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Gesundheitskämpfe sind Klimakämpfe

Lasse Thiele möchte eine Brücke schlagen von der Klimabewegung zu den Kämpfen für Care-Revolution und ein gutes Leben

  • Von Lasse Thiele
  • Lesedauer: 3 Min.

Hoffnung - fein unterschieden von Illusionen - ist in der Klimagerechtigkeitsbewegung ein teures Gut. Weil sie meinem geschätzten Genossen Tadzio Müller aktuell verloren gegangen ist, darf ich diesen Kolumnenplatz von nun an übernehmen. Auch ich operiere gewöhnlich auf einem hohen Grundpegel an Sarkasmus. Männlich-klimaaktivistische Berufskrankheit. Zum Auftakt verlasse ich aber bewusst diese Komfortzone und stelle mal ein bisschen Hoffnung in Aussicht - für alle, die sie brauchen. Dazu, so sarkastisch das just zur dritten Welle klingen mag, beginne ich beim Thema Gesundheit.

Anlass ist, klar, die Pandemie, konkreter: die anstehende Zuspitzung der Arbeitskämpfe um Entlastung in den Berliner Krankenhäusern, wo Corona die langjährige Unterfinanzierung dramatisch spürbar macht. »Entlastungstarifauseinandersetzung« klingt zwar ungefähr so sexy wie »Emissionshandelszertifikate«, könnte aber anders als Letztere tatsächlich was für Klimagerechtigkeit tun.

Denn während die Klimakrise jetzt schon in Hitzesommern zum Gesundheitsproblem wird, leiden im Gesundheitssektor Arbeitsbedingungen wie Pflegequalität unter der fortschreitenden Ökonomisierung und Privatisierung. Ironischerweise könnten sich diese nach kapitalistischer Logik zuspitzen, wenn die Klimabewegung erfolgreicher darin wird, fossile Industrien zurückzudrängen: Notgedrungen verlagert sich die Verwertung dann eben in CO2-ärmere Bereiche der Daseinsvorsorge.

Umgekehrt würde ein progressiver Schuh draus: Eine klimagerechte, bedürfnisorientierte Wirtschaft müsste genau die Versorgungstätigkeiten in den Mittelpunkt stellen, die bis heute gern übersehen werden, meist schlecht oder gar nicht bezahlt von Frauen verrichtet, zunehmend ausgelagert entlang globaler Betreuungsketten. Dafür müssen Verwertungsinteressen überall zurückgedrängt werden. Entlastungskämpfe gehen den ersten Schritt: Die Forderung nach angemessener personeller Ausstattung in Kliniken stellt sich der Ökonomisierung unmittelbar entgegen. Diese zutiefst politischen Kämpfe um die Struktur des Gesundheitssystems und die Verteilung gesellschaftlicher Mittel tragen die Beschäftigten aus, während sie unterbesetzt eine Pandemie bewältigen.

Jetzt, da Corona alle Scheinwerfer auf den Gesundheitssektor dreht, kann die Klimabewegung nebenan im Schatten den Aufmerksamkeitsverlust beklagen - oder sie hilft, die Verhältnisse auf genau dieser Bühne für eine klimagerechte Zukunft zum Tanzen zu bringen. Strategisch könnte das ein Patt überwinden. Seit Jahren versuchen Teile der Klimabewegung, mit Gewerkschaften zusammenzukommen. Aktivist*innen folgen dabei meist der Spur des CO2 und klopfen bei fossilen Industrien an. Schlagworte wie »Just Transition« fliegen umher, doch in der Praxis sind Klimagerechtigkeit und das Festhalten an den Hochlohnjobs des deutschen Exportkapitalismus schwer unter einen Hut zu bringen. Dialogwillen löst noch keine mittelfristigen Interessengegensätze auf. Meist vertagt man sich, erleichtert, wenn der Ton nicht allzu rau war. Fortschritte? Langsam.

In Debatten über klimaschutzbedingte Jobverluste geht gerne unter, dass auch in Deutschland ähnlich viele Menschen in Sorgeberufen arbeiten wie im Industriesektor. Die ewige Sparpolitik im Namen der Wettbewerbsfähigkeit belastet sie finanziell wie körperlich. Ihnen hat die Klimagerechtigkeitsbewegung wirklich etwas anzubieten: Jeder Schritt hin zu der Gesellschaft, für die die Bewegung kämpft, könnte ihre Lebensumstände sofort spürbar verbessern.

Wenn sich die Klimabewegung also um Mehrheiten bemüht, mit denen sie Kräfteverhältnisse verschieben kann - warum nicht mit jenen anfangen, die aus ureigenem Interesse mitkämpfen für das gute Leben? Anfänge wurden 2020 gemacht: Fridays for Future unterstützten brillanterweise ÖPNV-Arbeitskämpfe, Berliner Klimaaktivist*innen forderten auf Fahrraddemos »Kohle für Krankenhäuser statt Kraftwerke«.

Für die anstehenden Kämpfe planen Klimagruppen nun größere Solidaritätsaktionen. Lasst sie uns richtig groß machen. Jetzt die Coronakrise im Gesundheitssektor, wo sie am stärksten zuschlägt, zum Transformationsanstoß zu machen, wäre weitsichtige Klimapolitik. Und so etwas wie Hoffnung.

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