Korrigierte Prognosen

Corona macht Konjunkturvorhersagen noch schwieriger.

Ökonomen in den Konjunkturforschungsinstituten passen gerade wieder ihre Computersimulationen den neuen Gegebenheiten in der Coronakrise an. Bereits über den Jahreswechsel wurden die Prognosen für 2021 reduziert, teils stark. Zwischen drei und fünf Prozent Wachstum erwarteten die Forscher noch, was den Einbruch 2020 nicht ausgleichen würde. Die jetzt beschlossene Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns bis Mitte Februar machen eine erneute Absenkung nötig. Je nach Dauer und Ausmaß der Pandemie und der Lockdown-Maßnahmen wird dies aber womöglich ebenfalls nicht reichen. Wie könnte es weitergehen?

Szenario 1: Weiter so. Trotz allmählich sinkender Infektionszahlen wird das offizielle Ziel von Bund und Ländern, den 7-Tage-Inzidenzwert bei Neuinfektionen auf unter 50 zu senken, absehbar nicht erreicht. Je nach Entwicklung werden die Maßnahmen alle paar Wochen leicht gelockert oder verschärft. Wie 2020 dürfte es echte Entspannung erst mit dem Ende der kalten Jahreszeit nach Ostern geben, unterstützt durch die ausgeweitete Impfkampagne. Schlechte Nachrichten für die betroffenen Betriebe aus Gastronomie, Einzelhandel und Reisebranche. Die ausgeweiteten und erleichterten staatlichen Hilfen für sie werden das große Kneipensterben vielleicht verhindern, aber die massiven Umsatzeinbrüche schlagen sich in sinkender Wirtschaftsleistung nieder. Zumal auch die großen Industriebranchen den Lockdown spüren, denn weder Export noch Binnenkonsum laufen wieder reibungslos. Die Zahl der Firmenpleiten wird zunehmen, wie vom Kartellamt erwartet beschleunigt sich die bereits laufende Fusionswelle. Auf Übernahmen folgen Kostensenkungsprogramme und Abbau von Stellen. Die Arbeitslosigkeit wird weiter spürbar steigen, der bisher für das Frühjahr erwartete Aufschwung bis zum Frühsommer auf sich warten lassen.

Szenario 2: Ganz harter Lockdown. Der Staat verhängt Ausgangssperren, der Bewegungsradius der Bürger wird auf ein, zwei Kilometer beschränkt. Polizei und Tracing-Apps, die jeden Schritt aufzeichnen, setzen dies durch. Grenzen werden dichtgemacht, Flughäfen geschlossen, das Asylrecht ganz abgeschafft, Besuche in Pflegeheimen verboten. In der Wirtschaft und in öffentlichen Einrichtungen bleiben nur Homeoffice und unbedingt notwendige Tätigkeiten erlaubt. Unternehmen nutzen die Zeit und schließen viele Standorte dauerhaft, was bisher gegen die Gewerkschaften nicht durchsetzbar war. Es kommt zu einer tiefen Rezession, denn auch nach Aufhebung der Maßnahmen dauert es Monate, bis internationale Lieferketten wieder reibungslos laufen. Die Verunsicherung, dass so etwas wiederkommt, bremst Investitionen und Konsum auf absehbare Zeit aus. Massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit, eine Pleite- und Konzentrationswelle rollt durchs Land, denn der Staat wäre mit Finanzhilfen überfordert. Rechte Gruppen bekommen massiven Zulauf, die AfD erstarkt aufs Neue. Ein solches Szenario, das noch nirgends landesweit eingesetzt wurde, ist natürlich unrealistisch, denn dann müssten alle Grundrechte ausgesetzt werden und die Versorgung der Bevölkerung wäre nicht gewährleistet. Doch je mehr man vom Maximalen abweicht, umso geringer die Auswirkung auf den Pandemieverlauf. Und es dauert - alleine bis sich die Politik einig wäre, welche Branchen schließen oder offenbleiben, würden Wochen vergehen.

Szenario 3: Gezielte Maßnahmen mit allmählicher Lockerung. Bund und Länder debattieren nicht mehr vorrangig über Schulen und Kitas, sondern wie besonders gefährdete Gruppen zu schützen sind. Wie bei den Impfprioritäten stehen Pflegeheime und häusliche Pflege im Vordergrund. Für andere Risikogruppen wird Homeoffice verbindlich. Die Politik lockert bisherige Lockdown-Maßnahmen allmählich, parallel dazu werden Hygienekonzepte in Verwaltung, ÖPNV und Wirtschaft verbindlich. Bei Verstößen wird vorübergehende Betriebsschließung angeordnet. Auch die vielen Verstöße im privaten Bereich werden strenger kontrolliert und sanktioniert. Bei starkem lokalen Anstieg der Coronazahlen wird nach bundesweit einheitlichen Regeln der jeweilige Ort oder Stadtteil für wenige Tage in den Lockdown versetzt. Für die Volkswirtschaft insgesamt würde dies den geringsten Dämpfer bedeuten. Aber auch dieses Szenario erscheint bei den derzeit hohen Infektionszahlen unrealistisch. Außerdem braucht ein Strategiewechsel Zeit. Und Politiker werden im Wahljahr jedes Risiko vermeiden wollen, dass die Infektionszahlen womöglich wieder steigen, selbst wenn die schweren Fälle spürbar zurückgehen.

Da haben es Konjunkturforscher letztlich doch einfacher: Sie müssen nur ihre Prognosen den Gegebenheiten anpassen.

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