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  • Berliner Arbeitsbedingungen

Existenzangst und Stress

Viele Berliner Beschäftigte kommen nicht zu den Pausen, die sie brauchen

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist eine der wenigen Studien, in der auch einmal die Beschäftigten zu Wort kommen. Seit 2018 befragt der DGB gemeinsam mit der Verwaltung für Integration, Arbeit und Soziales Menschen die in Berlin abhängig einer Tätigkeit nachgehen, zu ihrer Sicht auf Beschäftigungsbedingungen. Die Ergebnisse werden dann unter dem Titel »Gute Arbeit in Berlin« veröffentlicht. Die aktuelle Erhebung, für die zwischen Januar und Mai 2020 insgesamt 1002 Berliner*innen zwischen 15 und 64 Jahren befragt wurden, steht dabei schon deutlich unter dem Eindruck der Corona-Pandemie, die viele Arbeiter*innen wohl vor allem mit den Stichworten Homeoffice, Kurzarbeit und Jobverlust in Verbindung bringen dürften.

Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke), der Vorsitzende der Gewerkschaft der DGB Christian Hoßbach sowie Alexandra Wagner vom Forschungsteam Internationaler Arbeitsmarkt (FIA) stellten am Montagvormittag gemeinsam die Studie vor. Dabei wurde deutlich, dass Pandemie und Krise zwar an vielen Stellen die Situation von Beschäftigten verschlechtern, zugleich gibt es im Bereich der Arbeitsbedingungen leichte Verbesserungen. Diese kommen allerdings angesichts des Hauptproblems der Berliner Arbeiter*innen kaum zum Tragen, denn so wie schon in den vergangenen Jahren werden zu große Belastungen angegeben, die zeigen, dass es auf dem Weg zu guter Arbeit für alle noch »viel Luft nach oben gibt«, wie Elke Breitenbach es diplomatisch formulierte.
Ein Drittel der Befragten klagt über eine »sehr hohe Arbeitsintensität«: Gearbeitet wird immer unter Zeitdruck, viele verkürzen ihre Pause oder lassen sie gleich ganz ausfallen, um den Druck zu reduzieren, den die Beschäftigung vorgibt. Drei von vier Befragten geben darüber hinaus an, dass sie große Sorge vor dem Alter haben, weil sie denken, dass ihre Rente nicht zum Leben reichen wird.

Mehr als ein Drittel gibt darüber hinaus an, dass ihr Verdienst nicht zum Leben reicht. Als größtes Problem wird hier sowohl von der Arbeitssenatorin als auch von DGB-Mann Hoßbach die mangelnde Tarifbindung in vielen Beschäftigungsverhältnissen angesehen. »Gibt es Tarifverträge, können sich die Beschäftigten auch auf eine armutsferne Rente einstellen«, betonte Elke Breitenbach eine Möglichkeit, die Existenzängste nachhaltig zu verringern. Weil der bundesweite Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde unzureichend sei, versuche man in Berlin mit 12,50 Euro im Landesdienst auch in diesem Bereich entsprechende Verbesserungen zu erwirken.

Gerade Beschäftigte im riesigen Berliner Niedriglohnsektor sind besonders belastet, nicht nur aufgrund der geringen Einkommen, sondern auch, weil ihnen kaum Möglichkeiten zugestanden werden, sich zu qualifizieren. »Ein Drittel hat den Wunsch nach Weiterbildung, aber der wird ignoriert oder nicht realisiert«, so Breitenbach. Dabei seien es gerade diejenigen Arbeiter*innen, die die Chance zum Aufstieg besonders bräuchten, so die Senatorin. Für Höherqualifizierte ist es hingegen kaum ein Problem, Weiterbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Die Pandemie hat für viele Menschen verstärktes Arbeiten von zu Hause gebracht. Mehr als die Hälfte der Berliner Befragten nehmen das als Erleichterung war – tatsächlich werden Arbeit und Privates leichter vereinbar. Für die meisten geht es dabei allerdings nicht darum, sich die Mittagspause oder die Joggingrunde flexibel zu gestalten, sondern darum, angesichts der allgemeinen Belastungen der Coronakrise besser erreichbar zu sein, Stichwort Homeschooling und andere Betreuungsaufgaben. Bei der Hälfte der Befragten gibt es allerdings keine betrieblichen Vereinbarungen zum Homeoffice oder keine Kenntnis über diesbezügliche Regelungen im Betrieb.

Christian Hoßbach forderte, mehr über die weit verbreiteten Ängste und den damit verbundenen Druck zu sprechen. »Aber wir dürfen auch nicht nur darüber reden, wie es nach unten geht. Wir müssen auch über positive Gestaltungsmöglichkeiten von Arbeit sprechen«, wirbt der Gewerkschafter vorsichtig um Optimismus und Zielmarken für eine Zeit nach der Krise.

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