Ohne Abendessen ins Bett

Eine Strafe des Bildungsbürgertums.

  • Von Jess Jochimsen
  • Lesedauer: 4 Min.

In ihrer Weihnachtspost beklagte eine weitläufige Bekannte wortreich (und selbstredend auf Englisch) ihr Leben »in the Pandemic«, um schließlich mitzuteilen, dass sie die Stadt mitsamt ihrer Familie bereits im November verlassen habe und bis auf Weiteres in ihr Domizil am Meer gezogen sei. »It’s just safer there.«

Solch Schrift gewordene Empathielosigkeit kenne ich schon. Ich finde sie schwer erträglich, aber meist gelingt es mir, darüber hinweg zu lesen. Diesmal aber stand da ein Satz, der einen Haken hatte und mich abwechselnd fassungslos, wütend und beschämt zurückließ. Er lautet: »My parents never grounded me when I was a child, but since Corona I know how it feels.«

Was die Bekannte »seit Corona nachfühlen kann«, hat in diesem Fall nichts mit »fehlender Erdung in der Kindheit« oder ähnlichem Übersetzungsquatsch zu tun, »never grounded« bedeutet schlicht, dass sie als Kind nie Hausarrest erhalten habe. »But since Corona I know how it feels.«

Nein, das tust du nicht! Weil nichts an dieser Aussage stimmt! Sie ist dreistes und dummes Gerede bestens situierter Menschen!

Hoppla, woher diese Wut? Oder ist das Neid? Dabei will ich die Möglichkeit gar nicht anzweifeln, etwas nachempfinden zu können, das man selbst nicht erlebt hat. Das ist durchaus möglich, Stichwort »Empathiefähigkeit«. Und es geht mir auch nicht um den Vergleich der Corona-Regeln und -Einschränkungen mit einer mehr als fragwürdigen Bestrafungsmethode. Nur so viel: Dieser Vergleich hinkt fatal.

Was mich so aufbringt, hat - um ehrlich zu sein - vor allem mit meinen eigenen Erinnerungen an den Hausarrest zu tun. Und mit der beschämenden Tatsache, wie sehr ich ihn immer überhöht habe.

Für meine Eltern war der »Stubenarrest« die Strafe der Wahl und meine Tagebucheinträge aus dieser einsam in meinem Zimmer verbrachten Zeit sind mir heute noch so peinlich, dass ich sie kaum lesen kann; völlig egal, wofür ich im Einzelnen zu Hause eingesperrt wurde (mal ein paar Tage lang, weil ich beim Klauen erwischt worden war, mal für satte drei Wochen wegen wiederholten Lügens), stets empfand ich die Strafe als so unverhältnismäßig und ungerecht, dass ich mir praktisch jedes Mal das Leben nehmen wollte. Denn nur so würden meine Eltern einsehen, was sie mir angetan hätten, voller Reue stünden sie an meinem Grab, doch dann wäre es zu spät ... Schockschwerenot! »15. Juni. Heute ist der letzte Tag meines Lebens. Um halb 6 Uhr springe ich. Oder um 6. Wenn Papa von der Arbeit da ist. Mama wird weinen. Aber Hausarrest ist Gefängnis und Gefängnis ist Unrecht.«

Die Schule durfte ich natürlich besuchen. Für die Pflichten erhielt ich Freigang. Wenn ich dort meinen Freund*innen sämtliche Freizeitaktivitäten für die nächste Zeit absagte, nickten sie nur stumm. Sie wussten Bescheid. »I know how it feels.«

Die blinden Flecken meiner Erinnerung heißen Maximilian, Eduard und Konstanza, zu denen ich aufschaute und die nie Hausarrest bekamen. Weil sie nicht in Häusern, sondern in Villen wohnten (und heute vermutlich in Domizilen am Meer). Die blinden Flecke heißen aber auch Ralle und Chrissy (die mehr als nur einmal mit einem blauen Auge zur Schule erschien), sie heißen Aishe, Nabil und Rácz. Für sie war der Satz »ohne Abendbrot ins Bett« keine Drohung, sondern ab dem Zwanzigsten jeden Monats eine Tatsache. Vor dem Zu-Hause-eingesperrt-Werden, hatte keine*r von ihnen Angst, eher davor, zur Strafe gar nicht mehr heimkommen zu dürfen.

Meine Scham liegt darin begründet, dass einige meiner schmerzhaftesten Kindheitserinnerungen ausgerechnet die an die »Freiheitsberaubung« jener Tage sind. So steht es wörtlich in meinen Tagebüchern. (Von Klassismus findet sich dort nichts.)

Der Hausarrest war die Strafe des Bildungsbürgertums, dem ich entstamme. Nicht weniger. Aber vor allem nicht mehr.

Die Weihnachtspost meiner Bekannten habe ich nicht beantwortet.

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