Tschirpen, tschilpen, deddern

»Nature Writing« macht Lust aufs Erkunden der »Wildnis« vor der Haustür.

  • Von Wolfgang Scherreiks
  • Lesedauer: 5 Min.

Jeden Morgen wecken mich Hinterhofvögel. Hier nur allgemein von Vogelgesang zu reden, wäre ein urbanes Armutszeugnis. Mit trägem Nachdenken schälen sich Bilder heraus von Spatzen, Tauben, Elstern oder Amseln. Aber singen die mir ihr vielstimmiges Frühkonzert? Gut, die einen zwitschern, die anderen gurren. Wollt ihr es genauer, müsste ich onomatopoetische, also lautmalerische Worte erfinden oder in Enzyklopädien stöbern - wäre da nicht das Handwörterbuch der Vogellaute von Peter Kraus. Es übersetzt Vogelgesänge in Sprache. So finden sich Worte, die längst vergessen sind oder auf dem besten Weg dahin. Jetzt zwitschert mir der gemeine Haussperling nicht mehr nur: Er tschirpt, tschilpt, schilkt und deddert. Ist er noch jung, gickt, gixt oder zirpt der Vogel. Einem Schwaben wiederum gigitzt er. Und die Taube girrt, schmirrt, kuttert, ruckt und ruckst, gurgelt und turtelt, kollert, burrt und schnurrt.

In meinem Aufhorchen und Benennen bin ich mittendrin in der Wiederentdeckung der Mitwelt vor meiner Haustür. Denn wir sehen mitunter nur, was wir auch benennen können. Schon durch ein Wiederaufleben vergessener Worte wird die »Natur« sichtbar und unterscheidbar. Nicht zufällig erschien das Wörterbuch in der bibliophil gestalteten Reihe »Naturkunden« bei Matthes & Seitz, die uns das Nature Writing mit Klassikern und jüngsten Texten nach Deutschland brachte. Darin geht es um nichts weniger als die leidenschaftliche Erkundung der Welt.

Spätestens seit der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts den Bericht seines zweijährigen Experiments vom einfachen Leben in einer selbstgebauten Waldhütte veröffentlichte, pflegte man vornehmlich in Amerika und Großbritannien das Genre des Nature Writing. Thoreau schulte seine Naturbeschreibungen an Alexander von Humboldt. Auch die deutsche Romantik und die Naturphilosophie Schellings übten Einflüsse aus. In Deutschland ergab sich die Teilung in naturwissenschaftliches und literarisches Schreiben über die Natur. Nachdem schließlich die Faschisten den Wald ideologisch in Besitz nahmen, gab es kaum Ambitionen, sich ihm poetisch zu nähern.

Im Bewusstsein der Klimakrise und des Verlustes der natürlichen Mitwelt entfalten Nature-Writing-Texte dieser Tage einen neuen Sog. Und Naturgänge erweisen sich als erdendes Gegengewicht zum permanenten Körperverlust unseres Alltags am Bildschirm. Die Texte sind ebenfalls das Ergebnis einer praktischen Begehung. Ob in Form eines Berichts, Tagebuchs oder Essays. Mit den Mitteln der Sprache wirken sie als regelrechte »Naturverführer«. So spüre ich noch beim Lesen den Drang, selbst hinauszugehen. Dazu passt, dass in den aktuellen Veröffentlichungen nicht exotische Papageien, die ich nur mit viel Reiseaufwand erreiche, sondern unscheinbare Stadtkreaturen wie Tauben, Krähen oder neuerdings Füchse groß herauskommen. Selbst Brennnesseln erhalten, kulturell wie biologisch eingeordnet, neue Aufmerksamkeit. So wird aus dem Spaziergang von der Haustür ein Abenteuer im Schauen. Und es gilt der Satz: Je mehr man schaut, desto mehr sieht man.

Gerne wird Nature Writing dem Sachbuch zugeordnet. Dessen Beobachterhaltung und Themen spiegeln sich aber auch in Romanen: Mäanderte schon Vielgeher Peter Handke in »Mein Jahr in der Niemandsbucht« ohne Natur-Writing-Label aufmerksam durch die waldreiche Vorstadt, spürt die »Geländeromanschreiberin« Esther Kinsky den Übergängen zwischen Stadt und Land am Fluss des englischen River Lea nach. Es handelt sich um sprach- statt plot-getriebene Texte, die Übersehenes entdecken und die »Wildnis« auch vor der Haustür finden.

Davon inspiriert, brauche ich nur einmal ums eigene Haus zu spazieren. Wilder Wein umschließt dort das Gebäude. Von Frühling bis Herbst ist es ein Hochschauen: Erst kommen Wespen und die letzten noch lebenden Bienen, dann berauschen sich die Spatzen laut an den Beeren. Ein paar Wochen später betrachte ich das sich täglich wandelnde Farbenmeer der Blätter. Im Winter erscheinen mir die drei Jahreszeiten und der Wein wie ein Traum. Die Blätter sind fort. Die dunkle Klinkerwand rückt in den Vordergrund. Ich senke den Blick: Jetzt ist das knorrige Wurzelsystem die Attraktion. Davon ranken sich verjüngende Großstadtlianen zwanzig Meter hoch bis unter die graue Dachtraufe.

Naturarmut ist auch eine Aufmerksamkeitsarmut, aber etwas sichtbar machen keine unpolitische Flucht in die Idylle. Der genaue Blick führt ebenso Naturzerstörung vor Augen: Auf den alten Weinranken leben Flechten. Für den Anblick der vielfarbigen Symbiosen aus Algen und Pilzen wanderte ich früher durch die märchenhafte Macchie, dem gedrungenen Steineichenwald der französischen Provence. Weil die Flechten auch von der Luft leben, sorgte zu Hause der Schwefeldioxidausstoß noch für ein Flechtensterben. Seit es Entschwefelungsanlagen gibt, leuchten die Flechten wieder in der Nachbarschaft auf Weinranken, Apfelbäumen oder Steinmauern. An verkehrsreichen Straßen breiten sich gelbe oder orange Blattflechten aus. Aber sie profitieren dabei von Stickstoffverbindungen, die anderen sterbenden Flechtenarten und dem Menschen schaden.

Um ein naives »Zurück zur Natur« geht es beim Nature Writing ohnehin nicht. Ich muss nicht eins mit Natur werden, Heilung oder Gott dort draußen vermuten. Deshalb ist das Genre auch für Skeptiker eine Entdeckung, die hier gleich ein kitschiges Raunen argwöhnen. Zwar wird die Naturwahrnehmung mit allen Sinnen eingeübt. Doch gilt Nature Writing stets als Symbiose aus Naturwissenschaft und Dichtung. Zu der präzisen Naturbeobachtung kommen wissenschaftliche Erkenntnisse, die poetisch übersetzt werden. Im Idealfall sind Nature-Writing-Bücher sinnlicher als Naturführer und bodenständiger als etwa der Förster Peter Wohlleben, dem Kritiker vorwerfen, die Natur in seinen Wald-Büchern zu vermenschlichen.

Ein probates Mittel, dem Pathos einer Überhöhung der Natur zu entkommen, wäre eine ironische Brechung des Betrachters. Denn es ist immer noch unser menschlicher Blick auf eine Natur, zu der wir selbst gehören: Schaut etwa ein Ornithologe auf Vögel, beobachtet hier die Kreatur die Kreatur. Unweit der weinumrankten Mauern beginnt der Volkspark Schöneberg. Dort stehe ich vor einer borkenzerfurchten Robinie. Statt den Baum gleich menschlich übergriffig zu umarmen, hieße die praktisch wie metaphorische Übung, den richtigen Abstand zwischen Mensch und Baum auszuloten. Weder kann ich mich unreflektiert zum Freund des Baumes erklären, noch ist »die Natur« per se gut. Möglicherweise liegt das Glück beiderseits im passenden Abstand. Rausgehen muss ich dafür unbedingt.

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