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Kraft der Negation

Thomas Ebermann zum 70.

  • Von Georg Fülberth
  • Lesedauer: 5 Min.

Wer sich mit der Geschichte der radikalen Linken in Westdeutschland seit 1945 befasst, hat nicht immer Grund zur Heiterkeit: viel Scheitern und auch Anpassung. Für Letzteres gibt es Ausreden: Könne man nicht alles sofort durchsetzen, solle man zurückstecken, um im Kleinen per Kompromiss so viel zu verwirklichen, wie in der eigenen Lebenszeit immerhin zu erreichen ist. Auf diese Weise entstehe Fortschritt, der bekanntlich eine Schnecke sei.

Einer, der diese Rechnerei mit dem halb vollen und dem halb leeren Glas nie mitgemacht hat, ist Thomas Ebermann. Auf ihn treffen mehrere Berufsbezeichnungen zu: Arbeiter ohne Fixierung auf diese frühere Lebensphase, Politiker ohne Karriere, Intellektueller ohne Abitur, Künstler ohne Genre-Grenzen. Das Wörtchen »ohne« markiert immer auch Nichtzugehörigkeit. Als Politiker handelte er zuweilen wie ein Aktionskünstler. Der Werkstoff seiner Essays, Lesungen, Theaterstücke ist die Politik. In den 80er Jahren wurden durch ihn zeitweise sogar Talkshows zu Kunstwerken.

Dass er, 1951 in Hamburg geboren, in sogenannten sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, trägt er nicht vor sich her. Er hatte ja Glück. Die Bewegung von 1968 wirkte auch auf Schüler*innen, Auszubildende und Jungarbeiter*innen. Thomas Ebermann wurde Erziehungshelfer in einem Jugendheim, war im Bergedorfer Arbeiter- und Lehrlingszentrum (BALZ), dann im Sozialistischen Arbeiter- und Lehrlingszentrum (SALZ) in Hamburg, das sich 1971 mit dem Kommunistischen Arbeiterbund (KAB) zum Kommunistischen Bund (KB) zusammentat. Der war die lebendigste und zumindest in Norddeutschland erfolgreichste K-Gruppe: von keinerlei ausländischen Vorbildern abhängig, weder maoistisch noch sonst was, autonom eben. Überregionale Ausstrahlung hatte er durch seine Zeitung »Arbeiterkampf« (AK). Dort schrieb Thomas Ebermann unter dem Namen »Langer«. Dass er seinen Wehrdienst ableistete und bei den Phoenix-Gummiwerken sowie der Norddeutschen Affinerie arbeitete, dürfte seinem Selbstverständnis und dem des KB entsprochen haben.

Der Kommunistische Bund hatte die größten Ohren für neue Entwicklungen, darunter das Umweltproblem. Er geriet nie in die Zwickmühle, ein Atomkraftwerk in Brokdorf schlecht, in Greifswald aber gut zu finden. 1978 war Ebermann mit Genoss*innen an einer »Bunten Liste« in Hamburg beteiligt. Er fand, Kommunist*innen in nichtrevolutionären Zeiten müssten in übergreifenden linken Bewegungen für ihre Ziele kämpfen, ohne ihre inhaltlichen Positionen aufzugeben, aber auch ohne Organisationspatriotismus. Zusammen mit Gleichgesinnten (Gruppe Z) verließ er den KB und wirkte 1980 bei der Gründung der Grünen mit.

Die Rechnung schien aufzugehen. In Hamburg zog eine Grün-Alternative Liste (GAL) mit ihrem Spitzenkandidaten Thomas Ebermann 1982 in die Bürgerschaft ein. Tolerierungsgespräche mit der SPD scheiterten. Rainer Trampert - früher ebenfalls KB und Gruppe Z - war 1982 bis 1987 einer der Vorsitzenden der Bundespartei. In einer Kampfabstimmung um den Platz des Fraktionssprechers setzte sich Ebermann mit 21 zu 20 Stimmen gegen Otto Schily durch. Das war aber nicht seine eigene Mehrheit, sondern ihn trug eine Art Verhinderungskoalition, die einen Ober-Realo nicht wollte. Bei den Grünen gab es damals das Rotationsprinzip: Mandate mussten zur Halbzeit der Legislaturperiode aufgegeben werden. Also schied Ebermann 1989 aus dem Bundestag aus. Gleichzeitig wurde der linke Grünen-Vorstand mit Jutta Ditfurth gestürzt, die Realos um Joschka Fischer übernahmen das Kommando.

1984 hatten Ebermann und Trampert ein viel gelesenes Buch veröffentlicht: »Die Zukunft der Grünen. Ein realistisches Konzept für ein radikale Partei«. Der Irrtum lag im Untertitel: Das Programm war radikal, die Partei - so sehen die beiden das heute - von Anfang an mehrheitlich realo. Die zeitweiligen Erfolge der Linken in der Partei beruhten demnach auf einem Missverständnis.

Ditfurth, Ebermann, Trampert, Mitglieder anderer Parteien und bislang Unorganisierte bemühten sich ab 1988 um die Gründung einer neuen Formation - der Radikalen Linken. Die wurde zwei Jahre später von der Wiedervereinigung aufgerieben. Ebermann und Trampert verließen 1990 die Grünen. Nun wechselten sie das Aktionsfeld: Sie entwickelten eine Art Kabarett, das mit einfachsten Mitteln Aufklärung betrieb. Landauf, landab veranstalteten sie Lesungen aus den Erzeugnissen von Mainstreammedien, in denen der Irrsinn der herrschenden Politik zutage trat. Die Ergebnisse veröffentlichten sie in Büchern und auf CDs mit ebenso sprechenden Titeln im Macht-Sprech, zum Beispiel »Sachzwang und Gemüt« oder »Verpasst Deutschland den Anschluss?«. Den Verhältnissen wurde - nach einem Rezept des jungen Karl Marx - ihre eigene Melodie vorgespielt. Aber zum Tanzen konnten sie dadurch - anders als jener sich das damals gedacht hatte - nicht gebracht werden.

Danach: Thomas Ebermann und das Theater - mit Inszenierungen und eigenen Stücken! Ein Höhepunkt: »Der Firmenhymnenhandel« mit Robert Stadlober, 2012. Wieder Selbstenthüllung der Verhältnisse, diesmal im Medium der Eigenpräsentation von Unternehmen. 2014: »Der Eindimensionale Mensch wird fünfzig« - ein Bekenntnis zur »Großen Weigerung« von Herbert Marcuse, der Ebermanns Bezugs-Philosoph geworden ist. Auch Theodor W. Adorno zitiert er immer häufiger. Der Hamburger Verehrer dieser beiden Philosophen ist mittlerweile - Überraschung! - der letzte authentische Interpret der klassischen Frankfurter Schule vor deren pragmatischer Wende durch Jürgen Habermas.

Inzwischen hat er schon wieder ein neues Format für sich entdeckt, dem auch ein Veranstaltungs-Lockdown in Corona-Zeiten nichts anhaben kann: Seine stundenlangen Monologe in Podcasts und bei Youtube erreichen ein immer breiteres Netzpublikum.

Warum das alles? Wer die Verhältnisse anbellt, ohne sie ändern zu wollen, befindet sich am Stammtisch. Um sie aufzuheben, bedarf es eines Subjekts. Wer soll das sein? Antwort: die Linke in einem nicht parteipolitischen, sondern gesellschaftlichen Sinn.

Was hält Ebermann von ihr? Komplizierte Sache. Gewiss gehört er dazu, aber so wie einst Lenin im Ersten Weltkrieg zur internationalen Sozialdemokratie. Reinigende Unterscheidung, ja Spaltung ist nötig. Mit scharfem Auge sieht er, wo Gefahr des Überlaufens zu herrschenden Positionen besteht. So analysierte er 2019 in einem Vortragsprogramm und einem Buch pseudolinke Heimatliebe. Ähnliches versucht er während der Corona-Pandemie; im Mai wird er einen Band dazu veröffentlichen. Derlei Kritik kann ätzend sein. Bei Ebermann wird sie nicht gemildert, aber ästhetisch genießbar durch wunderbaren Humor und meisterhafte Form. Er ist ein großartiger Stilist, dessen Texte dem sprachkritischen Anspruch seines 2019 verstorbenen Freundes Hermann L. Gremliza standhalten.

Es gibt Zeiten, in denen die Verhältnisse nicht umzustürzen sind und die Irrtümer der Linken nicht aufhören. Dann konzentriert sich die Kraft der Negation in der gelungenen Form, ja in der Kunst. Am 18. April wird Thomas Ebermann siebzig. Da kommt noch was. Zum Glück.

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