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Rassismus, der nie endet

Der oscarprämierte Kurzfilm »Two distant strangers« reiht sich ein in eine Debatte um die Darstellung von brutaler rassistischer Gewalt gegen Schwarze - »Black Trauma Porn« oder nötige filmische Aufarbeitung?

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Mord an George Floyd und die Debatte um rassistische Polizeigewalt in den USA spielte auch bei der diesjährigen Oscar-Verleihung eine Rolle. Mit dem 30-minütigen Film »Two distant strangers«, derzeit auf Netflix zu sehen, erhielten die Filmemacher Travon Free und Martin Desmond Roe den Preis in der Kategorie »Bester Kurzfilm« für die Geschichte eines jungen Schwarzen Mannes in New York, der in einer Zeitschleife feststeckt und immer wieder, Tag für Tag von einem weißen Polizisten ermordet wird.

Wie in dem Klassiker »Und täglich grüßt das Murmeltier« (1993) wiederholt sich besagter Tag im Leben des jungen Carter James immer wieder. Er wacht morgens im Bett von Perri auf, die er am Vorabend kennengelernt hat. Die beiden frühstücken kurz, nach einem ebenso witzigen wie romantischen Wortwechsel verlässt er gut gelaunt ihre Wohnung und als er auf die Straße hinaus tritt, stößt er mit einem weißen Mann zusammen, der einen Kaffeebecher in der Hand hält. Ein danebenstehender Polizist kommt dazu, verdächtigt Carter, Drogen in der Tasche zu haben, wird handgreiflich und im Zuge der Festnahme wird Carter getötet, um dann sofort wieder im Bett seines One-Night-Stands aufzuwachen.

Was immer auch der smarte Carter, gespielt vom Rapper Joey Badass, unternimmt, um nicht getötet zu werden, er hat keine Chance, der mörderischen Polizeigewalt zu entkommen. Egal ob er versucht, einfach wegzugehen, um gar nicht erst in diese Situation zu kommen, ob er davonrennt, sich wehrt oder irgendwann sogar mit dem Polizisten (Andrew Howard) ins Gespräch kommt: am Ende wird er jedes Mal erwürgt oder erschossen, um dann wieder in Perris Apartment aufzuwachen.

»Two distant strangers« erinnert an den von Spike Lee produzierten Film »See you yesterday« (2019), in dem zwei Schwarze Teenager eine Zeitmaschine bauen und einige Tage zurückreisen, um zu verhindern, dass ein Schwarzer Jugendlicher von der Polizei erschossen wird. Auch in diesem Film ist es den Protagonisten unmöglich, der rassistischen Gewalt etwas entgegenzusetzen und die Geschichte zu verändern. Das staatliche rassistische Morden auf der Straße ist und bleibt eine unveränderbare Konstante. Wobei das in »Two distant strangers« als dichte, kammerspielartige Erzählung auf den Punkt inszeniert wird. Die rasende Geschwindigkeit mit der diese Mordserie abläuft, ist absolut beängstigend und verstörend.

Dabei reproduziert dieser Film natürlich auch die Bilder exzessiver, mörderischer Gewalt gegen Schwarze Menschen. Vor allem zu Beginn wird in einer Szene der Mord an George Floyd, dessen Name im Lauf des Films auch in einem Graffito auftaucht, regelrecht nachgespielt. In den USA ist mittlerweile eine Debatte um den Umgang mit dieser kulturindustriellen Reproduktion und Verwertung von Bildern der Gewalt gegen Schwarze Menschen entbrannt. Befördert wurde das vor allem auch durch die seit Anfang April auf Amazon laufende Horror-Serie »Them« über die rassistische Gewalt gegen Schwarze Menschen im Kalifornien der 1950er Jahre, bei der viele Kritiker einen wenig reflektierten Umgang mit dem Thema monieren.

Von »Black Trauma Porn« sprechen Kritiker mittlerweile und verweisen in diesem Zusammenhang auch auf Serien wie »Watchmen«, »Lovecraft Country« oder eben auf den Kurzfilm »Two distant strangers«. Wobei dieser Kritik meist entgegengehalten wird, dass zur künstlerischen Auseinandersetzung mit rassistischer Gewalt auch deren Darstellung unabdingbar sei.

Dabei stellt sich auch die Frage, wenn es um den politischen Gehalt dieser künstlerischen Darstellung geht, wie empowernd diese Art des Erzählens eigentlich sein will, kann und letztlich dann ist. Im Fall von »Two distant strangers« sprechen Carter und seine Freundin Perri, die natürlich nichts von all dem miterlebt, ihrem Lover aber glaubt, ganz offen über die absurde Situation. Wobei der reflektierte Umgang mit der rassistischen Gewalt, diese nicht abstellt.

100 Mal wird Carter im Lauf des Films umgebracht, egal was er tut, wobei er schließlich noch eine sehr böse Überraschung erlebt. Am Ende verlässt er wieder das Haus in der Gewissheit, es irgendwann einmal zu schaffen, aber bis dahin noch unzählige Male ermordet zu werden. Damit bildet dieser Film mit den narrativen Mitteln der Fantastik die Realität auf verstörende Weise ab, bietet aber keine wirklich emanzipatorische oder empowernde Perspektive. Zumindest transportiert »Two distant strangers« den alltäglichen Wahnsinn rassistischer Polizeigewalt in den USA und macht noch einmal deutlich, dass George Floyd kein Einzelfall war.

»Two distant strangers« auf Netflix

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