»Wir brauchen das Feuer«

Asja Bakic versammelt in »Mars« fantastische Erzählungen über innere und äußere Dämonen

Das Genre der Fantastik wird immer mehr zum festen Repertoire der Gegenwartsliteratur. Vor allem jüngere Autoren bedienen sich gerne bei den Möglichkeiten, die Science-Fiction, Fantasy und auch Horror bieten. Ein gutes Beispiel dafür ist die 1982 im bosnischen Tuzla geborene und heute in Zagreb lebende Asja Bakic. Ihr erster Erzählband mit dem Titel »Mars« versammelt zehn Geschichten, in denen die Autorin, die bisher vor allem als Lyrikerin in Erscheinung getreten ist, beängstigende Dystopien entwirft.

Da stirbt eine Frau und begegnet nach ihrem Tod zwei Sekretärinnen einer eigenartigen Behörde, die den Übergang gestorbener Seelen verwaltet. Sie verlangen von ihr, dass sie eine Geschichte schreibt: Nur wenn sie das tue, so wird ihr erklärt, könne sie in die zweite Phase ihres Sterbens eintreten. »Wir brauchen das Feuer des geschriebenen Wortes, um einen winzigen Riss an der Oberfläche der Wirklichkeit entstehen zu lassen, um so in sie eintreten zu können«, sagen die Sekretärinnen, die damit fast so etwas wie ein Motto dieses Erzählbandes vorgeben. Die Verstorbene tut, was ihr gesagt wird und landet schließlich sogar wieder unter den Lebenden, nur dass sie dann plötzlich mit anderen Schriftstellern zusammen als Zombie Menschen anfällt, um ihre Gehirne zu fressen.

Die Bandbreite der Geschichten ist beachtlich. Mal geht es in eine verlassene Kolonie auf dem Mars, dann wieder in ein Einfamilienhaus im Vorort, in ein zerstörtes Kriegsgebiet oder in ein ländliches Paradies, in dem finstere Morde geschehen. Neben dem Thema Literatur geht es immer wieder um Geschlechterrollen und um Flucht, Vertreibung und Exil. So stellt eine Frau fest, dass irgendetwas mit ihrem Alltag nicht stimmt. Ihr Ehemann erklärt ihr, sie wäre krank gewesen und befinde sich auf dem Weg der Genesung - bis sie herausfindet, dass sie ein Android und gar kein Mensch ist. Sie schlägt daraufhin ihren vermeintlichen Ehemann nieder und begibt sich auf die Flucht.

Die Figuren in Asja Bakics Erzählungen setzen sich zur Wehr. Sie versuchen irgendwie mit den unsäglichen Bedingungen umzugehen, die sie vorfinden. Ihre Handlungsmacht ist dabei aber oft sehr eingeschränkt. So auch für eine Familie, die ohne Wasser, Essen und Heizung in einer völlig zerstörten Stadt darauf wartet, endlich fliehen zu können. In einem alten Bus fahren sie zum Hafen und werden schließlich in ein kaputtes kleines Schiff verfrachtet, mit dem sie über das Mittelmeer von einem zerstörten Europa nach Afrika fliehen, wo in Senegal Wohlstand die Rettung vor dem sicheren Hungertod verheißt. Ob sie dort jemals ankommen, bleibt offen.

Asja Bakic führt die Leser in verstörende Welten, die nur knapp skizziert werden und trotzdem ungeheure Wirkung entfalten. So auch die Geschichte über den Mars, nach der dieser Band benannt ist. Es geht darin um eine Kolonie für Schriftsteller, die mitsamt ihren Werken von der Erde verbannt wurden. Literatur wird illegal und damit zu einer teuren Schwarzmarktware. Bis ein Autor herausfindet, dass der Grund für dieses eigenartige Verbot ein geheimnisvolles Artefakt auf dem Mars ist, das im Zusammenspiel mit Literatur die ganze Erde zu zerstören droht.

Die Möglichkeiten des Schreibens, aber auch die damit verbundenen Schwierigkeiten spielen in diesen Texten immer wieder eine zentrale Rolle. So auch in der Geschichte um eine Erfolgsautorin, die sich plötzlich nicht mehr daran erinnern kann, all die Romane geschrieben zu haben, die unter ihrem Namen veröffentlicht wurden. Die Schrecken, mit denen die Figuren in diesen Erzählungen umgehen müssen, sind nicht selten eben auch eigene und innere Dämonen, mit denen es zu ringen gilt. Und genau das tun Asja Bakic Figuren, die sich auf keinen Fall unterkriegen lassen wollen.

Asja Bakic: Mars. A. d. Kroat. v. Alida Bremer, Verbrecher, 16 S., geb.., 20 €.

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