Scharfer Blick auf die Arktis

Dänemark baut militärische Überwachung der Region um den Nordpol aus

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit den Augen der dänischen Militärs gesehen sind der Luftraum und die Seegebiete um Grönland herum im Wesentlichen ein großes schwarzes Loch. Abgesehen von gelegentlichen Aufklärungsflügen, bei denen auch nach Meeresverunreinigung und der aktuellen Eisentwicklung Ausschau gehalten wird, verfügen sie über kein klares Lagebild. In den letzten Jahren wurden sie mehrfach überrascht von russischen und chinesischen Eisbrechern, deren Anlaufen in Grönland zwar genehmigt, die Ankunftstage aber nicht bekannt waren. Russische U-Boote wurden ebenfalls mehrfach gesichtet in grönländischen Fjorden, aber diese Fahrten wurden offiziell weder von dänischen noch von russischen Behörden bestätigt.

Mit dieser Unsicherheit soll bald Schluss sein, zumal die Nato darauf drängt, die Überwachung des nordatlantischen Luft- und Seeraumes wieder komplett zu machen. Die Löcher waren entstanden, nachdem die US-amerikanischen DEW-Radarstationen in Grönland 1991 und die dänische Station auf den Färöern 2007 geschlossen wurden. Hier sollten Friedensdividenden geerntet und Verteidigungsausgaben gesenkt werden. Weiterhin waren sich die Anrainerstaaten der Arktis darin einig, dass dieses Gebiet spannungsfrei verbleiben soll. Trotzdem sind die militärischen Aktivitäten in den vergangenen 15 Jahren beträchtlich gestiegen. Nach Ansicht der Nato baut Russland seine Kapazitäten weit über das hinaus aus, was für die Verteidigung des russischen Nordens nötig wäre.

Strategisches Ziel der Nato ist es, russische See- und Luftstreitkräfte im Krisenfall östlich der sogenannten GIUK-Linie, die von Grönland, Island und Großbritannien gebildet wird, zu halten. Doch dazu muss man erst einmal wissen, wo sie sich aufhalten. Hier spielen Dänemark und seine autonomen Reichsteile Färöer und Grönland die entscheidende Rolle. Nach längerer Analyse beschloss das dänische Parlament mit Ausnahme der linken Parteien, die Anschaffung von Drohnen, Radaranlagen und Satellitenkapazitäten für die Überwachung des Nordatlantiks. Der Langstreckenradar auf den Färöern wird wiedereröffnet und modernisiert, während entlang der grönländischen Küsten drei bis vier Radarstationen mit kürzerer Reichweite aufgebaut werden.

In Grönland werden zwei Langstreckendrohnen, möglicherweise amerikanische »Reaper,« stationiert, die vor allem nördlich und östlich der Insel zum Einsatz kommen sollen. Diese Gebiete werden als besonders kritisch erachtet, weil ihre Überwachung wertvolle Vorwarnzeit sichert, und andererseits die Satellitenüberwachung mangelhaft ist. Diese decken in der Regel nur bis zum 80. Breitengrad, so dass große Teile der Arktis unbeobachtet sind. Dazu sollen eine Reihe kleinerer Drohnen gekauft werden, die von Landbasen oder den dänischen Küstenwachschiffen aus gestartet werden können. Weiterhin sollen weitaus mehr Satellitenbilder gekauft werden als bisher. Möglich wäre der Start von Mikrosatelliten, deren Betrieb die dänischen Möglichkeiten nicht überfordern würde. Um Grönland enger an sich zu binden, beinhaltet der beschlossene Maßnahmenkatalog auch die Einrichtung einer spezifischen Militärausbildung. Grönländer haben das Recht, aber nicht die Pflicht, Militärdienst abzuleisten, aber nur sehr wenige von ihnen nehmen diese Möglichkeit wahr. Dem soll Abhilfe getan werden mit einer Ausbildungsstation in Grönland und gemünzt auf arktische Verhältnisse.

Die US-Regierung hatte nach dem missglückten Kaufangebot von Präsident Donald Trump für Grönland angedeutet, die militärische Präsenz über den Stützpunkt Thule hinaus ausdehnen zu wollen. Dies wird aber weder von Dänemark noch Grönland gern gesehen und würde von Russland als offensiver Schritt gewertet werden.

Die dänische Regierung betont, dass die gewonnenen Erkenntnisse auch zivil verwendet werden sollen. Klimaforschung, Meeresschutz, Fischerei und Seenotrettung würden ebenfalls davon profitieren. Dies sind wichtige Aspekte für Dänemark, das in Vertretung Grönlands große Seegebiete bei der UN-Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels angemeldet hat, um diese als exklusive Wirtschaftsgebiete anerkannt zu bekommen. Der dänisch-grönländische Antrag an das Organ des Seerechtsübereinkommens überschneidet sich beträchtlich mit dem russischen, was in Moskau Überraschung und Verärgerung hervorrief. Gegenwärtig arbeitet Russland an der wissenschaftlichen Grundlage, um der Kommission die Erweiterung seiner Forderungen vorlegen zu können. Es ist also ein Knäuel politischer, militärischer und wirtschaftlicher Interessen, das Dänemark antreibt, die Region mit schärferen Augen unter Kontrolle zu halten, ohne einer Großmacht mit zu wenig oder zu viel Aktivität auf die Füße zu treten.

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