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»Ich höre mit den Augen«

Julia Probst setzt sich für mehr gesellschaftliche Teilhabe von Gehörlosen ein. Ihre Vision ist, dass die Gebärdensprache in Deutschland Amtssprache wird

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 7 Min.

Frau Probst, Sie sind 2010 damit bekannt geworden, dass sie Fußballern und Trainern bei der Weltmeisterschaft die Worte von den Lippen abgelesen haben und diese auf Twitter veröffentlichten. Wieso haben Sie das gemacht?

Bei der WM 2006 habe ich beim Public Viewing entdeckt, dass ich die Gespräche auf dem Platz - im Gegensatz zu meinen hörenden Freunden - verstehen kann, und das kam gut an. Ich habe im Januar 2009 Twitter für mich entdeckt und das zum Spaß gemacht. Überraschenderweise schlug das so richtig ein.

Warum nennen Sie sich auf Twitter »Ein Augenschmaus«?

Das ist eine Anspielung darauf, wie ich die Welt sehe - als visuelle Person »höre« ich mit meinen Augen. Ich finde es schon fast amüsant, wie viele Leute, vor allem Männer, die mit meinen Zielen für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft, nicht viel anfangen können, von diesem Nicknamen negativ getriggert werden, weil das Wortspiel einfach zu hoch für sie ist.

Sind Sie politisch aktiv?

Ja, mein politisches Herz schlug schon immer sehr ökologisch-links. Für die Stadtratswahl in meiner Stadt im Landkreis Neu-Ulm hatte mich der Kreisvorstand der Grünen angesprochen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte zu kandidieren. Die Wahl fand im März 2020 statt. Leider hat es ganz knapp nicht geklappt.

Was wünschen Sie sich von der Kanzlerkandidatin Ihrer Partei?

Ich habe die Vision, dass Annalena Baerbock die erste Kanzlerkandidatin und Bundeskanzlerin ist, die bei ihren Reden und Veranstaltungen immer und überall eine*n Gebärdensprachdolmetscher*in dabei hat. Das wäre ein starkes Signal an die Gesellschaft, dass Kommunikation nicht nur in Lautsprache stattfindet.

Wie ist die Lage Deutschlands im globalen Vergleich einzuordnen, was das Gebärdendolmetschen von politischen Reden oder Debatten im Bundestag betrifft?

Schlecht. In Deutschland hat es eine lange Tradition, die Gebärdensprache zu ignorieren. Bis heute gibt es keine bundesweite Vorschrift für Student*innen der Gehörlosenpädagogik, die Gebärdensprache verpflichtend für das Studium zu lernen und beim Abschluss des Studiums einen Nachweis vorzulegen, dass man mindestens B2-Niveau beherrscht. Ein anderes Beispiel ist, dass bis in die späten 80er Jahre gehörlosen Kindern an den Schulen auf die Finger gehauen wurde, wenn sie gebärdeten.

Können Sie auch ein ganz aktuelles Beispiel nennen?

Schon am 26. Februar 2020, als mir klar wurde, welche Katastrophe zu erwarten ist, habe ich den Gesundheitsminister Jens Spahn gebeten, die Pressekonferenzen und Informationen zu Corona barrierefrei, in Gebärdensprache, bereitzustellen. Es wurde nicht darauf reagiert. Erst nach heftigen Protesten und einer konzentrierten Medienaktion von mir und meinen Mitstreiterinnen hat man darauf reagiert. Die Bundespressekonferenzen finden heute mit Gebärdensprache statt, ebenso die Konferenzen des Robert-Koch-Instituts.

Ist jetzt alles gut?

Nein. Wir stehen heute noch vor dem Problem, dass die Pressekonferenzen der Bundesregierung im Fernsehen nicht mit Gebärdensprache sind, sondern die mit Gebärdensprache nur im Internet gezeigt werden. Die Bundesregierung selbst verpflichtet das Fernsehen nicht, das Fernsehsignal aus dem Bundeskanzleramt mit Gebärdensprache zu senden und das ist in meinen Augen eine klare Diskriminierung. Bisher wird im Bundestag nur der Donnerstag in der Kerndebattenzeit gedolmetscht, außerdem die Regierungsbefragung und behindertenpolitische Themen außerhalb der Kerndebattenzeit. Das ist aber erst seit wenigen Monaten so, dass der Bundestag mehr als nur die Kerndebattenzeit dolmetscht.

Das heißt, in erster Linie werden nur behindertenpolitische Themen in Gebärdensprache gedolmetscht?

Ja. Es ist aber so, dass Gehörlose ja nicht nur Interesse an behindertenpolitischen Themen haben. Ich warte noch darauf, dass der Bundestag, wie bereits 2018 angekündigt, komplett in Gebärdensprache gedolmetscht wird, an allen Sitzungstagen und Debatten.

Wie gut können gehörlose Menschen also insgesamt an der Politik teilhaben?

Wie gesagt: schlecht. Es ist ja gut, dass so um das Jahr 2012 herum die Parteien nach und nach anfingen, die Parteitage zu dolmetschen. Zuerst waren es die Piraten, dann die Grünen, dann die SPD, die Linke und die CDU. Am längsten hat sich die FDP geweigert, die hatten erst 2020 auf ihrem Parteitag Gebärdensprachdolmetscher*innen - jetzt hat die FDP eine Gemeinsamkeit weniger mit der AfD: Die weigern sich bis heute barrierefrei aufzutreten.

Gibt es bestimmte Gebärden für die Namen Scholz, Laschet, Baerbock? Und wer legt die wie fest?

Den Film »Der mit dem Wolf tanzt« kennen Sie, oder? Den Klassiker muss man einfach kennen. Es ist bei uns genauso wie bei den Ureinwohnern: Die Gemeinschaft legt ihn fest.

Okay. Das heißt: Herr Scholz hat nicht die gleiche Gebärde wie irgendein anderer Mensch, der auch Scholz heißt?

Richtig.

Können sich Gebärden auch ändern?

Ja, natürlich.

Für jemanden, der mit der Gebärdensprache nicht vertraut ist, ist das schwer vorstellbar. Ist das in etwa so, als wenn sich der Spitzname von jemandem ändert?

Namensgebärden können sich ändern. Beispielsweise wenn der Träger sich nicht mehr wohl damit fühlt oder sich stark verändert hat. Meine Namensgebärde ist übrigens »Die mit den langen Wimpern«. Mein Lebensgefährte zieht mich manchmal damit auf, dass ich auch gut »Die sich an der Nase rubbelt« heißen könnte, weil ich das tue, wenn ich stark konzentriert bin. Ich habe da echt Glück gehabt mit meiner Namensgebärde!

Wie läuft Kommunikation bei Ihnen zu Hause ab?

Mein Kind ist etwas über drei Jahre alt und hörend. In der Fachsprache wird es als CODA (Children of Deaf Adults) bezeichnet und hat selbstverständlich die Gebärdensprache als erste Muttersprache. Schon mit sieben Wochen fing es an, »Milch« zu gebärden. Die Lautsprache läuft bilingual nebenher ab, wir gebärden und sprechen mit dem Kind. Für das Kind hat die Zweisprachigkeit nur Vorteile, im Kindergarten hat man gesagt, dass sich das Kind für das Alter sehr weit voraus ausdrückt. Im Freundeskreis habe ich mitbekommen, dass dies oft völlig typisch ist für Kinder, die mit der Gebärdensprache aufwachsen, unabhängig vom Hörstatus.

Kann Ihr Partner hören und sprechen?

Mein Partner verfügt noch über ein Hörvermögen von zehn Prozent und kitzelt daraus erstaunlich viel heraus. Es ist ihm möglich zu telefonieren. Vom Hörstatus her ist er schwerhörig, seine Eltern waren aber beide Gehörlose. Die Gebärdensprache ist seine Muttersprache.

Welche Probleme gibt es für gehörlose Menschen in der Corona-Pandemie?

Ich fände es wichtig, dass gehörlose Menschen, unabhängig vom Alter und Vorerkrankungen, geimpft werden, denn kommunikativ stellt die Maskenpflicht Gehörlose und das medizinische Personal vor ein großes Problem. Diese Situation ist sehr belastend für beide Seiten - auch kann ein*e Gebärdensprachdolmetscher*in zwar angefordert werden, aber aufgrund des Mangels an verfügbaren Gebärdensprachdolmetscher*innen kann es Stunden bis Tage dauern, bis eine*r kommen kann.

Was muss sich in Deutschland ändern, damit mehr Inklusion für gehörlose Menschen stattfinden kann?

Deutschland sollte einfach die UN-Behindertenrechtskonvention strikt befolgen, mehr müssen die Bundesregierungen und die Landesregierungen nicht tun. Das Glück von uns Menschen mit Behinderungen war, dass die Bundesregierung damals, 2009, überhaupt nicht verstanden hat, was sie da eigentlich unterschrieben hat. Sie hat uns damit den Anspruch auf die Rechte gegeben, die wir lieber nicht haben sollten, wenn es nach den Debatten im Bundestag dazu ginge.

Was würden Sie sich noch wünschen, um besser politisch teilhaben zu können?

Die Anerkennung der Gehörlosen als kulturelle Minderheit mit eigener Minderheitssprache und Deutsche Gebärdensprache als Amtssprache in Deutschland. Bisher ist sie leider nur gesetzlich als eigenständige Sprache anerkannt. Ich habe, wie gesagt, die Vision, dass die zukünftige Bundeskanzlerin Annalena Baerbock am 27. April 2022, also genau 20 Jahre nach der gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache als eigenständige Sprache, die Anerkennung auf ein neues Level hebt: mit der Gebärdensprache als Amtssprache oder Minderheitssprache und der Anerkennung von Gehörlosen als eine kulturelle Minderheit. Vielleicht wird das ja wahr? Wir versuchen es gerade im Wahlprogramm der Grünen durchzubekommen. Es wäre ein Riesenschritt und ein fantastisches Angebot einer neuen Politik, die wirklich alle Menschen mitnehmen möchte.

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