Schnelle Empörung, schnelles Vergessen

Während alle Welt über Jens Lehmanns rassistische Worte klagt, bleiben handfeste Skandale im Fußball oftmals ungeahndet

  • Von Christof Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Klare Bekenntnisse gegen Rassismus nehmen im Fußball zu, allerdings bleiben handfeste Skandale oftmals auch ungeahndet.
Klare Bekenntnisse gegen Rassismus nehmen im Fußball zu, allerdings bleiben handfeste Skandale oftmals auch ungeahndet.

Jens Lehmann hat jüngst die Frage gestellt, ob Dennis Aogo der »Quotenschwarze« beim Bezahlsender Sky sei. Der ehemalige Nationaltorwart musste als Aufsichtsrat bei Hertha BSC Berlin zurücktreten. Was ohne jeden Zweifel die einzig richtige Reaktion des Vereins war. Vor allem natürlich, weil es eine Frechheit ist, Aogo abzusprechen, dass er im Gegensatz zu all den Weißen nicht wegen seiner Qualifikation zum Expertenjob gekommen ist. Zweitens, weil es – selbst wenn seine Hautfarbe bei der Wahl eine Rolle gespielt hätte – genau das begrüßenswert wäre, weil die Fußballberichterstattung soziologisch immer noch zu sehr die 80er statt die Gegenwart abbildet.

Es scheint auch ausgemachte Sache zu sein, dass DFB-Präsident Fritz Keller zurücktreten muss, weil er in Richtung seines Stellvertreters Rainer Koch »Freisler« gemurmelt hat. Am Sonntag wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Sie wurde mit 21 Jahren ermordet. Zum Tode verurteilt von Hans Freisler, einem der widerwärtigsten Ungeheuer, die das NS-System hervorgebracht hat. Dass das, was Keller gesagt hat, eine schlimme Entgleisung war, steht also außer Frage. Anstelle von Koch würde ich genau darauf achten, ob eine Entschuldigung glaubwürdig geäußert wird, ob er also begriffen hat, was er da Ungeheuerliches gesagt hat. Ich habe den Eindruck, dass das der Fall ist.

Vor 35 Jahren kam ein leibhaftiger Bundeskanzler auf die aberwitzige Idee, Michail Gorbatschow mit Joseph Goebbels zu vergleichen, einer ebenso widerwärtigen Kreatur wie Freisler. Kritik hagelte es daraufhin wochenlang und wer noch einen Grund gesucht hätte, warum Helmut Kohl als historische Figur in einer Reihe mit Willy Brandt vollkommen untauglich ist, kann ihn neben den Schwarzen Kassen auch hier finden. Aber zurückgetreten ist Kohl nicht. Meines Wissens ist von der Opposition damals nicht einmal die Forderung danach erhoben worden.

Ich glaube, dass diese Analogie etwas aussagt über das, was in den vergangenen 30 Jahren passiert ist. Im zu Kohls Zeiten noch nicht existenten Internet wird heute schnell angeklagt und noch schneller verurteilt – auch weil eine Verteidigung nicht vorgesehen ist. Das sorgt dafür, dass der jeweils nächste Aufreger, so banal er noch sein mag, schnell die nächste Empörungswelle lostritt. Lehmann ist längst vergessen, seither gab es Aogo, Palmer …

Das, was auf der Handlungsebene passiert und somit wirklich weitreichende Folgen hat, ist allerdings oft zu langsam und zu komplex, um die Stürme loszutreten, die ein falsches Wort eines kanadischen C-Klasse-Schauspielers weltweit lostreten kann. Kein Mitleid: Wer so doof ist, ein Twitter-Account zu führen, weil er denkt, dass er der Welt etwas mitzuteilen hat, müsste eigentlich wissen, welches Risiko er eingeht. Gefühlt 98 Prozent der Rücktritte der letzten Jahre beruhen auf der erstaunlichen Sucht, der Menschheit zu jeder Tages- und Nachtzeit die eigene unmaßgebliche Meinung aufdrängen zu wollen. Ich schaffe es einfach nicht, den geringsten Respekt für Menschen aufzubringen, die – was gerade sehr modisch ist – beteuern, sie hätten eigentlich das Gegenteil dessen gemeint, was sie gesagt haben.

Das, was im echten Leben falsch läuft, hat aber nur wenig mit der Haltung eines C-Promis oder eines verhaltensauffälligen Ex-Torhüters zu tun. Im Fußball wie in der Politik bleiben die eigentlichen Skandale oft ungeahndet, weil falsche Taten so manchen Ankläger weniger zu interessieren scheinen als falsche Worte. Das ist gut für Olaf Scholz (Wirecard, Steuerschenkung für Privatbank), Franziska Giffey (dreistellige Zahl von Plagiaten in einer Doktorarbeit) oder Andreas Scheuer (dreistellige Anzahl von Rücktrittsgründen). Und es ist gut für die Verantwortlichen für all die Schweinereien im Fußball. Ich weiß nicht, ob Fritz Keller ein guter DFB-Präsident ist. Als solcher müsste er sich für die Interessen der Amateure positionieren, die nun mal häufig denen des Profifußballs zuwiderlaufen. Ich weiß aber, dass Keller nichts für all die Skandale um das Sommermärchen, für die Korruption bei der Fifa oder die WM in Katar kann. Sein Rücktritt würde also nur unter einer Bedingung Sinn ergeben – dass im deutschen Fußball viele weitere folgen.

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