»Grüner« Wasserstoff setzt zum Höhenflug an

Anleger setzen auf klimafreundliche Energieträger

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

In Hamburg hatte der schwedische Energiekonzern Vattenfall kurzzeitig ein hochmodernes Kohlekraftwerk betrieben. Das Heizkraftwerk Moorburg war erst 2015 in Betrieb gegangen. Es kostete rund 3 Milliarden Euro. Im Dezember 2020 wurde das Kraftwerk bereits wieder vom Netz genommen. Auf einem Teil des Geländes soll nach dem Willen der rot-grünen Landesregierung von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) eine Elektrolyseanlage für »grünen« Wasserstoff entstehen, die durch Windkraftstrom gespeist wird. Es wäre einer der größten Anlagen Europas.

Wasserstoff ist jedoch nicht allein in der Hansestadt in aller Munde. Sowohl die Bundesregierung als auch die EU-Kommission hatten im Sommer 2020 Strategien zur energetischen Nutzung von Wasserstoff vorgestellt. Die Nationale Wasserstoffstrategie (NWS) der Bundesregierung spricht davon, dass Wasserstoff »eine zentrale Rolle bei der Weiterentwicklung und Vollendung der Energiewende« zukommt. Allein die Bundesregierung hat gerade wieder 700 Millionen Euro für die weitere Erforschung der »grünen« Wasserstoffproduktion bereitgestellt.

Energie-Multitalent

»Dass es bei der praktischen Umsetzung viele Hürden zu überwinden gilt, ist unwidersprochen«, schreibt die Deutsche Bank in einer kürzlich erschienenen Analyse. Doch Wasserstoff ist theoretisch ein Energie-Multitalent. Das beflügelt nicht allein die Fantasien von Politikern und Technikern, sondern auch von Anlageberatern und Sparern.

Wetten auf Wasserstoff kommen in Mode. Analysten schreiben schon von »Goldgräberstimmung«. Goldgräber spüren beispielsweise dem Gabelstaplerhersteller Plug Power nach. Das kleine US-Unternehmen rüstet seine Flurfördergeräte mit Brennstoffzellen aus, die mit Wasserstoff betrieben werden. Trotz hoher geschäftlicher Verluste legte der Aktienkurs an der Börse eine Rallye sondergleichen hin und raste seit dem Sommer 2020 von 2 auf über 60 Euro. Der Börsenwert beträgt mit rund 30 Milliarden Euro das Hundertfache des bescheidenen Umsatzes. Hunderte »Plug Powers«, also Firmen, die mehr oder weniger stark auf Wasserstoff setzen, bevölkern die Kurszettel der Börsen in aller Welt. Darauf können auch Kleinsparer wetten.

Lukrativer Fonds »GG Wasserstoff«

Wie riskant solch eine Einzelanlage ist, zeigte ebenfalls Plug Power, als der Kurs im Februar plötzlich in wenigen Tagen um ein Fünftel fiel. Wasserstoff-Fans, die ihr Erspartes wenigstens breiter streuen wollen, um weniger riskant anzulegen, können dies in Aktienfonds. Der wohl erste in Deutschland ist der Fonds »GG Wasserstoff« (ISIN: DE000A2QDR59). Er investiert in »etwa 35 Schlüsselunternehmen«. Aufgelegt wurde er von Hansainvest, einer Fondsgesellschaft, die Teil der Signal-Iduna-Versicherungsgruppe ist.

Die Nähe zur Assekuranz ist kein Zufall. Angesichts der allgemein niedrigen Zinssätze investieren die Versicherer verstärkt in Infrastrukturprojekte. So versprechen erneuerbare Energien wie eben Wasserstoff aufgrund der üppigen staatlichen Förderung in Zukunft überdurchschnittlich hohe Renditen.

Investmentfonds erlauben es selbst Kleinstanlegern, ihr Geld breit gestreut anzulegen. Wie weit solche »Investitionen« moralisch und politisch für Linke akzeptabel und zweckmäßig sind, wurde schon im »nd«-Ratgeber diskutiert. Die Bedenken gelten erst recht für sogenannte ETF. Im Unterschied zu klassischen Investmentfonds, die beispielsweise »echte« Aktien erwerben, bilden Exchange-traded Funds (kurz ETF) lediglich ein bestimmtes Profil ab, ohne selber Sachwerte wie Aktien zu erwerben. Dadurch können sie kostengünstiger wirtschaften.

Nur ein »grünes« Mäntelchen?

»Neben einem Bitcoin-ETF gibt es höchstwahrscheinlich keinen anderen Themenfonds, auf den ETF-Anleger sehnlicher gewartet haben«, jubelte der Infodienst »Extra ETF«. Üblicherweise wird von ETFs ein bestimmter Index abgebildet. So auch in diesem Fall. Die Firma Solactive in Frankfurt am Main, die Indizes beispielsweise für Aktien und Rohstoffe entwickelt, hat 28 Aktien ausgesucht, die die gesamte Wertschöpfungskette abbilden: Wasserstoff- und Elektrolysehersteller, Brennstoffzellenhersteller, Gas-Spezialisten, Wasserstoff-Lösungen für Busse und Lkw sowie Anbieter von Komponenten für Brennstoffzellen.

Die Hälfte der Werte sind »Large Caps«, also große Unternehmen wie Toyota, Siemens und Linde. Der Rest sind kleine und mittelgroße Unternehmen, die angeblich über großes Wachstumspotenzial verfügen - wie Plug Power.

Auf diesen »Solactive Hydrogen Economy Index NTR« können Sie nun wetten. Die Fondsgesellschaft LGIM hat dazu den ersten Wasserstoff-ETF in Europa auf den Markt gebracht. Das Produkt hört auf den Namen »L&G Hydrogen Economy UCITS ETF« (WKN: A2QMAL). Übrigens fehlen in dem LGIM-Fonds die drei Aktiengesellschaften, welche am Wasserstoffprojekt in Hamburg-Moorburg beteiligt sind. Shell, Mitsubishi und Vattenfall finden sich allerdings in anderen sogenannten Nachhaltigkeitsfonds. Hängt man sich hier ein »grünes« Mäntelchen um oder sind »grüne« Investitionen der Goldesel der Zukunft für die Konzerne?

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