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  • Folgen der Deindustrialisierung

Abschied von der Maloche

Über die Deindustrialisierung Westeuropas, den neoliberalen Mainstream und den Strukturwandel der Öffentlichkeit zwischen 1980 und 2000

  • Von Lutz Raphael
  • Lesedauer: 15 Min.

Im Folgenden soll es um Meinungswissen und mediale Wirklichkeitsverluste nach dem Boom gehen, um die Verbindung von Deindustrialisierung und einem neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zu den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Öffentlichkeit bin ich über einen Umweg gekommen: Ich habe mich in meinem Buch »Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom« mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Deindustrialisierung in Großbritannien, Frankreich und der alten Bundesrepublik im Zeitraum von 1980 bis 2000 beschäftigt.

Unter Deindustrialisierung darf man sich in aller Kürze vorstellen: Verlust von Industriearbeitsplätzen, Wegfall ganzer Branchen, Veröden bestimmter Regionen. Das ist die dramatische Seite, aber es gibt auch eine weniger dramatische. Das ist der Strukturwandel industrieller Fertigung, der klassisch durch Rationalisierung vorangetrieben wurde. Deindustrialisierung in Westeuropa war eng mit der dritten industriellen Revolution verknüpft. Der Computer hielt Einzug in die Betriebe, wurde für die Steuerung der Produktion, die Neuorganisation von Information und Logistik genutzt. Dies vollzog sich viel früher als der Einzug der Computer in die privaten Haushalte - erst mit dem PC, später dann via Internet.

Im Ergebnis konnten mehr und höherwertige Industrieprodukte mit deutlich weniger Beschäftigten erzeugt werden, aber die entscheidende Frage blieb, ob die Produktionsstätten und Industrieunternehmen nach dieser Rationalisierungswelle weiterhin »vor Ort« waren oder Deindustrialisierung auch den absoluten Rückgang industrieller Wertschöpfung bedeutete. Dies war von Region zu Region, vor allem aber von Land zu Land in Europa sehr unterschiedlich. In Großbritannien spielte nach 1990 Industrie nur noch eine Nebenrolle, in der Bundesrepublik blieb sie das Rückgrat einer immer stärker exportorientierten Wirtschaft.

Industrie von gestern

Ausgegangen bin ich bei meiner Studie von der Frage, was das alles für die Betroffenen bedeutet hat, also für Menschen, die als Industriearbeiterin und Industriearbeiter beschäftigt waren. Bei meiner gesellschaftsgeschichtlichen Untersuchung bin ich aber darauf gestoßen, dass sich nicht nur die soziale und wirtschaftliche Lage, sondern auch die politische und die kulturelle Repräsentation der Betroffenen in dem Zeitraum grundlegend veränderte. Und damit sind wir beim Wandel der Öffentlichkeit als einem Teil der Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Einen ersten Schlüssel, warum die Vorstellungen über »Deindustrialisierung« so wichtig sind, liefern die ökonomischen Grundbegriffe und Modelle, die in den öffentlichen Debatten zugrunde gelegt wurden. In der hier untersuchten Zeit setzte sich immer mehr das Dreierschema durch, das in den 1940er Jahren von Ökonomen entwickelt worden war, um nationale Volkswirtschaften vergleichen zu können und langfristige Trends zu prognostizieren. Danach wird jede Volkswirtschaft in drei Abteilungen geteilt. Neben der verarbeitenden Industrie werden nur noch zwei andere Bereiche unterschieden: Der eine nennt sich primärer Sektor, also Landwirtschaft, Fischfang und Bergbau, und dann bleibt noch der ganze Rest, der sogenannte tertiäre Sektor, die große bunte und in sich völlig unterschiedliche Welt der Dienstleistungen.

Da in der Öffentlichkeit die Rede über Wirtschaft sich immer mehr und fast ausschließlich dieses Dreierschemas bediente, entstand ein suggestives Bild eines tiefgreifenden und quasi naturwüchsigen Strukturwandels: Je fortgeschrittener eine Volkswirtschaft, desto mehr dominieren die Dienstleistungen. So wurde das auch in den Zeitungsartikeln, politischen Reden und Büchern dargestellt: Moderne Gesellschaften entwickeln sich von Agrargesellschaften zu Industriegesellschaften und dann zu Dienstleistungsgesellschaften.

Die britische Ministerpräsidentin Margaret Thatcher sprach einmal von »yesterday’s industries«, einer Industrie von gestern. Das klingt so natürlich wie die Tage vergehen, und so vergeht also auch die Industrie. Dieser Naturalisierungseffekt ist ein erster irritierender Befund, auf den ich in meinen Untersuchungen gestoßen bin. Ein zweiter ist der damit einhergehende Orientierungsverlust. Diejenigen, denen gesagt wurde, dass sie in einer Industrie von gestern arbeiten, wurden dann selbst schnell von gestern.

Es wurde viel über Veränderungen gesprochen, aber eben so, als handele es sich um einen quasi-naturgeschichtlichen Prozess. Dabei kann man feststellen, dass die Deindustrialisierung in den von mir untersuchten Ländern sehr unterschiedliche Ergebnisse zeitigten, also Ausmaß, Richtung und soziale Folgen keineswegs fest standen. Das schlichte lineare Modell entsprach vielerorts gar nicht der Realität, aber es war wirkungsmächtig als Zukunftsdiagnose und Handlungsanleitung für Politik und Unternehmen. Für diejenigen, die als Industriebeschäftigte betroffen waren von den Umbrüchen der Zeit, bedeutete dies Orientierungsverlust und Zukunftsangst.

Diese Sichtweise hatte noch einen weiteren Verkennungseffekt zur Folge. Man kann beobachten, dass bei sozialen Problemen, die wie die nicht zu leugnende Massenarbeitslosigkeit unzweifelhaft mit der Deindustrialisierung einhergingen, die ursächlichen Beziehungen gern ausgeblendet wurden. Der Strukturwandel forderte seinen »natürlichen« Preis und jede einzelne hatte sich dem durch Umstellung, Umschulung und gegebenenfalls Mobilität zu fügen: Flexibilität wurde zum Zauberwort, wenn es um die Begleiterscheinungen der Deindustrialisierung ging. Dabei rückten auch die betroffenen Individuen als vermeintliche »Schmiede ihres eigenen Glücks« in den Mittelpunkt. Diese beiden Wahrnehmungsmuster waren wichtige Filter, welche die öffentliche Debatte um die Deindustrialisierung in Westeuropa nachhaltig beeinflusst haben.

Aufmerksamkeitsökonomie der Medien

Es gibt also nicht nur eine politische Ökonomie der Deindustrialisierung - also wirtschaftspolitische Entscheidungen: wo Kapital angelegt wird und wo nicht, wie sich die Gewerkschaften und die Parteien verhalten -, sondern auch eine Aufmerksamkeitsökonomie der Medien. Und die hat auch ihre Besonderheiten in Bezug auf die Deindustrialisierung. Hier möchte ich auf einige Aspekte aufmerksam machen. Man kann feststellen, dass in den späten 1970er und 1980er Jahren noch eine breite Aufmerksamkeit für das Thema gegeben war. In Großbritannien, Frankreich und auch der Bundesrepublik kam es zu großen Streiks. Es gab die Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche und beispielsweise um Schließungen von Stahlwerken im Ruhrgebiet, man denke nur an die Kämpfe um das Thyssen-Werk in Duisburg-Rheinhausen 1987.

In den 1990er Jahren konzentrierte man sich dann immer mehr auf soziale Folgeprobleme wie Massenarbeitslosigkeit, vor allem von Jugendlichen. Damit ging ein mediales Interesse an der zur Vergangenheit erklärten Industrie einher, die Maloche und die Malocher wurden verabschiedet, indem man sie musealisierte. Industriekultur wurde chic. Im Ruhrgebiet kann man das sehen anhand der Internationalen Bauausstellung Emscher Park und der Umwandlung von Industrieruinen in Museums- und Denkmalräume. Dies geschah vor der Hintergrunderwartung in den Medien, der Dienstleistungsgesellschaft gehöre die Zukunft. Die weiterlaufenden Betriebsschließungen, Entlassungen oder der stille Personalabbau fanden nur noch selten Beachtung.

Wie kam es zu diesem medialen Wirklichkeitsverlust? Eigentlich spricht auf den ersten Blick alles gegen diese These, denn für den von mir untersuchten Zeitraum und im Grunde bis heute wuchs das Angebot an Meinungen und Informationen enorm an. Allein die Buchproduktion, die auf den gesellschaftlichen Wandel Bezug nimmt, hat seit den 1970er Jahren unaufhörlich zugenommen. Gleichzeitig können wir aber beobachten, dass die politischen Gestaltungsoptionen in den 1980er und 1990er Jahren deutlich schrumpften. Es galt nun das TINA-Prinzip: »There is no alternative.« Das ist mediengeschichtlich und demokratietheoretisch ein Paradox.

Es lohnt sich also noch einmal genauer hinzuschauen. So hat zum Beispiel auch die sozialwissenschaftliche Expertise geradezu exponentiell zugenommen. Egal, welches Thema man wählt, die zur Verfügung stehende zeitgenössische Forschungsliteratur ist kaum noch zu überschauen. Doch gleichzeitig gibt es auf diesem Feld der wissenschaftlichen Expertise enorme Lücken. Will man beispielsweise wissen, was mit den Menschen passiert ist, die vorher in der Industrie gearbeitet haben, insbesondere auch Frauen, findet man überraschend wenig. Die soziologische Forschung wendet sich entschieden sogenannten Zukunftsthemen und Zukunftsberufen zu, empirische Forschung wie theoretische Arbeit laufen zunehmend den Erwartungen postindustrieller Zukünfte hinterher. Das heißt, auch die sozialwissenschaftliche Aneignung der Realität hat deutlich blinde Flecken.

Diese Umstellungen von Themenwahl und Aufmerksamkeit vollziehen sich vor dem Hintergrund, den ich als Illusion der Informationstransparenz bezeichnen möchte. Sie ist vor allem bei denen verbreitet, die sich an den öffentlichen Debatten beteiligen und dort auch wechselseitig attackieren. Sie teilen aber diesen Glauben, dass die medial präsenten Themen die Probleme der Gesellschaft transparent widerspiegeln. Das eine Illusion zu nennen, klingt zunächst provokativ, weil es ja öffentlichen Streit und eine kritische Öffentlichkeit gab. Ich erinnere nur an die Auseinandersetzungen um den Nato-Doppelbeschluss oder die Atomkraft in der Bundesrepublik. Und doch haben sich in diesem Zusammenhang einer kritischen Medienöffentlichkeit Wirklichkeitsverluste entwickelt: die klassischen Arbeitswelten - und dazu gehören die industriellen - wurden in der Wahrnehmung marginalisiert. Das hat, als Nebenbemerkung, auch mit der privatrechtlichen Organisation dieser Arbeitswelten zu tun, was den Blick in die Betriebe erschwert.

Ein gewichtiger Faktor war und ist, dass Medien vor allem über Ereignisse berichten, die den medialen Erwartungen entsprechen. Sie brauchen und suchen Bilder und Töne, die passen. Ohne spektakuläre Bilder verschwinden Ereignisse oder gar Zustände sehr schnell oder tauchen nur am Rande auf. Das ist ein Problem, weil so auch eine bestimmte Vorerwartung die weitere Wahrnehmung prägt. Nehmen wir beispielsweise die Berichterstattung über das Leben von Migrantinnen und Migranten in der Bundesrepublik. Eigentlich sind sie weitgehend unsichtbar, erst die Medienaufmerksamkeit für die wachsende Zahl von Flüchtlingen und Asylbewerbern, dann über die Gewalt gegen Ausländer, Arbeitsmigrantinnen und Asylbewerber in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren ändert das kurzfristig. Überhaupt muss man sich die medialen Wirklichkeitsverluste nicht wie einen plötzlichen Bruch oder eine Bildstörung vorstellen. Das ist eher ein schleichender Prozess. Die Inszenierung von Medienereignissen, die Marginalisierung anderer Aspekte der sozialen Wirklichkeit und die Verschiebung der öffentlichen Aufmerksamkeit gehören zusammen.

Meinungswissen in der Öffentlichkeit

Um mich dem Thema der Öffentlichkeit weiter zu nähern, möchte ich an dieser Stelle den Begriff des Meinungswissens einführen. Der bezeichnet, was in der Soziologie von Pierre Bourdieu mit dem sperrigen griechischen Wort Doxa gemeint ist. Meinungswissen bringt zwei Dinge zusammen, die in der Regel auseinandergehalten werden: Meinung und Wissen. Doch in der sozialen Welt operieren wir mit zahlreichen Vorstellungen, die man fast einen Glauben nennen könnte. Das sind Sätze, bei denen wir nicht mehr prüfen, ob sie wahr sind, weil wir sie für richtig halten - auch, weil wir darin von anderen bestätigt werden. Lange Zeit gab es das Meinungswissen, die Erde sei eine Scheibe. Das kommt uns heute lächerlich vor, doch über die soziale Welt kursiert eine Menge Meinungswissen, wobei es vor allem mit dem Aspekt des Wissens nicht besonders gut ausschaut.

Meinungswissen ist so etwas wie der Rohstoff für politische Kontroversen und für Meinungsbildung, ist aber nicht so konsistent wie Ideologie. Das Wichtige ist jedoch, dass Meinungswissen geglaubt und geteilt wird. Es ist zugleich die Grundlage, auf der Meinungen medial ausgetauscht werden. Nun muss man sich vor Augen halten, dass die Presse weitgehend nicht mehr als politische Meinungspresse organisiert ist, hier das marxistische und dort das liberale Blatt zum Beispiel. Das ist bei der »Tagesschau« nicht der Fall und auch gegen den festgelegten Auftrag, und doch wird dort Meinungswissen transportiert.

Es gibt Meinungswissen, das nicht ganz falsch ist. Nehmen wir die Annahme, dass es in der Gesellschaft ein oben und unten gibt, so offenbart das ein hierarchisches Gesellschaftsbild, das so nicht stimmt, aber auch nicht ganz falsch ist. Nehmen wir weitere prominente Beispiele von Meinungswissen, also dieser Konglomerate von Argumenten und Anschauungsweisen. Ein Beispiel ist die zeitgenössische Vermutung, man lebe in einer Gesellschaft, die besonders durchlässig, fluide wäre, also die schon eingangs genannte neue Verhaltenstugend der Flexibilität den Individuen auch Erfolg bringe und mit den Gewissheiten zugleich auch die Fesseln der alten Ordnungen fallen würden. In der Soziologie wurde diese Trenddiagnose vor allem in Verbindung mit dem Soziologen Zygmunt Bauman populär: man bewege sich hin zur Gesellschaft der Postmoderne, in der sich jegliche festen Strukturen auflösen und alles flexibel werde. Man musste aber nicht Bauman gelesen haben, um das zu behaupten, man hörte das auch an weniger anspruchsvollen Orten in den Medien.

Dass man durch Arbeit oder Herkunft geprägt werde, sei vorbei, nun entschieden die Freizeit und die Optionen der Lebensstile. Oder wenn über Selbständigkeit geredet wird, die unsere Welt ausmachen würde. Doch gleichzeitig gab es noch nie so viele lohnabhängig Beschäftigte wie damals und heute. Ein anderes zeitgenössisches Beispiel betrifft den Bedeutungsverlust von Gewerkschaften, Betriebsräten oder Volksparteien. Dass die von gestern seien, wurde auch zu einem gern kolportierten Meinungswissen. Oder dass der Sozialstaat zu teuer sei und deswegen abgebaut werden müsse. Erstaunlicherweise sind Länder in Europa, in denen derartiges Meinungswissen vor 30 Jahren nicht einfach politisch umgesetzt wurde, nicht bankrott gegangen.

Die Rolle des Expertenwissens

Wie verfestigen sich solche relativ klischeehaften Vorstellungen? Das hat neben dem Meinungswissen auch mit der Expertenmeinung zu tun. Die sozialwissenschaftliche und insbesondere soziologische Diagnostik dient dazu, uns zu erklären, was zurzeit der Fall ist. Das ist die amtliche Selbstbeschreibung dieser Wissenschaft. Nun kann man aber einerseits beobachten, wie sich diese Disziplin an große Zukunftsdiagnosen wagt, also eigentlich klassische Prophetie betreibt. Buchtitel wie »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck) oder »Erlebnisgesellschaft« (Gerhard Schulze) lieferten dann die Schlagworte für solches Meinungswissen, um hier zwei soziologische Werke aus der Zeit zu zitieren. Die Sozialtheorie sagt also, wie es morgen sein wird. Sie kommt dazu, indem sie meist neuartige Trends in der Gegenwart betrachtet, die sie dann im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung in die Zukunft verlängert.

Natürlich gab und gibt es sozialwissenschaftliche Forschung, die sich solcher Trenddeutung auf meist schmaler empirischer Basis verweigerte und sich stattdessen mit »Sozialproblemen« beschäftigt. Doch diese Sozialprobleme waren und sind in ihrer Mehrzahl politisch und medial vordefiniert. So rückten zeitgenössisch Langzeitarbeitslosigkeit oder Jugendrevolten in den Vordergrund. Aber wie das mit Deindustrialisierung zusammenhing, blieb ausgeblendet oder fiel bei der medialen Aufnahme der Ergebnisse unter den Tisch. Gleichzeitig sorgte die Arbeitsteilung zwischen den Disziplinen - etwa zwischen Soziologie, Ökonomie und Geschichte - dafür, dass solche übergreifenden Fragen liegenblieben. Dann fällt also auseinander, was eigentlich ein Zusammenhang darstellt.

Vergessen darf man auch nicht, wie unzureichend die amtliche Statistik der Bundesrepublik in Bezug auf die soziale Welt in Deutschland ist. Sie ist vor allem auf Wirtschaftsdaten spezialisiert. Im Vergleich zu anderen Ländern liefert sie aber ein vor allem sozialwissenschaftlich unterkomplexes Gesamtbild von der Gesellschaft. Amtliche Sozialdaten sind schwer zu durchschauen. Nur ein Beispiel: In dem Untersuchungszeitraum unterschied die amtliche Statistik vor allem die sozialversicherungsrechtlich relevanten Großkategorien Arbeiter, Beamte und Angestellte und suggerierte, dies seien Kategorien, die der sozialen Schichtung, den Einkommenslagen oder sozialen Problemlagen irgendwie adäquat wären. Dass sie aber in erster Linie Auskunft über die Stellung im Sozialversicherungssystem liefern, für weitere Aspekte aber nur noch unzureichende Bezugsgrößen darstellen, geht verloren. Das führt nun dazu, dass die Statistiken, die für die Diskussion über Ungleichheit, Arbeitsverhältnisse und berufliche Situation wichtig sind, häufig ohne amtliche Daten auskommen mussten und bis heute müssen.

Neoliberaler Mainstream

Bei aller Vorsicht meine ich für den Bereich der Öffentlichkeit oder der Öffentlichkeiten in den 1980er und 1990er Jahren drei Tendenzen ausmachen zu können. Ich sehe erstens einen neoliberalen Mainstream. Der ist zwar in der Bundesrepublik schwächer ausgeprägt als in den USA, in Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden. Aber er war sehr solide - insbesondere, wenn es um Fragen wie Privatisierungen, »schlanker Staat« und Globalisierung ging. Globalisierung wurde beispielsweise als politisches Argument verwendet, um mit der Standortfrage zu drohen. Also in dem Sinne: Wollen Sie demnächst noch hier arbeiten, oder habe ich Sie gerade falsch verstanden bei Tarif- und Lohnforderungen?

Für die Bundesrepublik darf zudem nicht übersehen werden, wie dominant die neoklassische Wirtschaftstheorie seit den 1980er Jahren und mit Einschränkungen ab 2008 bis heute ist. Es gab politisch oder medial kaum andere wirtschaftswissenschaftliche Expertise, die Chancen auf Wahrnehmung und Beachtung hatte. Das ist nicht unwichtig, weil dadurch die Handlungsspielräume der Politik vorgegeben werden. Auch die linke Opposition brauchte einiges an Mut, sich gegen eine solche Expertise zu stellen. Und selbst die sozialdemokratischen Parteien rückten nun von keynesianischen Leitideen ab und verschrieben sich einer dezidiert marktliberalen Modernisierungspolitik. Das Schröder-Blair-Papier aus dem Jahr 1998 verkündete diesen neuen Konsens siegesgewiss.

Zweitens wich linke Sozialkritik, die gegen einen solchen Konsens antrat, eher auf neue Themen aus. Seit Ende der 1970er Jahre trat sie primär als Anwältin neuer sozialer Bewegungen auf. Zu nennen sind insbesondere die Umwelt-, die Anti-Atomkraft- und die Frauenbewegung. Das war auch sehr erfolgreich und hat unbestreitbare Fortschritte gebracht. Und dann kam noch das alternative Wirtschaften dazu, und damit auch die Frage der Selbständigkeit. Zeitgleich entdeckte die linksliberale Öffentlichkeit das Thema der multikulturellen Gesellschaft, richteten sich mediale Aufmerksamkeit und Sensibilität auf Fragen kultureller (auch religiöser) Differenz und ethnisch-kultureller Diskriminierung.

Desinteresse und Ausgrenzung

Angesichts solcher Positionen ist es zu den eingangs geschilderten Marginalisierungseffekten gekommen. Denn das neue Desinteresse, dann auch die kulturellen Abwertungen betrafen alles, was nach alter Arbeiterklasse roch, nach hiesigen Arbeitern, eben nach »alter« Industrie. Dieses kulturelle und ästhetische Desinteresse traf sich mit einem weitgehenden sozialpolitischen Desinteresse. Den Zusammenhang zwischen Berufsleben, Berufsaussichten und Arbeitslosigkeit schien man erst wieder zu entdecken, als man plötzlich nach der »Wende« mit sehr vielen Menschen konfrontiert war, deren alte industrielle Arbeitswelt mehr oder weniger über Nacht verschwand und damit aber auch Lebenszusammenhänge und Zukunftsentwürfe sich auflösten. Die bald einsetzende Kategorisierung in »Ossis« und »Wessis« überdeckte dann, dass zuvor aber auch schon in Westdeutschland ähnliche Umbrüche zu beobachten waren.Ein dritter Aspekt betrifft die bildungspolitische Ausgrenzung. In dem allgemeinen Reden darüber, dass Bildungschancen erhöht werden müssten, wurde und wird gern vergessen, wie es damit wirklich für die sogenannten bildungsfernen Schichten steht.

Und wir wissen nicht erst heute, dass die Bundesrepublik bei fairen Bildungschancen, gar Bildungsgerechtigkeit sehr schlecht abschneidet. Der Verdrängungskampf um Bildungsabschlüsse und bessere Zugangschancen zu (wiederum medial inszeniert!) attraktiven Berufen verdichtete sich in den Jahrzehnten der Deindustrialisierung in ganz Westeuropa. Die Medienöffentlichkeit war daran intensiv beteiligt und wer in diesem Wettkampf erfolgreich war, pflegte die feinen Unterschiede zu denen, die leer ausgegangen waren oder »nur« eine Berufsausbildung absolviert hatten beziehungsweise Erfahrungen in ihrem »Job« hatten. Kulturelle Distanzen wuchsen und prägten auch die medialen Angebote.

So ist es am Ende vielleicht weniger überraschend, dass auch die politische Repräsentation der gesellschaftlichen Gruppe der Industriearbeiterinnen und Arbeiter sich schleichend verschob. Die westeuropäische Sozialdemokratie war davon am stärksten betroffen. Sie verließ sich lange Zeit einfach auf ihre Stammwähler, aber die gingen nicht weniger regelmäßig wählen oder traten gar aus den Parteien aus. Erst war das wie ein leises Sandrieseln, aber in den 2000er Jahren wurde das ein Erdrutsch. In anderen Ländern kam das etwas früher. Doch das ist ein Prozess, dessen Folgen in den 2010er Jahren noch deutlicher hervortreten und vielleicht erst dieser Tage im ganzen Ausmaß sichtbar geworden sind.

Der Text ist die überarbeitete Verschriftlichung eines Vortrags, den Lutz Raphael bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg gehalten hat.

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