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Auf der Suche nach dem Anderen

Wenn man Kultur am meisten braucht, schmeißt sie der WDR aus seinem Radioprogramm

  • Von Björn Hayer
  • Lesedauer: 5 Min.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Mehr Bildung im Rundfunk, mehr Raum für Kultur, mehr Mut für anspruchsvolle Themen! Soweit zum Wünsch-dir-Was. Sieht man einmal von den hochwertigen Sparten-Kanälen wie 3sat im Fernsehen oder Deutschlandfunk Kultur im Radio ab, baut der öffentlich-rechtliche Rundfunk weiter ab.

Nachdem in den letzten Jahren schon andere Sendeanstalten wie NDR und HR die Berichterstattung über Literatur, Theater, Film und Musik heruntergefahren haben, zieht jetzt auch der WDR nach und streicht die tägliche morgendliche Buchrezension in der Radiosendung »Mosaik«. Das bedeutet im Klartext, dass annähernd 250 Bücher nicht vorgestellt werden - Texte, hinter denen sich Existenzen verbergen. Und zwar die der Autor*innen, die die Bücher schreiben, der Buchhändler*innen, die sie verkaufen, und der Journalist*innen, die sie besprechen.

Auf der gesellschaftlichen Makroebene fallen derartige Streichungen derzeit fataler denn je aus. Nie zuvor waren so viele Menschen zu Hause, fernab jedweder Möglichkeit, an einem kulturellen Leben teilzunehmen. Dasselbe gilt für die Kinder, die, angeödet vom Homeschooling, mehr und Besseres verdient hätten als Business as usual auf den Bildschirmen von Fernseher, Tablet und Smartphone. Auf der anderen Seite stehen die Künstler*innen, selten so macht- und mittellos, mit Zeit und Muse, die ungenutzt bleiben. Warum nicht ihnen Bühnen in neuen, findigen Formaten geben? Warum nicht Bares für Wahres und Schönes statt Bares für Rares und Verstaubtes?

Wo bleibt also der so oft gepriesene Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen? Was sollte ihn überhaupt ausmachen? In Paragraf 11 des Rundfunkstaatsvertrages heißt es: »Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. [...] Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.«

Fragt man nach dem Grund für letztere Spezifikation, gibt es viele Antworten und jede stimmt. Warum? Weil Kultur immer im Plural zu denken ist, weil Kultur Vielfalt bedeutet. Eben diese Polyphonie, abgebildet in Büchern, Schauspiel und Komposition, erweist sich als Erprobungsgebiet für Demokratie schlechthin. Es umfasst einen Raum, der von Gleichheit und Toleranz geprägt ist und sich vor allem in der Debatte realisiert. Der Coup des Rundfunks besteht dabei in seiner Barrierefreiheit: jeder kann ihn nutzen, jeder kann mitdenken und sich zu den Inhalten positionieren. So gesehen stellen Fernsehen und Radio im Ideal beinahe schon parlamentarische Arenen dar.

Die Berichterstattung stößt zum Gebotenen den Dialog an, sie schafft Austausch. Bleiben wir bei dem Beispiel der Literaturkritik, vielleicht der seit Langem im Sturzflug befindlichen Königsdisziplin der ebenso schmaler werdenden Feuilletons: Wo ein Buch zur Diskussion anregt, mitunter sogar polarisiert, treffen Meinungen von Rezensent*innen aufeinander. Dabei ergibt sich stets ein Ringen um neue Kriterien und Ansichten. Was hierbei stattfindet, ist ein modernisierter Wettstreit der Redner*innen, um das überzeugendste Argument, dem Kitt der Demokratie schlechthin.

Neben dem Wie lernen wir natürlich obendrein immer auch etwas über das Was hinzu: über Themen und Perspektiven. Wer eine gute Rezension im Radio hört oder im Fernsehen sieht, erhält mal mehr Information, mal mehr Einsicht. Geöffnet wird dabei immer eine Pforte zu einem Geistes- oder Fantasieraum, ein Buch, das man vielleicht auch kaufen wird.

Nicht nur, dass diese Tore weniger werden. Hinzu kommt, dass die vorhandenen sich teilweise zu so später Stunde erst öffnen, dass kaum mehr jemand mehr eintritt. Oder sie sind qualitativ schon mehr Entertainment als echte Klasse. Im ZDF-Vorzeigeformat »Das literarische Quartett« erzählen bisweilen Tennisspielerinnen über ihre Lektüreeindrücke, während in der ARD Dennis Scheck als literaturkritischer Gott des Gemetzels die miesesten Bücher der »Spiegel«-Bestsellerlisten in den Orkus schleudert. Bei der Berichterstattung zu anderen Sparten sieht es dürftiger aus. Schon vor der Coronakrise war das Theaterleben, abgesehen von Exoten- und Nischensendungen, so gut wie nicht präsent. Von Oper und Tanz ganz zu schweigen.

Man muss nicht Adornos altbekannte Kritik der Kulturindustrie bemühen, um die schon vor langer Zeit begonnenen Fehlentwicklungen einzuordnen. Der wichtigste Verlust der Chose dürfte im Schwinden von Alterität liegen - auf sämtlichen Ebenen: Nach wie vor werden die noch vorhandenen Formate von Männern deutscher Herkunft dominiert, von Redaktionsleitungen bis hin zur Intendanz. Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund haben es schwer, genauso wie die Themen, die Komplexität mit sich bringen.

Ja, eine Buch- oder Theaterkritik zu hören, ist anspruchsvoll und fordert den Zuhörer*innen oder Zuschauer*innen Konzentration ab. Der Gewinn ist aber ungemein, weil wir Einblick in das Andere erhalten, in fremde Welten oder schlichtweg in eine andere Art des Denkens. Und weil wir genau daran wachsen und ein differenzierteres Wissen über unser Dasein außerhalb unserer Filterblasen und Echokammern erhalten.

Wenn die Programmplaner*innen somit stets ihre demokratiefördernde Verantwortung hervorheben, dann muss sich die Buntheit des Gemeinwesens, dem Forum der Kulturkritik par excellence, spürbar in den Berichterstattungen widerspiegeln. Jetzt, wo sich selbst der letzte Couchpotatoe und Ausgehmuffel nach dem Kino oder vielleicht nach einem guten Buch sehnt, wäre die Chance zur Wende zum Greifen nah. Jetzt könnte man selbst mit abseitigen und erlesenen Inhalten größere Kreise erreichen. Kurzum: Jetzt schlägt - hört ihr es nicht? - laut die Stunde für die Kultur und deren journalistische Vermittlung. Man kann nur hoffen, dass sie nicht wieder im immergleichen Lärm untergehen wird.

Nicht zu vergessen: Es gäbe es ja auch noch die Kleinkunst und das Kabarett, das bei den großen Sendeanstalten von den immerselben, fast ausschließlich männlichen Platzhirschen dominiert wird. Wo es Vielfalt bräuchte, darf ein Dieter Nuhr wöchentlich schlechte Witze über Frauen und Veganer machen.

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