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Enkelmann betonte, dies sei für sie kein Pflichttermin, sondern ein echtes Bedürfnis. Sie kündigte an, im März solle es anlässlich des 150. Geburtstags unter anderem eine dreitägige Veranstaltung in der Volksbühne geben. »Schade«, kommentierte Trochowski, dass der Termin des stillen Gedenkens verschoben wurde. »Mit einem Hygienekonzept wäre es vielleicht möglich gewesen«, meinte sie. Deutlicher wurde der Rentner Konstantin Brandt, der schon seit DDR-Tagen – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – jedes Jahr am zweiten Sonntag im Januar zur Gedenkstätte der Sozialisten kommt, um Karl und Rosa zu ehren. Als er zeitweise nicht in Berlin wohnte, sondern in Schwerin, reiste er extra an. »Ich lasse mir von der Linkspartei nichts vorschreiben«, sagte Brandt. »So einen Termin kann man nicht verschieben.«

Es wird aber auch Verständnis geäußert für diejenigen, die sich trotz Abstandsgebot und Maskenpflicht nicht ganz sicher fühlen. Es wird nicht kritisiert, wer zu Hause blieb oder dafür gewesen wäre, auch die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration auf den 14. März zu verlegen. Carsten Schulz zum Beispiel, er ist stellvertretender Linke-Vorsitzender im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, hätte angesichts der Corona-Pandemie dieses Jahr lieber am 14. März demonstriert. Doch da dass Bündnis »LL-Demo« den Termin nicht verlegen wollte, ist Schulz dann doch am 10. Januar mitgelaufen. Sonst immer nur beim stillen Gedenken war der Bundestagsabgeordnete Alexander Neu (Linke), am Sonntag bei der Demonstration lief er dann gleich hinter dem Fronttransparent. »Die Argumente sind auf jeder Seite legitim«, sagte er mit Blick auf Befürworter und Kritiker des Aufzugs unter den herrschenden Bedingungen der Pandemie. »Ich persönlich habe mich entschieden, an der Demonstration teilzunehmen.«

»Bitte Abstand halten zu Kapitalismus und AfD und Nazis«, steht auf dem Schild eines Demonstranten. Aber auch untereinander halten alle Abstand und tragen Maske. Besonders vorbildlich tut dies der Block der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und ihrer Jugendorganisation, der sich extra weit auseinanderzieht. »Wir demonstrieren hier nicht, weil wir Querdenker sind, sondern Radikaldenker«, erklärte der DKP-Bundesvorsitzende Patrik Köbele Passanten und Anwohnern per Mikrofon. Das Virus sei gefährlich, aber noch gefährlicher sei es in Kombination mit dem Kapitalismus, der das Gesundheitswesen nach Profitinteressen gestalte und nicht nach den Bedürfnissen der Patienten, so Köbele.

Dass die Polizei an die Corona-Auflagen erinnerte, hätte sie sich auch sparen können, waren sie doch die Verursacher für die Verstöße. Denn nur in einem Block schlossen sich die Demonstranten Schulter an Schulter fest zusammen – allerdings erst, nachdem Polizisten am Treffpunkt der Demonstration in diesen Block eingedrungen waren und mehrere Menschen wegen ihrer FDJ-Fahnen zur Feststellung ihrer Personalien herausgezerrt hatten. Dabei griffen die Beamten hart zu – und von der Gegenseite flogen ein paar Gegenstände. Erst danach kam per Megafon die Aufforderung, sich dicht zusammenzuschließen, um die FDJler zu schützen.

Noch nie zuvor ist die Polizei bei einer Liebknecht-Luxemburg-Demonstration gegen die FDJ vorgegangen, sagt Holger Werner, der am Sonntag als Ordner dabei war. Er selbst trat als 14-Jähriger in der DDR aus der FDJ aus, weil seine Mutter nicht zur Beerdigung seines Großvaters in den Westen reisen durfte. Wegen seines Austritts habe er in der Schule Schwierigkeiten bekommen, sagt er. Werner ist Mitglied der Grünen und bestimmt kein Freund der FDJ. Die jungen FDJler würde er gern mal ins Jugendwiderstandsmuseum einladen, um ihnen bei einer Führung mal zu zeigen, was ihre Organisation für das Leben von Jugendlichen bedeuten konnte, die sich in der DDR nicht anpassen wollten. Doch Werner ist Demokrat und findet, die Demokratie müsse ein paar FDJ-Fahnen aushalten können. Das Vorgehen der Polizei hält er für falsch und unsinnig.

»Bei den Querdenkern agierte die Polizei zurückhaltend. Hier gibt’s gleich Zugriffe und Pfeffer. Warum gilt hier ein anderes Maß?«, fragt sich auch Niklas Schrader, Innenexperte der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Er findet: »Das geht so nicht.«

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