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Pflegekräfte gegen Impfung

Dass sich viele Pflegende nicht impfen lassen wollen, liegt auch daran, wie in den vergangenen Monaten mit ihnen umgegangen wurde

  • Frédéric Valin
  • Lesedauer: 4 Min.

Dass auf die Gesundheit von Pflegenden Acht gegeben wird, ist eine ganz neue Entwicklung. Seit Jahren sind die Arbeitsbedingungen so schlecht, dass eine Stelle in der Pflege immer mit herbem Raubbau an Körper und Psyche einhergeht. Durch den Schichtbetrieb schleppen sich viele krank zur Arbeit. Während man also auf die Gesundheit anderer achtet, vernachlässigt man die eigene. Diese Grundhaltung hat sich in der Pandemie noch verschärft: So wurde etwa diskutiert, ob positiv getestete Pflegende weiterarbeiten könnten, wenn symptomlos, da sonst die Versorgung nicht zu gewährleisten sei. Die Impfung hat also auch den Zweck, dass Pflegende weiter funktionieren.

Den ganzen Sommer über bis in den Herbst hinein haben Laschet, Lindner und Co. für »den Schutz von Risikogruppen« geworben, damit das Leben draußen ganz normal weitergehen kann. »Schutz von Risikogruppen« ist ein Code für Segregation. Damit hatte das Pflegepersonal die Wahl: entweder so normal wie möglich weiterzuleben oder sich aus Selbst- und Fremdschutz so weit es geht zu isolieren. Das hat Pflegenden noch mehr Verantwortung aufgebürdet: Sie mussten sich entscheiden, ob sie auch ihre Freizeitgestaltung dem Schutz ihrer Klient*innen unterordnen. In der Pflege wird viel in Teams gearbeitet. Manche nahmen sich zurück, andere nicht. Mit ihrer Spaltung zwischen »normaler« Bevölkerung und Risikogruppen haben Laschet, Lindner und Co. und alle, die ihnen nachplapperten, einen Keil in die Pflegeteams getrieben. Diese Differenzen waren eine zusätzliche Belastung in einer ohnehin schon angespannten Situation.

Die Impfverweigerungen der Pflegenden taugen aber auch als Indikator dafür, wie schlecht Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen in den Heimen funktionieren. Es hätte eigentlich einen Wissensvorsprung in der Pflege gebraucht. Damit ist nicht gemeint: besser informiert zu sein als der Forschungsstand; sondern besser informiert zu sein als der Durchschnitt der Bevölkerung. Dazu hat allerdings eines gefehlt: aufbereitete Informationen. Die Treatments des Robert-Koch-Instituts waren beispielsweise von dem erstaunlichen Willen geprägt, für Laien möglichst unlesbar zu sein. Obendrein waren alle Vorschläge für Maßnahmen des RKI derart butterweich formuliert, dass es problemlos möglich war, sich darüber hinwegzusetzen. Entsprechend war die Umsetzung von Träger zu Träger sehr unterschiedlich und hing immer davon ab, wie informiert und interessiert die Leitung war. Da es in Pflegeeinrichtungen sehr starre Hierarchien gibt und damit einhergehend nur eine äußerst unzureichende Fehlerkultur, waren Pflegende vollständig abhängig davon, wie gut oder schlecht der Leitungsposten besetzt war. Es gab viel Raum für Frustration.

Je schlechter die Lösungen kommuniziert wurden, desto mehr wuchs das Misstrauen. Wenn jetzt die Impfung als Lösung propagiert wird, löst das bei manchen den Reflex aus, erst einmal abzuwarten: Muss das sein? Da ist doch was faul! Da die Anliegen der Pflege schon seit Jahrzehnten übergangen werden, verfallen einige auf das letzte Wort, das ihnen geblieben ist: Nein. Nicht mit mir.

Fatal war auch die freundliche Zurückhaltung, die die Politik den Corona-Leugner*innen gegenüber an den Tag gelegt hat. Jede falsche Rücksicht gegenüber Querdenken war ein Schlag ins Gesicht der Pflege. In Italien wurde die erste Impfung der Krankenschwester Claudia Alivernini verabreicht, die stolz ein Bild davon in den sozialen Medien verbreitete. Kurz darauf schloss sie alle Profile, weil sie von Morddrohungen der Impfgegner*innen geflutet wurden.

Um es deutlich zu sagen: Wer sich einer Impfung verweigert und dafür keine handfesten Gründe hat, handelt verantwortungslos. Handfeste Gründe wären zum Beispiel bekannte Allergien auf Impfträgerstoffe, aber kein Blabla. Das gilt für die Pflege genauso wie für alle anderen auch. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Pflegende die besseren Menschen seien. Von ihnen zu erwarten, dass sie sich vernünftiger und menschlicher verhalten als andere, hieße, sie noch mehr zu überfordern. Denn die Impfskepsis der Pflegenden rührt auch daher: Immer, wenn man vorgibt, ihnen Gutes zu tun, wird am Ende noch mehr von ihnen verlangt.

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