Der schlaue Schluri

Die Serie »Columbo« war einmal das neue Ding im alten Fernsehen - Patrick Lohmeier würdigt alle Folgen

Inspektor Columbo ist ein zerknautschtes Kerlchen, das einen beigen Mantel über seinem beigen Anzug trägt, einen uralten Peugeot fährt und einen Hund namens »Hund« hat. Wenn in Los Angeles bei schönen und reichen Menschen ein Mord geschieht, kommt er angeschlurft und ermittelt. Ein Held des alten Fernsehens.

Von 1968 bis 2003 spielte der großartige Peter Falk in 69 Episoden den unkonventionellen Polizisten. Seine Gegenspieler wurden häufig von bekannten und hochkarätigen Darstellern, wie »Captain Kirk« William Shatner, »Mr. Spock« Leonard Nimoy, dem Country-Helden Johnny Cash oder dem österreichischen Charaktermimen Oskar Werner dargestellt. Bei der ersten Fernsehepisode führte der damals noch gänzlich unbekannte Steven Spielberg Regie. Und auch »Das Schweigen der Lämmer«-Regisseur Jonathan Demme inszenierte eine besonders gelungene Folge.

Das alles erfährt man bei der Lektüre von Patrick Lohmeiers Buch »Columbo, Columbo«. Mit unbestechlicher, aber nicht unkritischer Expertise dokumentiert er jede einzelne Folge. Lohmeier ist Literatur- und Filmwissenschaftler. In seinem Podcast »Bahnhofskino« bespricht er jenseits jeglicher Hochkulturanmutung Filme. Von »Liebesgrüße aus der Lederhose IV« über »Didi der Doppelgänger« bis zu neueren Serien wie »Breaking Bad« - nichts ist ihm fremd. Aber zu »Columbo« hat Lohmeier ein ganz besonderes Verhältnis. »Die auf VHS-Kassetten gebannten Folgen … trockneten meine Tränen während des ersten großen Liebeskummers«, schreibt er. Sein Leben lang sei die Serie ein »zerstreuender Rückzugsort« für ihn gewesen.

Denn »Columbo macht glücklich«, stellt Lohmeier fest. Akribisch recherchiert er jeder noch so kleinen Nebenrolle und jedem scheinbar unwichtigen Detail hinterher. Dass es das Buch gibt, ist ein kleines Wunder. Lohmeier hat es per Crowdfunding als Book on Demand finanziert. 130 Spender waren offenbar neugierig darauf, was der Podcaster über das antike Fernsehjuwel zu erzählen hat. Zu Recht.

Im heutigen »Goldenen Zeitalter der Serie« sind profilneurotische Kommissare keine Besonderheit mehr. Aber als Columbo 1968 zum ersten Mal in den USA im Programm von NBC über den Bildschirm schlurfte, stellte er sämtliche Fernsehkrimi-Dogmen auf den Kopf. Er hatte keine Waffe und es gab keine Action. Stattdessen wurden die Zuschauer Zeugen, wie der schlaue Schluri-Polizist den Mörder mit seinen raffinierten Understatement-Fragen in den Wahnsinn trieb und schließlich entlarvte.

Fast alle »Columbo«-Episoden laufen nach dem gleichen Muster ab. Zunächst lernen die Zuschauer den Mörder kennen. Man schaut zu, wie er oder sie den Mordplan austüftelt und schließlich durchführt. Der titelgebende Inspektor taucht oft erst nach zwanzig oder dreißig Minuten auf. Dann besichtigt er etwas tollpatschig den Tatort und bekundet seine Ratlosigkeit. Aber geübte Columbo-Gucker wissen schon: Der Inspektor hat die Lage bereits erfasst und weiß, wer der Mörder ist.

Und es ist herrlich dabei zuzuschauen, wie die unterschiedlichsten Mördercharaktere auf Columbo prallen und von ihm in die Enge getrieben werden. Jeder Columbo-Gucker wartet darauf, dass Columbo sich vom Mörder verabschiedet, zur Türe geht, während der Täter erleichtert aufatmet, dann nochmal zurückkommt und sagt: »Ach so, eine Frage hätte ich noch…« Und meistens ist diese Frage ein gezielt gesetzter Stich, um dem Mörder zu signalisieren: Ich weiß, dass du es warst und werde dich kriegen! Aus heutiger Sicht ist die Ästhetik der Episoden ziemlich angestaubt, nicht aber die Erzählweise. Der Inspektor von der Mordkommission des Los Angeles Police Departments rekonstruiert keine Verbrechen, er dekonstruiert sie. Er ist der Jaques Derrida unter den Fernsehkommissaren.

Peter Falk spielte Columbo mit liebevoller Schrulligkeit, aber auch mit unbeirrbarer Schärfe. Immer hat man das Gefühl, dass es ihm nicht um Gerechtigkeit geht, sondern darum, den Gegner im intellektuellen Wettkampf zu bezwingen. Er ermittelt nicht wegen Mordes, sondern wegen fahrlässiger Arroganz.

Columbo ist kein Held wie Magnum, aber auch kein Intellektueller wie Sherlock Holmes. Im Grunde ist er ein akribischer Puzzler, der sich mit Elan in die kniffeligsten Dinge einarbeitet. Seien es Filmeffekte, Zauberkunst oder Operationstechniken. Und mit perfider, höflich überspielter, latenter Aggression setzt er den Mördern zu. Figuren, die eigentlich wie Helden eingeführt werden. Und da gelingen der Serie oft großartige Fernsehspiele.

Patrick Lohmeiers locker geschriebene Rezensionen zu jeder Episode enthalten nicht nur eine Inhaltsangabe, Produktionsjahr, Soundtrack und Darsteller, sondern auch eine sachkundige Beurteilung jeder Folge. Wer das Buch liest, bekommt Lust auf »Columbo«. Und wer die Serie schon gesehen hat, der wird sie nach der Lektüre dieses Buches noch viel mehr zu schätzen wissen und mit verändertem Blick noch einmal anschauen.

Patrick Lohmeier: Columbo, Columbo. Ein Rückblick auf alle Fälle des legendären TV-Ermittlers. Books on Demand, 370 S., brosch., 21,99 €.

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