Auf Kosten der Beschäftigten

Auch der zweite Lockdown belastet die Einzelhandelskonzerne, die den Druck weitergeben

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 3 Min.

Dass der zweite wie der erste Lockdown weite Teile des Einzelhandels vor schwere Probleme stellen würde, war abzusehen. »Die staatlichen Coronahilfen für den Einzelhandel waren im vergangenen Jahr meist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das reicht in der Regel nicht einmal für die Mietzahlungen in den Lockdown-Monaten«, klagte der Chef des Einzelhandelsverbandes HDE, Stefan Genth, Anfang der Woche. Besonders unfair ist für ihn, dass große Unternehmen von den standardmäßigen Überbrückungshilfen ausgeschlossen seien. Dabei häufen sich dieser Tage die Meldungen, wie sich große Ketten auf Kosten der Belegschaft sanieren wollen.

Zudem ist nicht korrekt, dass die Großen von staatlicher Hilfe in der Krise ausgeschlossen seien. Am Mittwochabend vermeldete die Nachrichtenagentur dpa, dass die Bundesregierung dem Kaufhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) angeboten hat, diesem mit einem Kredit von bis zu 460 Millionen Euro unter die Arme zu greifen. Als Sicherheit soll der Konzern dafür unter anderem Immobilien und den Warenbestand zur Verfügung stellen. Die Kette, die zur Signa Holding des österreichischen Milliardärs René Benko gehört, besitzt Filetgrundstücke in vielen deutschen Innenstädten.

Bereits im Zuge des ersten Lockdowns rutschte der Konzern in eine tiefe Krise. Letztlich entschied man sich, in einem sogenannten Schutzschirmverfahren sich in Eigenverantwortung aus der Insolvenz heraus zu sanieren. Ende September wurde das Verfahren abgeschlossen, dass vor allem auch massive Einschnitte für die Beschäftigten bedeutete. Mehr als 40 Filialen und rund 4000 Arbeitsplätze fielen dem krisenbedingten Umbau zum Opfer. Laut der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die für den Erhalt möglichst vieler Filialen und Jobs kämpfte, herrschte bei den Beschäftigten »Trauer und Wut«. Denn gleichzeitig schüttete sich Eigentümer Benko laut österreichischen Medienberichten im Krisenjahr eine Dividende von über 100 Millionen Euro aus. Dies soll dreimal so viel wie ein Jahr zuvor gewesen sein.

Auch die Parfümeriekette Douglas setzt den Rotstift bei den Beschäftigten an. Am Donnerstag vermeldete das Unternehmen, fast jede siebte Stelle hierzulande abzubauen und dafür schneller im Onlinehandel wachsen zu wollen. Rund 600 der über 5200 Filialangestellten in Deutschland sollen deswegen ihren Job verlieren. Noch im Dezember versuchte das Unternehmen, die coronabedingte Schließung seiner Geschäfte zu verhindern, indem es sie kurzerhand zu Drogerien umdeklarieren wollte. Nach heftiger Kritik, auch seitens der Gewerkschaften, ruderte der Konzern aber schnell wieder zurück.

Für besonders viel Aufsehen sorgten dieser Tage indes die Kürzungspläne der Modekette H&M. Laut einem Bericht von »Business Insider« will der Konzern hierzulande mindestens 800 Stellen abbauen. Das Pikante an den Plänen: Die Modekette will offenbar vornehmlich Mitarbeiter*innen loswerden, die sich noch in Elternzeit befinden. Hauptsächlich sind dies junge Mütter. Zwar sind diese derzeit durch ihre Elternzeit rechtlich vor einer Kündigung geschützt, endet diese aber, können auch sie gefeuert werden. »Das Vorgehen von H&M zeigt den ungeschminkten Kapitalismus. Junge Mütter will man loswerden, weil sie weniger profitabel sind«, kommentierte dies der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger. Verantwortung für schutzbedürftige Mitarbeiter*innen sehe die Unternehmensführung offenbar nur als lästiges Hindernis beim Geld scheffeln.

Dabei werden H&M, Douglas und Galeria Karstadt Kaufhof sicherlich nicht die letzten Unternehmen sein, aus denen infolge der Coronakrise Hiobsbotschaften für die Beschäftigten kommen. Laut Marktforschern führt der Lockdown und die allgemeine Verunsicherung dazu, dass die Menschen weniger geneigt sind, Geld auszugeben. Dies führt zu weniger Umsätzen der Einzelhändler, die den Druck wiederum auf ihre Beschäftigten weitergeben.

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