Wissen, wo die Pest wohnt

Patrick Deville zeichnet ein abenteuerliches Forscherleben nach

  • Lesedauer: 8 Min.

Letzter Flug

Die alte, fleckige Hand mit dem gespaltenen Daumen schiebt eine pongéseidene Gardine zur Seite. Auf die schlaflose Nacht folgt das rote Leuchten der Morgendämmerung mit dem gloriosen Messingbecken. Das Hotelzimmer in Schneeweiß und Mattgold. In der Ferne der große, hinter einem dünnen Nebelschleier aufragende Eisenturm, der mit seinen Sprossen das Licht zerteilt. Unten die leuchtend grünen Bäume des Square Boucicaut. Die Stadt ist ruhig im Kriegsfrühling. Von Flüchtlingen überschwemmt. All den Menschen, die glaubten, sie würden sich in ihrem Leben nicht mehr vom Fleck bewegen. Die alte Hand löst sich vom Fensterriegel und fasst nach dem Griff des Koffers. Sechs Stockwerke tiefer geht Yersin durch die Drehtür aus lackiertem Holz und Messing. Ein Fahrer in Uniform schließt die Taxitür hinter ihm. Yersin flieht nicht. Er ist nie geflohen. Er hat diesen Flug schon Monate zuvor in einem Reisebüro in Saigon gebucht.

Er ist nun nahezu kahlköpfig, mit weißem Bart und blauen Augen. Trägt ein Gentleman-Farmer-Sakko und eine beigefarbene Hose, ein weißes Hemd mit offenem Kragen. Die großen Fenster des Flughafens Le Bourget gehen auf das Rollfeld hinaus, wo ein Flugboot auf seinem Fahrwerk wartet. Ein kleiner weißer Wal mit rundem Bauch für ein Dutzend Passagiere. Man rollt die Gangway an die linke Seite des Rumpfs, denn die ersten Flieger, zu denen Yersin gehörte, waren Reiter. Er will zu seinen kleinen annamitischen Pferden zurückkehren. Auf den Sitzbänken im Warteraum eine Handvoll Flüchtlinge. Tief unter den Hemden und Abendkleidern in ihrem Gepäck Geldbündel und Goldbarren. Die deutschen Truppen stehen vor Paris. Die Passagiere hier, die auf die Wanduhr und auf ihre Armbanduhren schauen, sind reich genug, um nicht zu kollaborieren. Ein Motorrad mit Beiwagen der Wehrmacht würde genügen, um den kleinen weißen Wal am Boden festzunageln. Der Start verzögert sich. Yersin beachtet die besorgten Gespräche nicht, er notiert einen oder zwei Sätze in sein Notizbuch. Über dem Cockpit, wo die Flügel auf den Rumpf treffen, beginnen die Propeller sich zu drehen. Das Flugboot rollt über den Teermakadam. Am liebsten würden die Flüchtenden es anschieben, zur Eile antreiben. Alle haben an Bord Platz genommen. Man hilft ihm die Leiter hinauf. Es ist der letzte Maitag 1940. Die Hitze lässt das Trugbild einer Pfütze auf dem Rollfeld tanzen. Das Flugzeug vibriert und hebt ab. Die Flüchtlinge wischen sich über die Stirn. Es ist für mehrere Jahre der letzte Flug der Air-France-Fluggesellschaft. Noch weiß man es nicht.

Es ist auch der letzte Flug für Yersin. Er wird nie mehr nach Paris zurückkommen, nie mehr in seinem Zimmer im sechsten Stock des Lutetia wohnen. Er ahnt es wohl und beobachtet tief unten die Kolonnen der Massenflucht durch die große, nahezu baumlose Tiefebene im Südwesten von Paris. Fahrräder und Karren, vollgestopft mit Möbeln und Matratzen. Lastwagen im Schritttempo zwischen denen, die zu Fuß unterwegs sind. All das unter den Schauern der Frühlingsstürme. Schwärme aufgeschreckter Insekten, die vor den Hufen der Herde fliehen. Alle seine Nachbarn im Lutetia haben das Hotel verlassen. Der hoch aufgeschossene irische Brillenträger, Joyce, immer im Dreiteiler, ist bereits im Département Allier. Matisse erreicht Bordeaux und von dort Saint-Jean-de-Luz. Das Flugzeug fliegt Richtung Marseille. In der Zange zwischen Faschismus und Franquismus. Während im Norden, bevor er zuschlägt, der Skorpion den Schwanz aufrichtet. Die braune Pest.

Er, Yersin, kennt beide Sprachen und beide Kulturen, die deutsche und die französische, und ihre alten Streitigkeiten. Er kennt auch die Pest. Sie trägt seinen Namen. An diesem letzten Tag im Mai 1940, als er das letzte Mal durch den stürmischen Himmel über Frankreich fliegt, schon seit sechsundvierzig Jahren. Yersinia pestis.

Insekten

Der alte Mann blättert im Notizbuch, dann schläft er unter dem Brummen der Motoren ein. Seit Tagen hatte er keinen Schlaf finden können. Das Hotel war überschwemmt von Freiwilligen der Zivilverteidigung mit ihren gelben Armbinden. Nachts Fliegeralarm. Im Schutzraum am Ende der Gänge im Untergeschoss, in denen die Flaschen lagern, waren Sessel aufgestellt. Hinter den geschlossenen Augenlidern das Spiel der Sonne auf dem Meer. Fannys Gesicht. Die Reise eines jungen Paars in die Provence und bis nach Marseille, um Insekten zu fangen. Wie soll man die Geschichte des Sohnes ohne die des Vaters schreiben. Dessen Geschichte war kurz. Der Sohn hat ihn nie gekannt. Bei den Yersins und ihren Nachbarn in Morges, im Kanton Waadt, regiert nicht die Not, aber strikte Genügsamkeit. Ein Rappen ist dort ein Rappen. Die abgelegten Kleider der Mütter werden von den Bediensteten aufgetragen. Diesem Vater gelingt es, mit Hilfe von Privatunterricht in Genf einen höheren Schulabschluss zu erwerben, eine Zeitlang unterrichtet er an einem Gymnasium, begeistert sich für Botanik und Insektenkunde, doch um sein täglich Brot zu verdienen, arbeitet er in der Verwaltung der Munitionsanstalt. Er trägt die lange, taillierte schwarze Jacke und den Zylinder der Wissenschaftler, er weiß alles über Käfer, spezialisiert sich auf Heuschrecken und die Familie der Feldheuschrecken. Er zeichnet Grashüpfer und Grillen, tötet sie, betrachtet die Deckflügel und Fühler unter dem Mikroskop, korrespondiert mit der waadtländischen Gesellschaft für Naturkunde und sogar mit der Entomologischen Gesellschaft Frankreichs. Dann hat er es geschafft, er übernimmt die Leitung der Munitionsanstalt. Er untersucht weiter das Nervensystem des Heimchens und modernisiert die Munitionsanstalt. Seine Stirn zerquetscht eine letzte Grille. In einem letzten Krampf stößt ein Arm die Glasbehälter um. Alexandre Yersin stirbt mit achtunddreißig Jahren. Ein grüner Käfer wandert über seine Wange. Eine Heuschrecke verfängt sich in seinem Haar. Ein Kartoffelkäfer spaziert in seinen offenstehenden Mund. Seine junge Frau Fanny ist schwanger. Die Witwe des Leiters wird die Munitionsanstalt verlassen müssen. Nach der Grabrede kommt, inmitten von Wäschebündeln und aufgestapeltem Geschirr, ein Kind zur Welt. Es erhält den Vornamen des verstorbenen Gatten.

In Morges erwirbt die Mutter ein Haus am Ufer des klaren und kalten Sees, La Maison des Figuiers, und verwandelt es in ein Mädchenpensionat. Fanny ist eine elegante Frau mit guten Umgangsformen. Sie bringt den Mädchen Hauswirtschaft und Kochen bei, dazu ein wenig Malerei und Musik. Der Sohn wird diese Tätigkeiten sein Leben lang verachten, Kunst und Unterhaltung verwechseln. Malerei und Literatur und der ganze Quatsch wird ihn immer an die Belanglosigkeiten derer erinnern, die er in seinen Briefen Vogelscheuchen nennt. Stellen wir uns also einen Wildfang vor, Schlingen legen, Getier aufstöbern, mit einer Lupe Feuer entfachen, völlig verdreckt heimkehren wie aus dem Krieg oder von einer Forschungsreise in den Dschungel. Der Junge ist allein und streift durch die Felder, badet im See oder baut Drachen. Er fängt Insekten, zeichnet sie, spießt sie mit einer Nadel auf und fixiert sie auf einem Karton. Das rituelle Opfer erweckt die Toten wieder zum Leben. Vom Vater erbt er Embleme - wie in einem kriegerischen Volksstamm Lanze und Schild -, Mikroskop und Skalpell, die er aus einem Koffer auf dem Speicher holt. Vor uns steht ein zweiter Alexandre Yersin und ein zweiter Insektenkundler. Die Sammlungen des Toten befinden sich im Genfer Museum. Das kann ein Lebensziel sein: seine Tage mit trockenen Studien verbringen, so lange, bis einem selbst ein Blutgefäß im Gehirn platzt.

Außer der Folterung von Insekten gibt es im Kanton Waadt seit vielen Generationen kaum etwas zur Zerstreuung. Schon der Gedanke daran ist verdächtig. In diesem Landstrich ist das Leben Buße für die Sünde zu leben. Die Familie Yersin sühnt im Schatten der evangelischen Freikirche, die in Lausanne aus einer Spaltung innerhalb des waadtländischen Protestantismus hervorgegangen ist. Diese verweigert dem Staat das Recht, ihre Pfarrer und den Unterhalt der Kirchen zu bezahlen. In ihrer Mittellosigkeit und Strenggläubigkeit bluten die Frommen, um zum Unterhalt ihrer Prediger beizutragen. Das ist ein anderes Paar Stiefel als einen Geistlichen zu verköstigen, auch wenn der bei Tisch kräftig zulangt. Der gottgefällige Pfarrer - seid fruchtbar und mehret euch - ist vom Schlage derer, die sich mit wahnwitziger Geschwindigkeit fortpflanzen. Riesige Familien sitzen im Nest und sperren den Schnabel auf. Die abgetragenen Kleider der Mütter gehen nicht mehr an die Bediensteten. Die Frommen hüllen sich in eine Toga aus elitärem Bewusstsein und Rechtschaffenheit. Sie sind die Reinsten und dem materiellen Leben Fernsten, Aristokraten des Glaubens.

Von dieser hochmütigen Kälte im blauen Frost der Sonntage habe der kleine Kerl, heißt es, die schroffe Aufrichtigkeit und die Verachtung für weltliche Güter bewahrt. Der aus Langeweile gute Schüler wird ein fleißig lernender Jugendlicher. Die einzigen Männer, die in dem kleinen, blumengeschmückten Salon der Maison des Figuiers vorgelassen werden, sind mit der Mutter befreundete Ärzte. Nun heißt es, zwischen Frankreich und Deutschland und ihren beiden Universitätsmodellen wählen. Östlich des Rheins Hauptvorlesungen und große Theorie, Wissenschaft von der Kanzel herab, verkündet durch Gelehrte in schwarzem Anzug mit Zelluloidkragen. In Paris die klinische Ausbildung am Krankenbett und im weißen Kittel, das sogenannte Patronats-Modell, das der Erfinder des Stethoskops, René Laënnec, entwickelt hat. Die Wahl fällt auf Marburg, wegen der Mutter und den Freunden der Mutter. Yersin wäre lieber nach Berlin gegangen, doch er ist in der Provinz gelandet. Fanny mietet für ihren Sohn ein Zimmer bei einem angesehenen Professor, einer Kapazität, der an der Universität predigt, aber die Messe besucht. Yersin gehorcht und meidet das andere Geschlecht. Ist in Bewegung. Seine Träume sind die eines Kindes. Er beginnt einen Briefwechsel mit Fanny, der erst mit ihrem Tod endet. »Wenn ich Arzt bin, hole ich dich und wir lassen uns in Südfrankreich oder in Italien nieder, nicht wahr?«

Französisch wird eine Geheim-, eine mütterliche Sprache, ein Schatz, die Sprache der Abende und der Briefe an Fanny. Er ist zwanzig und muss sein Leben nun ganz auf Deutsch führen.

Patrick Deville:
Pest & Cholera
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Unionsverlag
240 S., kt., 12,95 €

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung