Platz für Widerstand

Aktion gegen Feminizide im Wedding - Umbenennung des Nettelbeckplatzes

  • Von Josefine Körmeling
  • Lesedauer: 3 Min.

»Ich wurde nicht als Frau geboren, um deswegen zu sterben«, steht auf einem großen Blatt Papier, das auf dem Boden des Nettelbeckplatzes liegt. Das Plakat ist umringt von Schuhen ohne Besitzerinnen und brennenden Kerzen. Sie stehen symbolisch für die vielen Frauen, die jeden Tag ermordet werden, weil sie Frauen sind. Laut Statistik gibt es in Deutschland jeden Tag einen versuchten Mord an einer Frau und an jedem dritten Tag wird so ein sogenannter Feminizid verübt. Auf diese schockierenden Zahlen und auf die Tatsache, dass es sich dabei um ein strukturelles Problem patriarchaler Gewalt handelt, haben Aktivistinnen am Freitagabend bei der »Widerstandsplatzeröffnung« im Berliner Bezirk Wedding aufmerksam gemacht.

Es ist die Auftaktveranstaltung der Kampagne wirwollenunslebend, ins Leben gerufen vom »Netzwerk gegen Feminizide«. Das Bündnis, an dem sich mehr als ein Dutzend Kollektive und Organisationen beteiligen, versucht, verschiedene feministische Kämpfe zu vereinen. Ziel der neuen Kampagne ist es, den Nettelbeckplatz umzubenennen und ihn zu einem Ort des selbstorganisierten Widerstandes gegen geschlechtsspezifische Gewalt umzudeuten sowie der Feminizide öffentlich zu gedenken. Etwa 150 Menschen versammelten sich am frühen Freitagabend im Berliner Norden und verliehen dieser Forderung Ausdruck.

Der Namensgeber des Platzes, Joachim Nettelbeck, war am Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem als Seefahrer aktiv am Sklavenhandel beteiligt. »Nettelbeck ist es nicht würdig, dass irgendwas nach ihm benannt wird. Er steht für Sklavenhandel, Kolonialismus und Nationalismus«, sagt eine Sprecherin des Netzwerkes unter zustimmendem Applaus der Anwesenden. Ein Kernanliegen der Kampagne ist das Zusammendenken von unterdrückenden Strukturen, die aus Kolonialismus und einer patriarchalen Gesellschaft resultieren. »Feminismus ist immer auch ein Kampf gegen Faschismus, Rassismus und jede Form der Diskriminierung«, sagt eine Sprecherin der Migrantifa in ihrer Rede. Vier konkrete Namensvorschläge von Widerstandskämpferinnen stellt das Bündnis bei der Veranstaltung vor.

Daneben hat das Netzwerk auch Forderungen an Politik und Gesellschaft formuliert. Unter anderem die Aufnahme von Feminiziden als schwere Straftat ins Strafgesetzbuch und mehr Ressourcen für die Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt und die Beratung von Betroffenen werden verlangt. Auch in die statistische Erfassung von Vorfällen soll mehr investiert werden, denn Daten über Gewalt gegen trans Personen, intersexuelle und nicht-binäre Menschen fehlten aktuell komplett, so eine Rednerin bei der Kundgebung.

Die Veranstaltung endete mit einer Performance von Aktivist*innen der Kampagne »Legalisierung jetzt«, die versucht, Sichtbarkeit und Räume für in Deutschland illegalisierte Menschen zu schaffen. Bei lauter Musik fingen die Menschen auf der Kundgebung an zu tanzen und zeigten, dass sich auch mit Maske und Abstand Widerstand auf die Straße bringen lässt. Nach einem Abschlussfoto zeigen sich die Aktivist*innen zufrieden mit der Aktion. »Die Veranstaltung war erfolgreich«, so zwei Sprecher*innen zu »nd«. »Es waren viele Leute aus ganz unterschiedlichen Gruppen da und auch Nachbar*innen, die hier einfach vorbeigelaufen und dann stehengeblieben sind. Das zeigt, wie wichtig das Thema ist und dass es auch in Deutschland inzwischen die Erkenntnis gibt, dass wir ein strukturelles Problem haben.« Für die kommenden Wochen sind Diskussionen mit Anwohner*innen über den neuen Namen für den Platz geplant sowie weitere Aktionen, um ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen.

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