»Es geht nie nur um die Dinge, sondern um die Geschichten dahinter«

Die Aufräumberaterin Gunda Borgeest über innere und äußere Ordnung und ungebändigte Konsumkultur

  • Von Sarah Pepin
  • Lesedauer: 7 Min.

Frau Borgeest, was ist das überhaupt, Ordnung?

Im besten Fall ist es die Struktur, die zu einem Menschen passt. Ordnung ist etwas sehr Individuelles. Man kann keine allgemeingültigen Regeln und Muster über einen Menschen legen. Meine Aufgabe ist es, das für die jeweilige Person Passende zu finden und zu etablieren. Manche Menschen brauchen etwa komplett freie Arbeitsflächen, um sich am Schreibtisch konzentrieren zu können, andere brauchen Dinge um sich herum, um inspiriert zu sein. Es gibt Menschen, die sagen, ich will nur noch die Bücher behalten, die ich noch nicht gelesen habe - für andere sind Bücher identitätsstiftend, und sie möchten ihre Identität bei sich haben.

Wie kann man sich Ihren Alltag mit Kund*innen vorstellen?

Beim Vorgespräch versuche ich herauszufinden, wer diese Person ist und was sie sich wünscht. Da das Ganze eine sehr persönliche und tiefgehende Arbeit ist, muss man auf einer Wellenlänge sein. Dann mache ich mit den Kund*innen einen Masterplan: Was gibt es zu tun, und wie viel Zeit veranschlage ich dafür? Welche Etappen braucht es? Denn die allermeisten, die sich melden, haben dieses Eiger-Nordwand-Gefühl: Sie stehen vor einem riesigen Berg und wissen nicht, wie sie zur Basisstation kommen. Die erste Etappe kann sein: Ich sortiere jetzt drei Stunden das gesamte Geschirr. Wichtig ist, die Etappen klein zu halten, um Erfolgserlebnisse zu kreieren. Und in die Aktion zu kommen, also ins konkrete Handeln. Schönheit spielt dabei auch eine große Rolle. Die leitende Frage lautet: Wie schaffe ich mir ein Zuhause, in dem ich mich rundum wohlfühle? Davon ist Ordnung nur ein Teil.

Sie haben als Kulturmanagerin gearbeitet und Sinologie studiert. Wie sind Sie zu Ihrem heutigen Beruf gekommen?

Als meine Kinder groß waren, dachte ich, jetzt will ich noch mal richtig durchstarten. Im Kulturmanagement bin ich kaum fündig geworden. Man sagte mir: Mit 50 brauchst du dich nicht mehr zu bewerben. Aus diesem Schock ist aber Neues entstanden. Klar war, dass ich selbstständig und mit Menschen arbeiten will. Den Anfang machte ein Wochenende mit einer Freundin, die mit mir ihre Wohnung ausmisten wollte. Dann habe ich es noch einmal mit jemandem gemacht, den ich nicht kannte. Vier Monate später war ich ausgebucht.

Seit einem Jahr sitzen wir viel mehr zu Hause als sonst. Ist der Bedarf gestiegen?

Dadurch, dass das persönliche Treffen schwieriger geworden ist, habe ich nicht mehr Anfragen als sonst. Sonst wäre die Nachfrage vermutlich gestiegen.

Für den einen ist ein Raum ordentlich, jemand anders kriegt im gleichen Zimmer einen Anfall. Gibt es trotzdem klassische Probleme, die alle umtreiben?

Nahezu alle Menschen haben zu viele Dinge. Und die Dinge stressen sie, denn sie binden Energie und rufen ihnen zu: Kümmer dich um mich! Benutz mich mal wieder, reparier mich! Eine Kundin sagte mir, sie ersticke an den Dingen. Das hat natürlich mit unserem Konsumverhalten zu tun - und auch damit, dass wir Sachen doppelt, drei- oder vierfach besitzen. Viele erschrecken, was da alles so zusammenkommt. Das ist ein heilsamer Schock. Ein zweites klassisches Problem ist, dass die Gegenstände keinen eindeutigen Platz haben. Viel Zeit und Energie gehen dabei drauf, den Tesa-Abroller erst mal zu finden.

Ist es vor allem die Mittelschicht, die kommt? Und wann kommen die Leute?

Sie kommen dann, wenn sie es alleine nicht schaffen. Viele versuchen seit 10 oder 15 Jahren, dem Thema Ordnung für sich gerecht zu werden. Meine Kund*innen sind zu über 90 Prozent Frauen, und die Hälfte von ihnen ist in Krisensituationen: Partner verloren, schwere Krankheit, Trennung. Es kommen sowohl Alleinstehende als auch große Familien, die im Chaos untergehen. Studierende sind auch mal dabei.

Menschen entwickeln ja trotzdem Bindungen zu Dingen, die sie eigentlich nicht brauchen. Wie gehen Sie mit der emotionalen Ebene um?

Die Emotion entsteht schon, bevor ich über die Schwelle trete. Unordnung hat immer mit Scham zu tun. Und dass jemand mich in sein Zuhause lässt, ist somit ein großer Vertrauensbeweis. Das ist nicht easy für Menschen, die vielleicht seit zwei Jahren nicht so gerne Besuch empfangen haben. Die Dinge haben auch immer eine Geschichte. Beim Kaffeeservice der Oma ist man sofort bei der Beziehung zur Großmutter. Es tun sich zum Teil irrsinnige Familiengeschichten auf, und interne Tabus. Da geht es ans Eingemachte. Oft fangen Menschen auch an zu weinen. Ich habe früher ehrenamtlich im Hospiz gearbeitet und habe auch eine Ausbildung als Mediatorin - das hilft, wenn es emotional hoch hergeht. Dabei geht es nie nur um die Dinge, sondern um die Geschichten dahinter. Wenn man sich endlich vom hässlichen Geschirr befreien kann, dann auch ein Stück weit von dem Auftrag, der da drin steckt. Andere »schonen« ihre Gegenstände: Man kauft eine teure Couch und legt dann eine billige Polyacryldecke drüber. Dann frage ich: Warum? Oft lautet die Antwort: Das haben wir immer schon so gemacht. So beginnt man zu hinterfragen, was man unbewusst angenommen hat.

In östlichen Kulturen werden Minimalismus und Ordnung eher mit einem klaren Geist in Verbindung gebracht, den Deutschen wird ein Ordnungsfimmel nachgesagt, der eher spießig behaftet ist. Was ist für Sie die Psychologie des Aufräumens? Ordentliches Haus - geordneter Geist?

Wenn die Ordnung dem Menschen entspricht, dann ja. Die äußere Ordnung reflektiert immer auch die innere. Sie kennen das vielleicht: Ihnen geht es nicht so gut, dann räumen Sie die Küche auf und fühlen sich ein bisschen klarer, präsenter. Diese Entsprechung gibt es. In Deutschland ist Ordnung sowohl positiv als auch negativ behaftet. Bei Ordnung ist man schnell bei Zucht und Ordnung, beim Regiment, beim Druck. Quasi ein Korsett, in das ich mich einfügen muss. Darum geht es mir gar nicht. Es gibt Leute, die räumen panisch auf, bevor sie Besuch bekommen. Manche pfeffern dann einfach alles hinter eine Schranktür, damit der Besuch gut über sie denkt. Bei meiner Arbeit hingegen geht es um zwei unterschiedliche Prozesse, die nacheinander stattfinden: Dinge loslassen und das, was als Substrat übrig bleibt, in eine schöne Ordnung bringen.

Die Konsumkultur gaukelt einem vor, dass man glücklicher ist, je mehr man besitzt.

Konsumkritik erhält durch die Klimakrise noch mal eine völlig andere Relevanz. Dieses Konsumieren und den Glauben, die Dinge würden uns glücklicher machen, halte ich für ein großes grundsätzliches Missverständnis. Erlebnisse und Begegnungen machen uns glücklich. Natürlich braucht man ein Zuhause. Aber dieses »Wenn ich diesen Thermomix kaufe und das Badezimmer noch trendy aufhübsche, dann bin ich glücklich« - das ist eine Verwechslung. In unserer Gesellschaft werden Löcher gestopft. Weitaus wichtiger ist es aber, zu spüren, was das eigene Bedürfnis ist. Das kann auch wehtun, wenn man herausfindet, wie viel Mangel man in seinem Leben erfahren hat.

Vor etwa zwei Jahren hat Marie Kondo mit ihrer Netflix-Serie »Tidying up with Marie Kondo« einen Hype um etwas ziemlich Banales angestoßen. Sie ist damit reich geworden.

Marie Kondo stülpt ihr Konzept über alles drüber. Die psychologische Seite ist nicht die, die sie in den Fokus nimmt. Sie fragt weder nach den Geschichten der Dinge noch: Wie ist es eigentlich zu dieser unfassbaren Anhäufung gekommen? Die Ordnung, die sie für jemanden herstellt, halte ich somit für nicht wirklich nachhaltig. Auch weil sie so viel Müll produziert: Alles wird in große Müllsäcke gestopft und weggeworfen. Ich finde, alles, was noch gut ist, kann man verschenken oder spenden und sozialen Zwecken zuführen. Das ist mein größter Kritikpunkt. Aber es ist ein weltweites Phänomen - und für manche Menschen offenbar genau das Richtige.

Wie sieht Ihr Zuhause aus?

Ich habe immer schon wenig besessen. Wenig Kleidung, nur die nötigen Küchengadgets. Das hat mir schon mal sehr geholfen. Deshalb, und weil Sachen ihren Platz haben, gibt es bei mir ganz selten Unordnung. Höchstens mal, wenn ein Enkelkind da ist. Oder früher, als meine Kinder klein waren, da habe ich jeden Tag ein Stündchen aufgeräumt. Das Einzige, was mich heute stresst, ist, wenn meine Tochter - eine leidenschaftliche Köchin - uns bekocht. Dafür bin ich immer sehr dankbar, aber die Küche sieht danach wie ein Schlachtfeld aus. Die müssen wir dann abends wieder in einen begehbaren Zustand versetzen.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Wie sollte man ein Spannbetttuch falten?

Eine Methode, wie das gut funktioniert, ist folgende: Die Ecken in die Ecken legen, dann haben Sie ein längeres Rechteck. Das dann zweimal falten und so in den Schrank tun. Aber wenn Ihnen dafür die Geduld fehlt, dann machen Sie es einfach so wie immer.

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