Löwen und Hakenkreuz

Ein Kunsttempel nahe Hamburg ist ins Zwielicht geraten

  • Von Volker Stahl
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Geld liegt erst einmal auf Eis: über sieben Millionen, mit denen eine »Kunsthalle der Lüneburger Heide« errichtet werden sollte. Im Mittelpunkt des Vorhabens sollte ein Gesamtkunstwerk aus Gebäuden und Gartenkunst mit tausenden Skulpturen und Gemälden stehen, die »Kunststätte Bossard«. Sie geriet im Frühjahr 2020 ins mediale Zwielicht. Die Fragen wurden gestellt, um die sich der Landkreis Harburg, die Sparkasse Harburg-Buxtehude und die Gemeinde Jesteburg, die das 30 000 Quadratmeter große Areal verwalten, gedrückt hatten. Wie hielt es das Ehepaar Johann und Jutta Bossard mit dem Nationalsozialismus? Wie braun sind der »Kunsttempel« und das ihn umgebende Anwesen?

Der Schweizer Johann Michael Bossard (1874 bis 1950) lehrte bis zu seiner Pensionierung 1944 Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule in Hamburg. Nachdem es 1912 Streit gegeben hatte um seine Löwen am Eingang des Museums für Völkerkunde (heute: Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt), nahm er keine öffentlichen Aufträge mehr an. 1924 stellte er zum letzten Mal aus. Er zog sich in die Heide zurück und werkelte an seiner Kunststätte, seit 1926 gemeinsam mit seiner ehemaligen Schülerin und Ehefrau Jutta. Eine »schönheitliche Quelle, eine Stätte innerer Einkehr« sollte entstehen.

Johann Michael Bossard begeisterte sich für germanische Sagen. Und der auf einem Auge Erblindete identifizierte sich mit dem gleichfalls einäugigen Göttervater Odin. In einem der »Edda« gewidmeten Saal im Wohn- und Atelierhaus befindet sich im Boden ein Mosaik, in dem auf Hinweis ein Hakenkreuz zu erkennen ist. Im Juni 2020 verfügte die Staatsanwaltschaft in Stade, dass das verbotene Symbol abgedeckt werden müsse. Erst wurde es unter den Teppich gekehrt, nun soll es nach dem Willen des verantwortlichen Stiftungsrates übermalt werden.

Gegen ein solches Übertünchen der Geschichte spricht sich ein Offener Brief aus, zu dessen Unterzeichnern Historiker, Publizisten und Politiker gehören – unter ihnen Elke Gryglewski, Leiterin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, und Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau Dora. »Heute stehen wir vor der Herausforderung, nicht ausschließlich künstlerische und ästhetische Erfahrungsräume zu öffnen, sondern auch die Wechselwirkung zwischen Kunst, Kultur und Gesellschaft zu thematisieren«, heißt es in dem Schreiben. »Wer das Hakenkreuz versteckt, macht die Schatten der Geschichte unsichtbar.«

So einfach, wie es sich eine Zeitung mit dem Titel »Nazi-Kunststätte« machte, ist es indes nicht. Für die NS-Politik war das abseitige Gesamtkunstwerk unbrauchbar. Und die genauen Beziehungen Bossards zum nationalsozialistischen Regime sind unerforscht. Zweifellos aber teilte er, wie nicht wenige Künstler seiner Zeit, einige Ideen mit den Nazis. Der bisherige weihevolle Umgang mit der »Kunststätte«, der durch die geplante »Kunsthalle« verstärkt werden sollte, hat eine kritische Würdigung verhindert.

Verschweigen, Verharmlosen und Verleugnen war die Devise der Erinnerungskultur vor Ort. Aber »man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, indem man sie versteckt«, sagt der Initiator des Offenen Briefs, der Psychotherapeut Ingo Engelmann.

In seiner Antwort auf den Offenen Brief vertröstet der Stiftungsrat auf eine nicht näher terminierte »unabhängige externe Aufarbeitung der Frage«, wie Bossard »zum nationalsozialistischen Regime stand und welchen Einfluss das auf seine Kunst in der Zeit« hatte. Hinsichtlich des Hakenkreuz-Mosaiks bleibe es beim Übertünchen, »um den Gefühlen der Opfer und ihrer Nachkommen Rechnung zu tragen«.

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