Bitterer Beigeschmack

Die Folgen von Kohleförderung und Kohleausstieg für die Lausitz und Berlin

  • Von Andreas Fritsche, Schwarze Pumpe
  • Lesedauer: 5 Min.
Ingolf Arnold zeichnet an der Ruhlmühle die Lage der Spree ein und zeigt, wo eisenbelastetes Wasser einströmt.
Ingolf Arnold zeichnet an der Ruhlmühle die Lage der Spree ein und zeigt, wo eisenbelastetes Wasser einströmt.

Am Neustädter Graben ragt ein dickes Rohr aus dem Hang. Klares Wasser sprudelt heraus. Ingolf Arnold macht den Test, schöpft mit der Hand zwei Schluck und kostet. »Eisen schmeckt bitter«, erklärt er. »Das Wasser schmeckt nicht bitter.« Die Reinigung funktioniert also. Würde das Wasser ungeklärt in die Spree fließen, käme es zu der ekelerregenden Braunfärbung, die vor einigen Jahren für Aufsehen sorgte - und für Angst um die Zukunft des Tourismus im Spreewald. An der Farbe erkennt man den Eisengehalt jedoch nicht zwangsläufig. Vor der Reinigungsanlage am Neustädter Graben sieht das Wasser eher grün als braun aus. Das Eisen ist hier noch nicht oxidiert, erklärt Arnold. Fließt das Wasser unbehandelt weiter, würde das aber noch geschehen.

Arnold hat 40 Jahre »im Dienste der Braunkohle, aber vor allem des Wassers gearbeitet«, wie er sagt. 2020 ging er mit 65 Jahren in Rente. Aber seine Frau sagt, davon, dass er im Ruhestand sei, habe sie noch nichts gemerkt. Denn weil ihm die Probleme keine Ruhe lassen, hat er mit anderen Fachleuten bereits im Jahr 2019 den Wassercluster Lausitz e. V. gegründet. »Bilden, bewahren und beraten« ist das Motto des 26 Mitglieder zählenden Vereins.

Am Mittwoch ist der Landtagsabgeordnete Christian Görke (Linke) zu einer vierstündigen Informations- und Besichtigungstour eingeladen. Das Interesse des Politikers kommt nicht von ungefähr. Er kandidiert in der brandenburgischen Niederlausitz für den Bundestag. Die Stationen der Tour liegen allerdings alle knapp hinter der Landesgrenze in der sächsischen Oberlausitz. Selbst die einleitenden Vorträge im Gründerzentrum Dock3 auf dem Gelände des Industrieparks Schwarze Pumpe hört Görke bereits in Sachsen. Zwar liegt der Industriepark teils auch in Brandenburg, das Dock3 befindet sich jedoch jenseits der Grenze. Das macht aber nichts. Denn was sich hier abspielt, hat große Auswirkungen auf die Städte und Gemeinden entlang der Spree bis nach Berlin.

Um rund 90 Prozent konnte die Eisenfracht in dem Gewässer und seinen Zuflüssen bereits reduziert werden, sagt Abteilungsleiter Oliver Totsche von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV). »Donnerwetter«, staunt Görke. Die LMBV kümmert sich im Auftrag von Bund und Ländern um die Rekultivierung von Tagebaurestlöchern aus DDR-Tagen. Nicht weit von der Wasserbehandlung am Neustädter Graben entfernt entsteht für sechs Millionen Euro eine weitere Anlage an der alten Ruhlmühle. Hier sickert eisenhaltiges Wasser in einen Altarm der Spree. Verantwortlich dafür ist das Grundwasser, das nach der Stilllegung von Braunkohletagebauen wieder ansteigt und das im Boden lagernde Eisen ausspült.

Das ist nicht das einzige Problem. Denn in der Lausitz stehen etliche Wohn- und Gewerbegebiete auf Sumpfland, das nur deshalb vorübergehend trockengelegt ist, weil in der Gegend seit 1850 Braunkohle gefördert und dazu Grundwasser abgepumpt wird. Unterbleibt das, werden die Keller feucht oder laufen sogar voll. Und etwa die Hälfte des im Tagebau abgepumpten Wassers wird seit jeher in die Flüsse geleitet. Geschieht das nicht mehr, könnten die Spreewaldkähne in heißen Sommern leicht auf dem Trockenen sitzen, und die Hauptstadt Berlin bekäme Schwierigkeiten bei der Trinkwasserversorgung ihrer fast 3,8 Millionen Einwohner.

Die Folgen des Kohleausstiegs sind absehbar. »Die Spree zieht sich ihr natürliches Kleid wieder an, und das wird enger sein«, erläutert Ingolf Arnold. Bis sich der Wasserhaushalt einigermaßen einpegelt, vergehen Jahrzehnte. Ganz ohne Regulierung wird es wahrscheinlich nie wieder gehen. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich im Auftrag des Bundes mit den wasserwirtschaftlichen Folgen des Braunkohleausstiegs in der Lausitz.

Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt. Fünf Partner wirken mit, darunter ein Institut für Wasser und Boden, ein Ingenieurbüro für Renaturierung und die GMB GmbH, eine Tochterfirma der Lausitzer Energie AG. Erstellt werden soll eine Prognose für die Zeit bis ins Jahr 2100. Eins kann Thomas Koch von der GMB schon sagen: »Es wird nicht mehr Wasser da sein.« Denn die Niederschläge bleiben in etwa konstant, doch die Verdunstung nimmt zu - wegen der Klimaerwärmung und wegen der großflächigen Seen, die durch die Flutung der Tagebau-Restlöcher entstehen.

Die Landtagsabgeordnete Isabell Hiekel (Grüne) meinte, künftige Tagebauseen müssten kleiner und tiefer sein, um die Verdunstung zu reduzieren. Klingt logisch. Doch so einfach sei es nicht, sagen die Experten. Als Wasserspeicher für Trockenzeiten seien die Restlochseen aus physikalischen Gründen kaum brauchbar, wenn man sie klein und tief anlegt. Denn das Wasser müsse dann ja auch ablaufen können. Es gibt verschiedene Ideen, mit dem drohenden Wassermangel umzugehen, unter anderem die, für 500 Millionen Euro einen Überleiter aus der Elbe in die Spree zu bauen. Doch die Schifffahrt auf der Elbe kämpft jetzt schon um jeden Millimeter Wasser unterm Kiel und kann in Hitzeperiode nicht leicht etwas abgeben.

»Wir haben wenig Zeit, und wenn wir uns den Braunkohleausstieg 2030 ins Haus holen, haben wir noch weniger Zeit«, weiß Thomas Koch. Es wird ernsthaft diskutiert, die für 2038 oder 2034 geplante Abschaltung der Kohlekraftwerke auf 2030 vorzuziehen. Angesichts der Klimakrise wäre das nur vernünftig, ohne schnelle Reaktionen für die Lausitz aber eine Katastrophe, weil der Strukturwandel dann zu einer Schocktherapie werden würde, deren Wellen bis Berlin zu spüren sind, wenn dort die Spree austrocknet.

Politiker Görke schließt daraus: »Wenn wir jetzt über ein anderes Zeitfenster reden, dann muss geklärt werden, wie die Wasserfrage gelöst wird und wer das bezahlt.« Seine letzte Station ist am Mittwoch die Wasserbehandlungsanlage am Restloch Burghammer, jetzt Bernsteinsee genannt. Vor drei Jahren war der See noch total sauer. Der pH-Wert lag bei drei. Unterm Wert fünf können Fische nicht laichen, unter vier nicht leben. Doch mit der Anlage wird über ein Rohrsystem Kalk eingespült. Der pH-Wert ist mit 6,8 inzwischen fast ideal, und im See tummeln sich Fische, wie Görke als Angler sofort erkennt. Weil aber ständig saures Wasser nachströmt, kann die Behandlung nicht etwa bald eingestellt werden. Im Gegenteil, man werde sie noch mindestens 50 Jahre benötigen, sagt Oliver Totsche von der LMBV, vielleicht auch 100 Jahre und länger.

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