Orks, die Nazis verprügeln

Das Magazin »Queer*Welten« erzählt fantastische Geschichten jenseits der üblichen Narrative

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 5 Min.

Ja, Queerness passt gut zu Science-Fiction und Fantasy, denn eine Erzählung von fernen Planeten oder fantastischen Welten fordert von den Leser*innen eine neue Perspektive. Genau wie queere Erzählungen. Sie »haben das Potenzial, uns zu zeigen, was es jenseits dessen gibt, was für normal gehalten wird«. Das schreibt Frank Reiss in seinem Essay »Lasst uns die Phantastik zerstören« im aktuellen Queer*Welten-Zine. Aber viele Fantasy-Fans wehren sich gegen Geschichten, die nicht den gewohnten Mustern entsprechen. Reiss analysiert diese Ablehnung und plädiert für fantastische Geschichten, die die »altbekannten, ausschließenden Narrative« hinter sich lassen und stattdessen diverser und facettenreicher sind: »Eine queere Phantastik für alle!«

Queer*Welten hat sich dieser Aufgabe angenommen. Das queer-feministische Zine zum Thema Science-Fiction und Fantasy erscheint seit Anfang letzten Jahres im Ach-je- Verlag. Alle vier Monate kommt ein neues Heft mit Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen heraus. Auch Gedichte oder Comics sind dabei. Im »Queertalsbericht« am Ende jeder Ausgabe finden sich Tipps für Bücher, Podcasts und Veranstaltungen. Im Vorwort zur ersten Ausgabe schreiben die Herausgeberinnen Lena Richter, Judith C. Vogt und Kathrin Dodenhoeft, warum sie Queer*Welten ins Leben gerufen haben und was sie mit queer-feministischer Fantasy und Science-Fiction meinen. Das Heft soll eine Plattform für Geschichten sein, in denen die Verhältnisse hinterfragt, Diskriminierung reflektiert und verschiedene Lebensrealitäten abgebildet werden.

Jede*r kann Geschichten, Essays oder andere kreative Beiträge einsenden und selbst ein Teil von Queer*Welten werden. Die Redaktion ist offen für verschiedene Themen, denn »Vielfalt, Diversität und die Perspektive von Stimmen, die oft nicht gehört werden, hören nicht beim Thema Feminismus oder Queerness auf«, heißt es in einem Artikel. Autor*innen von Own-Voice-Geschichten sollen besonders gefördert werden, weil diese oft weniger Chancen haben, ihre Texte zu veröffentlichen. »Own Voice« bedeutet, dass Autor*innen, die über Figuren aus einer marginalisierten Gruppe schreiben, selbst Teil dieser Gruppe sind. Darunter fällt zum Beispiel eine Geschichte mit trans-Hauptfigur, die von einer trans-Person verfasst wurde. In solche Texte können eigene Erfahrungen der Autor*innen, zum Beispiel Rassismus und Homophobie, einfließen. Diskriminierenden, klischeehaften Darstellungen wird so eine »eigene Stimme« entgegengesetzt. Queer*Welten veröffentlicht nicht ausschließlich »Own Voices«, aber behandelt sie bevorzugt.

In den ersten drei Ausgaben findet sich eine Menge interessanter Kurzgeschichten aus den verschiedensten Genres, manche sind ganz klassisch erzählt, andere experimentieren mit Formen und Perspektiven.

In Anna Zabinis »Die Heldenfresserin oder Mythos, destruiert« geht es um Penthesilea, die sich nicht damit abfinden will, dass Achilles sie tötet und er der Held ist. Die Science-Fiction-Story »Sagittarius A*« von Elena L. Knödler spielt in einer fernen Zukunft, in der sich einiges zum Positiven gewendet hat: Menschen werden nicht mehr nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt, Wissenschaft genießt einen hohen Stellenwert und um binäre Pronomina schert sich so gut wie niemand mehr. Nicht die schlechtesten Aussichten, wenn da nicht das riesige Schwarze Loch wäre, das die letzten Siedlungen der Menschen zu verschlucken droht.

Auch Theorie hat ihren Platz in den Heften. Der Essay »Von Orks, Briten und dem Mythos der ›Kriegerrassen‹« von James Mendez Hodes, der in zwei Teilen in den ersten beiden Ausgaben erschienen ist, ist zwar etwas zu lang geraten, bietet aber eine wichtige und interessante Auseinandersetzung mit rassistischen Stereotypen in der Fantasy. Unterhaltsam nimmt der Text die Argumente und Kommentare von denjenigen auseinander, die sich weigern, Rassismus in Büchern, Filmen oder Spielen als Problem anzuerkennen. Zum Beispiel die Behauptung, dass die Darstellung von Unterdrückung eigentlich als Kritik daran gemeint ist. Dazu schreibt Mendez Hodes: »Glaubhafte, effektive Kritik muss (…) unterdrückende Machtstrukturen nicht nur darstellen, sondern auch angreifen und herausfordern; wenn nicht, werden solche Dynamiken durch Wiederholung verstärkt.« Am Ende steht der Vorschlag, sich die aus rassistischen Stereotypen entstandenen Orks anzueignen und sie umzudeuten: »Orks verhauen Nazis.«

Im dritten Queer*Welten-Heft gibt es einen Schwerpunkt zum Thema Held*innen. In einer Collage sind mehrere Geschichten und Reflexionen zum Thema miteinander verbunden. Patricia Eckermann schreibt über Schwarze Heldinnen als »Empowerment und Inspiration«, Sarah Stoffers hinterfragt den Begriff des Helden, den sie bewusst nicht gendert. Statt starke Anführer*innen bräuchte es realistische Vorbilder mit Schwächen, die auf Zusammenarbeit setzen und Kritik annehmen können: »Es könnten Geschichten sein, die auf gegenseitige Wertschätzung bauen und Heldenmut neu definieren, mit weniger Überzeichnung und mehr Altersflecken.«

In »Hauptfigur mit Emanzipationshintergrund« zeigt Susanne Pavlovic, warum es nicht reicht, dass Bücher weibliche Hauptfiguren haben. Denn bei den meisten Geschichten mit einer weiblichen Heldin handelt es sich um klassische Emanzipationsgeschichten über die Auflehnung gegen Unterdrückung, meistens noch mit einer ziemlich heteronormativen Romanze kombiniert. Solche Figuren sind »an den Maßstäben männlich-patriarchaler Denkstrukturen« ausgerichtet, statt diese zu überwinden. Pavlovic schreibt, dass diese Heldinnen zwar ein gutes Vorbild für junge Leserinnen abgeben können. »Aber sie brauchen all ihre Kraft und 700 Seiten Plot, um sich zu dem Punkt vorzukämpfen, von wo aus der männliche Held auf Seite 3 längst gestartet ist.«

Queer*Welten ist ein lesenswertes Heft von Fantasy-Fans für Fantasy-Fans und für alle, die Lust haben, noch unbekannte Welten kennenzulernen, in denen es etwas weniger heteronormativ zugeht als in dieser.

Queer*Welten erscheint vierteljährlich zum Preis von 7,99 € (Heft) bzw. 5,99 € (E-Book) und kann über die Website queerwelten.de bezogen werden. Die nächste Ausgabe erscheint am 18. Februar.

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