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»Die Zahl der Morde steigt«

Der indigene Aktivist Jhoe Sauca über die Proteste und die staatliche Gewalt in Kolumbien

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 3 Min.

Etliche indigene Völker Kolumbiens haben sich mit dem nationalen Streik, der seit dem 28. April das Land in Atem hält, solidarisiert. In der Provinz Cauca, die an Cali grenzt, hat der indigene Dachverband Cric mobil gemacht. Warum?
Wir haben uns dem landesweiten Protest angeschlossen, weil wir alle Kräfte bündeln müssen, um uns gegen die geplante Steuerreform, aber auch jene im Justizsektor, im Gesundheits- und Bildungssystem zu wehren. Wir plädieren für eine nationale Versammlung, um die Reformen zu stoppen, haben an den Protesten in Cali mit der Guardia Indígena (gewaltfrei agierende indigene Wache, d. Red.) und etlichen Repräsentanten des Cric teilgenommen und unterstützen die Proteste auch weiterhin.

In Cali wurde am 9. Mai gezielt auf die Guardia Indígena und auf Repräsentanten des Cric geschossen. Wie geht es den Attackierten und wer steckt hinter dem Anschlag?
Alle Verletzten sind auf dem Weg der Besserung, auch Danila Soto, die Jugend-Verantwortliche des Cric, die von den in Zivil gekleideten Schützen schwerer verletzt wurde. Bisher hat es laut unserem Informationsstand keine Ankündigungen der Staatsanwaltschaft gegeben, Untersuchungen einzuleiten. Das ist bedauerlich, aber es kommt immer wieder vor, dass Straftaten, die sich gegen Indigene richten, nicht untersucht und geahndet werden - das ist Teil der kolumbianischen Realität.

Der Angriff in Cali ist kein Einzelfall. Das Ausmaß der Gewalt, dem sich Vertreter der Indigenen gegenübersehen, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Seit Protestbeginn noch weiter?
Ja. Seit Beginn der Proteste ist es in einem Ausmaß zu Gewalt durch staatliche Ordnungskräfte gekommen, das beispiellos ist. Hier werden Anführer und Anführerinnen direkt angegriffen, teilweise mit Schusswaffen, teils von den Sondereinsatzkommandos (Esmad), teils von Zivilisten, die oft im Verdacht stehen, Militärs oder Polizisten in Zivil zu sein. Wir beobachten eine Zunahme der politisch motivierten Gewalt in Kolumbien seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen der Farc-Guerilla und der Regierung im November 2016. Die Zahl der Attentate auf politische, soziale, Landrechts- oder Umweltaktivisten ist von Jahr zu Jahr gestiegen. Daran hat sich mit der Pandemie nichts geändert - das Gegenteil ist der Fall, die Zahl der Morde steigt. Neu ist seit rund einem Jahr der alarmierende Anstieg der Massaker.

In Cauca, dem Verwaltungsbezirk südlich von Cali, leben rund 300 000 Menschen indigener Herkunft. Dort ist der Cric angesiedelt. Sind indigene Aktivisten, Frauen wie Männer, überproportional stark von der Repression betroffen?
Das ist so, alle Zahlen von Menschenrechtsorganisationen wie Indepaz belegen das auch. Insgesamt sind seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der FARC mehr als 900 Aktivisten und Aktivistinnen gezielt ermordet worden. Seit dem Amtsantritt des Präsidenten Iván Duque im August 2018 hat es einen markanten Anstieg dieser Morde gegeben und die Regierung zeigt wenig Engagement, das Friedensabkommen umzusetzen, agiert bei der Bekämpfung des Drogenanbaus teilweise entgegengesetzt zu den getroffenen Vereinbarungen. Das sorgt für zusätzliche Probleme, für Gewalt, denn Cauca ist eine Region, wo angebaut, aber auch geschmuggelt wird.

Kolumbien ist ein Land, wo die Bevölkerung sehr deutlich in soziale Klassen eingeteilt wird. Trägt dieses Klassendenken zum Konflikt bei und welche Rolle spielt der institutionelle Rassismus?
Rassismus ist tief verankert in der kolumbianischen Gesellschaft und das Denken in sozialen Klassen trägt dazu bei. Die indigene Minderheit, je nach Quelle zwei bis vier Prozent der Bevölkerung, steht ganz am unteren Ende der Einkommenspyramide und ist Diskriminierung ausgesetzt, aber auch offener Rassismus ist Teil unserer Lebensrealität. Dazu passt zum Beispiel, dass uns sowohl der Bürgermeister von Cali als auch Präsident Iván Duque aufforderten, in unsere Territorien zurückzukehren - sie waren nicht einverstanden mit unserer Teilnahme an den sozialen Protesten. Das ist ein Akt der Diskriminierung und davon gab es in diesen Tagen viele.

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