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»Auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt«

Bisher drei Anlaufstellen in Sachsen / Männer zu etwa 30 Prozent von häuslicher Gewalt betroffen

  • Lesedauer: 4 Min.

Dresden. Für Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden, gibt es in Sachsen bisher drei Anlaufstellen. Nun kommen sie auf den Prüfstand. Bis Ende Juni soll eine Untersuchung klären, wie die Projekte mit Männerschutzwohnungen künftig weitergeführt werden, teilte das Sächsische Gleichstellungsministerium als Auftraggeber der aktuellen Evaluation auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Seit 2017 werden der Verein Lemann e.V. in Leipzig, das Männernetzwerk Dresden und ab 2019 der Verein Weissenberg in Plauen als Anlaufstellen für betroffene Männer gefördert.

Die Vereine betreiben Schutzwohnungen für Männer mit jeweils drei Plätzen. Der Freistaat Sachsen hat nach Ministeriumsangaben bisher knapp 650 000 Euro bereitgestellt. Die Hilfen laufen 2021 aus. Um männliche Opfer im Freistaat künftig besser unterstützen zu können, seien die drei Modellprojekte bisher zu wenig, erklärte Frank Scheinert als Leiter der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz in Dresden. Mindestens zwei weitere Schutzwohnungen und weitere Beratungsangebote wären notwendig. Bundesweit gebe es Scheinert zufolge aktuell neun Männerschutzwohnungen. »Sachsen hat mit diesen Hilfen begonnen, andere Bundesländer ziehen inzwischen nach.«

Vor allem in Mittelsachsen gebe es bisher keine Anlaufstellen. »Wir hoffen, dass der Männergewaltschutz ab dem nächsten Jahr durch eine Regelförderung unterstützt wird, wie es bei der Hilfe für betroffene Frauen seit vielen Jahren üblich ist«, betonte Scheinert. Dass es mit den Hilfsprojekten für gewaltbetroffene Männer weitergeht, steht für Marcel Schäder als Vorsitzenden des Männerschutz-Vereins Weissenberg im vogtländischen Plauen fest. »Nur das Wie macht mir ein bisschen Bauchschmerzen.« Ein völlig neues Konzept könne zur Verunsicherung führen. »Es muss freundlich für die Betroffenen bleiben.«

Zwei Beratungsstellen im Vogtland und Schutzwohnungen für drei Erwachsene und bis zu sechs Kindern hat der Weissenberg e.V. in den letzten Jahren verwirklicht. »In den Monaten des Lockdowns sind die Anfragen bei uns zurückgegangen. Meiner Meinung nach hat sich das Problem ins Dunkelfeld zurückgezogen. Viele Männer schaffen es bei der aktuellen Unsicherheit nicht, sich zu lösen und halten die Gewalt weiter aus«, so Schäder.

In Leipzig soll vor allem die Beratungsstelle für die Betroffenen ausgebaut werden, sagte Tobias Lohs vom dortigen Lemann e.V. Netzwerk Jungen- und Männerarbeit. Ein solches Beratungsgespräch sei oft die erste Hilfe, die sich Männer suchten. »Viele erreichen wir hier zum ersten Mal. Die Schwelle scheint niedriger zu sein, die Überwindung nicht derart hoch.« Der Bedarf sei enorm, Förderanträge, um die Beratungsstelle auszubauen, seien gestellt.

Die Belegung im Leipziger Männerhaus schwankte seit der Eröffnung 2018 bis 2020 zwischen 50 und 70 Prozent. »Jetzt merken wir eine steigende Nachfrage, einen direkten Zusammenhang mit Corona können wir noch nicht erkennen«, sagte Lohs. Dabei habe sich auch der Leipziger Hilfsverein anfangs auf mehr Fälle in der Pandemie eingestellt. »Ich bin mir nicht sicher, ob die bisherigen Zahlen repräsentativ sind. Corona hat sich womöglich wie eine Art Käseglocke über die Probleme gelegt, die erst später sichtbar werden.« In einer Zeit, wo die Partner auf engstem Raum ausharren müssen, Existenzängste zunehmen und die Kinderbetreuung unsicher sei, könnten Männer womöglich schwerer einen Ausweg aus einer gewalttätigen Partnerschaft finden.

Laut aktueller Statistik des Innenministeriums wurden voriges Jahr 9235 Fälle von häuslicher Gewalt erfasst - seit 2016 ein Zuwachs um elf Prozent. Die Opfer seien in der Mehrzahl Frauen, Männer zu etwa 30 Prozent betroffen, hieß es.

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Gleichstellungsministerin Katja Meier (Grüne) erklärte auf Anfrage: »Auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt, das zeigen die jährlichen Meldezahlen der Polizei.« Mit den Männerschutzwohnungen sei Sachsen bundesweit ein Vorreiter gewesen. »Nach fünf Jahren Modellphase wollen wir nun ein objektives Resümee ziehen. Was sind die speziellen Bedürfnisse von Männern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, wie unterscheiden sich diese von Frauen, wie können die Angebote für Männer verbessert werden - das sind nur einige Fragen, die uns bewegen«, so die Ministerin. dpa/nd

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