Die »grüne Welle« scheint unaufhaltsam

Nachhaltige Finanzprodukte

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Wohl kein Markt in der weltweiten Finanzwelt wächst so schnell wie jener mit nachhaltigen Geldanlagen. Keine Bank, keine Versicherung und keine Investmentgesellschaft, die etwas auf sich hält, verzichtet auf Ziele für die Reduzierung von CO2. Und selbstverständlich soll auch der ökologische Fußabdruck verkleinert werden. Selbst die Europäische Zentralbank (EZB) prüft bei der Diskussion über ihre zukünftige Strategie den Einstieg in eine »grüne« Geldpolitik, also ob sie in Zukunft den Kampf gegen den Klimawandel aktiv unterstützen soll.

Nachhaltige Anleihen sind längst ein Renner und weiter auf dem Vormarsch. Die Emission von Nachhaltigkeitsanleihen (ESG) hat ihr Volumen im Corona-Jahr verdoppelt. ESG steht für Environment, Social und Governance, also: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Wurden 2019 weltweit umgerechnet schon rund 200 Milliarden Euro in ESG-Papieren angelegt, waren es 2020 schon rund 400 Milliarden.

Automatisch nachhaltig?

Die »grüne Welle« scheint unaufhaltsam. Doch wie grün ist sie wirklich? Als nachhaltig beworbene ESG-Geldanlagen führen nicht automatisch zu mehr Nachhaltigkeit. Zu diesem Fazit kommt ein Gutachten der Wirtschaftswissenschaftler Marco Wilkens und Christian Klein von der Universität Augsburg. Auftraggeber war der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). »Zwar können nachhaltige Geldanlagen durchaus eine positive Wirkung entfalten«, so die Studie. Doch wahrscheinlicher sind indirekte Effekte. Beispielsweise wenn Verbraucher über eine Geldanlage für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert werden.

Direkte Effekte über den Kapitalmarkt schließen die Finanzexperten zwar nicht aus, sie seien heute aber kaum nachweisbar. Prinzipiell können Nachhaltigkeitseffekte über einen Verzicht auf Rendite erreicht werden. Zum Beispiel, wenn in Folge der Geldanlage in bisher nicht rentable regenerative Energien investiert wird. Die gibt es allerdings zur Zeit praktisch nicht (siehe dazu im nd-ratgeber vom 17. März 2021).

Angebote der Finanzindustrie, die mit einem direkten Beitrag zu bestimmten Nachhaltigkeitszielen werben und zugleich marktübliche Renditen versprechen, sollten daher kritisch hinterfragt werden. Interessante Ansprechpartner können dafür alternative Banken wie die GLS Gemeinschaftsbank, die Nürnberger Umweltbank oder Triodos sein.

»Nachhaltigkeit muss mehr sein als ein Werbeversprechen«, fordert vzbv-Vorstand Klaus Müller. Deshalb sei es entscheidend, ob Geldanlagen tatsächlich zu mehr Nachhaltigkeit führten oder nicht. Das Gutachten von Wilkens und Klein zeige, dass die bisherigen Erwartungen zur Wirkung nachhaltiger Geldanlagen »ein Stück weit naiv waren«. Der oberste Verbraucherschützer in Deutschland warnt davor, dass Anbieter das Grüne vom Himmel versprechen, ohne dass sich tatsächlich etwas bewegt.

Nun sei die Politik gefordert. So hat im Februar 2021 der Sustainable-Finance-Beirat (der heißt wirklich so) mit seinem Abschlussbericht der Politik die Leviten gelesen. In seinem 132-seitigen Abschlussbericht »Shifting the Trillions - Ein nachhaltiges Finanzsystem für die Große Transformation« spricht der Beirat 31 Empfehlungen aus. Ziel sei es, sagte Beiratsvorsitzender Karsten Löffler, »Deutschland zu einem führenden Standort für nachhaltige Finanzierungen zu machen«.

Wirkung ist entscheidend

Dazu muss die Politik falschen Vertriebs- und Werbeversprechen einen Riegel vorschieben. Anlagen sollten nur als nachhaltig bezeichnet werden dürfen, wenn sie einen messbaren (!) Beitrag zu Nachhaltigkeitszielen leisten. Am Ende des Tages, so vzbv-Chef Müller, müssen Banken, Versicherer und Finanzvertriebe auch für ihre Nachhaltigkeitsversprechen haftbar gemacht werden können.

Die EU-Kommission in Brüssel hat immerhin schon Pläne vorgelegt, wonach Verbraucher künftig bei Anlage- und Versicherungsberatungen gefragt werden, ob sie nachhaltig anlegen wollen. Aktuell ist jedoch noch unklar, unter welchen Umständen Finanzanlagen als nachhaltig bezeichnet werden dürfen. Der Streit geht um die Kriterien wie kein Tabak, kein AKW, kein Alkohol reicht nicht aus. Der vzbv wie auch eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen fordern, die gesetzliche Definition nachhaltiger Geldanlagen konsequent an der Wirksamkeit auszurichten.

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