Bautzens gar nicht so heimlicher Dominator

Der sächsische Unternehmer Jörg Drews tritt als Wohltäter auf und engagiert sich politisch - weit rechts stehend

  • Von Michael Bartsch
  • Lesedauer: 9 Min.

Jeder Bautzener kennt Jörg Drews. Wenn sein Name in der 40.000 Einwohner zählenden Kreisstadt fällt, legen die Angesprochenen meist den Kopf schräg. Schwieriges Thema, er tut ja was für die Stadt, aber … Man kennt den Bauunternehmer aber auch schon über die Lausitz hinaus. Weniger, weil die Bauwagen und die Maschinen von Hentschke-Bau an der Augustusbrücke in Dresden, in Erfurt oder an der Ostseeküste stehen. Die Google-Suchmaschine schlägt bei Aufruf seines Namens die Ergänzungsbegriffe «Reichsbürger», «AfD» oder «Morddrohung» vor. In diesen Zusammenhängen taucht er auch in überregionalen Medien auf. Wobei die meisten über ihn schreiben, die wenigsten erhielten eine Audienz bei ihm.

Der umstrittenen Person kann man sich aus zwei Perspektiven nähern: Viele Bautzener sehen in ihm den größten Steuerzahler der Stadt und darüber hinaus einen Wohltäter und Spender, der überdies seit zwei Jahren im Stadtrat sitzt. Mit etwa 700 Beschäftigten und Jahresumsätzen um 200 Millionen Euro expandieren der Bautzener Traditionsbetrieb Hentschke und sein Hauptgeschäftsführer Drews schon fast über den Mittelstand hinaus.

Ost-Aufsteiger und Stadtwohltäter

An verschiedenen Orten sind seine Baustelleneinrichtungen aber auch schon angezündet worden. Von Linksradikalen, wie Bekennerschreiben vermuten lassen. Der Wohltäter bietet zugleich ein Feindbild. Drews sei zur «Leitfigur einer Bewegung geworden, die die Bevölkerung polarisiert», distanzierten sich 2019 nicht etwa die Antifa, sondern die sechs Enkel des ehemaligen Firmeninhabers Ernst-Hans Hentschke. Die Westdeutschen sind allerdings seit 1991 nicht mehr an der Baufirma beteiligt, die in der DDR verstaatlicht und nach deren Ende wiedergegründet wurdet.

Glaubt man dem 61-jährigen Baulöwen, so polarisiert er wider Willen. Auch die meisten Bautzener würden Spaltungsabsichten bestreiten. Denn die «Versatzstücke rechter Ideologie», wie sich Linken-Kreisvorsitzender Silvio Lang ausdrückt, Drews’ Nähe zu Verschwörungstheoretikern oder seine Reden gegen Merkel, sind in der Kreisstadt Bautzen zumindest populär, wenn nicht gar mehrheitsfähig.

Die unsichtbare Mauer gegenüber Journalisten ist in der Firmenzentrale anfangs spürbar. Pressesprecher Falk Al-Omary und zwei weitere Öffentlichkeitsarbeiter komplettieren die Runde im Konferenzraum. Das Firmenmagazin, das sie überreichen, erklärt übrigens gleich nach dem Intro auf einer Ganzseite, dass Gendern «den Lesefluss erheblich behindere» und man deshalb darauf verzichte. Das Eis schmilzt zumindest etwas, wenn man Kenntnis und Verständnis für die Lausitz und vor allem für Bautzen erkennen lässt. Denn der geborene Lausitzer Bauernjunge Jörg Drews zeigt sich ausgesprochen bodenständig und heimatverbunden.

«Wir waren durchaus gute Ingenieure», erinnert er sich an seine Ausbildung in der DDR. Die Stasi setzte ihn unter Druck, weil er Konzerte der Liedermacherin Bettina Wegener organisierte. Es blieb nur ein Fernstudium, und beim VEB Kreisbau Bautzen hätte er nur als SED-Genosse Bauleiter werden können. So ging er Ende der 80er-Jahre als stellvertretender Taktstraßenleiter zum Wohnungsbau. Nach der Währungsunion 1990 hatte er über die Treuhand mit Abwicklungen und Restitutionen von Betrieben zu tun, darunter der unter dem alten Namen 1992 wiedergegründete Hentschke-Bau. Aus seiner angestrebten Firmenbeteiligung wuchs bald Dominanz.

Wollte er mit seinem fachlichen und kaufmännischen Talent den dominierenden Westdeutschen demonstrieren, dass es die Ossis auch können? Keine klare Antwort. Und warum genügte Jörg Drews dieser unternehmerische Erfolg später nicht mehr? Es blieb auch nicht beim kommunalen Engagement. Das reicht von der Unterstützung des Fußballklubs Budissa über den Rechentechnikverein Zuseum, Jugendfeuerwehren, Kindergärten bis zu einer Schulsternwarte. Drews kaufte und sanierte den heruntergekommenen Bahnhof, Hentschke-Bau schuf überall in der Stadt Wohnungen.

Zurück zur alten CDU

Seit mindestens einem halben Jahrzehnt ist der populäre Unternehmer auch politisch eindeutig zu verorten, was er allerdings bestreitet. Er stehe vielmehr allgemein auf einem gutbürgerlichen Boden, auf dem er für Kinder und Enkel «nachhaltig für deren Leben sorgen» wolle. Dieser Boden ist nach seinem Empfinden ins Schwanken geraten. «Ich hatte das Gefühl, dass viele gesellschaftliche Entwicklungen nicht in die gewünschte Richtung gingen», begründet er sein zunehmendes politisches Auftreten. Die «gewünschte Richtung» zeigte für Drews noch das CDU-Parteiprogramm von 2002 auf. Dort fand er noch die von ihm geschätzten Tugenden Eigenverantwortung, Selbstständigkeit, Fleiß und Disziplin wieder. Nicht zu vergessen «ein vernünftiges Verhältnis zur Nation und zur Einwanderungspolitik».

Immer wieder sieht sich der streitbare Bauunternehmer als ein Relikt «vernünftigen» konservativen Denkens in einer ins Rutschen geratenen Welt. Die wird nach seinem Empfinden durch halblegale Flüchtlinge zusätzlich destabilisiert, wobei er selbst zahlreiche ausländische Arbeiter auf Hentschke-Baustellen beschäftigt.

Wie beim politischen Spektrum will sich Drews hinsichtlich eines ethisch-weltanschaulichen Fundaments «nicht in Kategorien pressen lassen». Ein bisschen auswendig gelernt wirkt das Zitat des französischen Schriftstellers André Gide: «Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.» Wieder «auf konservative Grundwerte zurückführen», möchte er die Gesellschaft aber doch. Zugleich bestreitet er, einen entsprechenden Plan, gar eine Mission zu verfolgen. «Ich bin kein Umstürzler!», sagt er. Auch diese Aussage ist umstritten.

Ab 2016 erscheint anfangs in Papierform und nunmehr online das Magazin «Denkste?!», im Untertitel «Zeitung zur Meinungsbildung der unabhängigen Bautzener Bürgerinitiative ›Wir sind Deutschland‹». Der Zusammenschluss verstand sich damals als etwas zivilere Alternative zu Pegida und brachte vorübergehend in einigen Städten Demonstranten auf die Straße. Welche Meinung «Denkste?!» bilden möchte, ist offensichtlich. Es ging gleich los mit Hetze gegen die Amadeu-Antonio-Stiftung ausgerechnet unter dem Titel «Hetze im Auftrag der Regierung». Später war die sächsische Regierung dran, wenn ihr «Kampf gegen rechts als verlogene Strategie entlarvt» wurde. «Enttarnt» wurde auch «Das Klima als Mittel politischer Beeinflussung». Aktuell marschiert das Magazin mit den Querdenkern. «Chemnitz steht auf! Corona war gestern!», hieß es im Februar, und im März behauptete ein Biologielehrer, die Impfagenda sei politisch motiviert.

Einseitiger geht es nicht, aber gegen die angeblich monotone Mainstreampresse wird agitiert. Jörg Drews räumt immerhin ein, «am Anfang Geld gegeben» zu haben, nimmt aber nach eigenen Worten keinen Einfluss mehr auf redaktionelle Inhalte. Der clevere Unternehmer redet auch nicht selbst bei Corona-Ignoranten, wie sie jeden Sonntagvormittag südwärts von Bautzen an der Bundesstraße 96 stehen. Aber 2017 im Bundestagswahlkampf hat er 19.500 Euro an die AfD gespendet, nachdem er früher in kleineren Stückelungen die CDU unterstützt hatte. Er habe sich «teilweise mit ihr identifizieren können», zum Beispiel mit deren Kritik an der EU-Finanzpolitik, begründet Drews die damalige Spende. Inzwischen hält er sich zugute, durch seine Kandidatur für das Bürgerbündnis Bautzen bei der Kommunalwahl 2019 verhindert zu haben, dass die AfD stärkste Fraktion im Stadtrat wurde.

Dieses Bürgerbündnis bezeichnet die ehemalige Stadträtin der Bautzener Grünen, Annalena Schmidt, als «typische Querfront». Die Aktivitäten von Drews seien überhaupt «gut getarnt», sagt die junge Historikerin aus Hessen, die sich ihrer stockkonservativen Lausitzer Wahlheimat allerdings nicht gerade sensibel genähert hatte. Nach Ende ihrer Stelle am Sorbischen Institut lebt sie mittlerweile in Dresden.

Bis zur 2019 verkündeten Trennung unternehmerischer und politischer Aktivitäten organisierte Hentschke-Bau die gut besuchten Bürgerforen im Hotel Residence. Drews bestätigt, dass er sie ins Leben gerufen habe und die Referenten auswähle. Auch sie folgen durchweg einer rechts abbiegenden Linie und entdecken dabei allerhand Verschwörungen. Unter ihnen waren der zum Apokalyptiker mutierte Psychiater Hans-Joachim Maaz und der zur AfD desertierte ehemalige Dresdner CDU-Exponent Maximilian Krah; der Journalist Christoph Hörstel bezeichnete die deutsche Israel-Politik schon mal als Hochverrat und redete jahrelang auf dem Berliner Al-Quds-Tag, dem iranischen Jerusalem-Tag.

Einige von ihnen wurden auch noch mit dem «Bautzener Friedenspreis» belohnt, der wegen seiner polarisierenden Wirkung eigentlich Unfriedenspreis heißen müsste. Letzter Preisträger war der Schweizer Verschwörungstheoretiker Daniele Ganser. Finanzberater Thorsten Schulte, Vorsitzender des Vereins Pro Bargeld, drehte ein Video mit Drews unter dem Titel «Gegen Merkel - für Sachsen». Die Vorträge werden von «Denkste?!», Ostsachsen TV, dem «Bautzener Boten» oder dem Blog «Für unsere Zukunft» beworben«.

Wer Drews kritisiert, beleidigt Bautzen

»Ich versuche keine Gegenöffentlichkeit zu schaffen«, dementiert Drews Vermutungen. Das hat er auch gar nicht mehr nötig, denn angesichts des dominierenden Tons der genannten Medien können inzwischen schon die »Sächsische Zeitung« oder der MDR als Gegenöffentlichkeit in Bautzen gelten. Erregt braust der Bauunternehmer auf, als er nach einer politischen Nutzung seiner Macht und seines Einflusses gefragt wird. »Ich soll Gutes tun und Steuern zahlen, aber ansonsten gefälligst meine Fresse halten?«

Wenn er die nicht hält, sucht er aber bestenfalls die halbe Wahrheit. Kein Wort zu den Attacken auf Flüchtlinge und den Krawallen auf dem Bautzener Kornmarkt, der »Platte«, von 2016. Verdächtigungen erregen ihn maßlos, etwa dass der bis heute nicht aufgeklärte Brand des als Asylbewerberheim vorgesehenen Hotels Husarenhof etwas mit der ausländerfeindlichen Stimmung in der Stadt zu tun gehabt haben könnte. Schaulustige hatten damals Beifall geklatscht, und in rechten Kreisen war die Brandstiftung als Dummejungenstreich verharmlost worden.

Dem rechten Opfermythos angesichts der vermeintlich ausufernden linken Gefahr leistete kurz vor Weihnachten 2020 auch noch ein primitiver Drohanruf bei Drews Vorschub: »Die Sachsensau Drews wird sterben!«, hieß es. Der »Bautzener Bote« räumte ihm daraufhin viel Platz für eine lange persönliche Erklärung ein, und auch die sächsische AfD-Landtagsfraktion schlachtete die verbale Drohung aus. »Es darf nur noch eine Meinung geben, so scheint es«, sieht sich Drews von linken Feinden umzingelt. Kein Wort davon, dass anderthalb Jahre zuvor auch die grüne Kontrahentin Annalena Schmidt laut Drohungen »vergiftet werden und langsam und qualvoll sterben« sollte.

Verunsicherte ringen um Orientierung

Solidarität ist Drews sicher. »Das fällt auf fruchtbaren Boden«, kommentiert Linken-Kreisvorsitzender Silvio Lang die erstaunliche Anschlussfähigkeit der von Drews vertretenen Haltungen. Die erscheinen in Verbindung mit seinem Wohltäterbonus ganz normal und überhaupt nicht radikal. »Die Leute durchschauen das nicht, alle knicken ein«, fühlt sich Annalena Schmidt an sektenähnliche Verhältnisse erinnert. Wenn sie allerdings von »Browntown« spricht, verstärkt das nur die Wagenburg-Mentalität der Bautzener. Denn hier und in der Lausitz ringen besonders viele verunsicherte Bürger um ihre Orientierung, die sie eher in der Vergangenheit zu finden hoffen.

Es fällt auf, dass sich zahlreiche angesprochene Personen nicht zur Person Jörg Drews äußern wollen. Nicht das Kulturzentrum Steinhaus, nicht das Bürgerbündnis »Bautzen bleibt bunt«, nicht einmal der sonst nie um ein knackiges Statement verlegene Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Lutz Hillmann. Immerhin vermietet er sein Haus für die Friedenspreisverleihungen. Man könne mit ihm »wunderbar kontrovers diskutieren«, bescheinigt ihm Drews.

Wer aber Drews kritisiert, beleidigt Bautzen. Und welcher Bautzener will schon als Nestbeschmutzer dastehen? Das ist die neue Meinungsfreiheit, die sich in den vergangenen Jahren eingeschlichen hat und die nicht nur mit dem Kleinstadtmilieu zusammenhängt. Annalena Schmidt spitzt wieder einmal zu: »Drews hat die Stadt gekauft!«

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