Boris Johnson unterschätzt die Mutante

Großbritannien lässt Gäste wieder in Pubs und Restaurants - trotz offenbar ansteckenderer Covid-Variante

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 4 Min.
Boris Johnson macht's möglich: Im »The British Lion«, ältester Pub der englischen Kleinstadt Folkestone am Ärmelkanal, dürfen die Menschen Fish ’n’ Chips wieder drinnen essen.
Boris Johnson macht's möglich: Im »The British Lion«, ältester Pub der englischen Kleinstadt Folkestone am Ärmelkanal, dürfen die Menschen Fish ’n’ Chips wieder drinnen essen.

Noch vor wenigen Wochen hatte alles so gut ausgesehen. Die Covid-Fallzahlen in Großbritannien sind in den vergangenen drei Monaten drastisch gefallen, das Impfprogramm läuft einwandfrei, und obwohl das Land seit März schrittweise geöffnet wird, zeichnet sich bislang noch keine dritte Welle ab. Aber jetzt schlagen die Gesundheitsexperten Alarm: Die indische Variante B.1.617.2 breitet sich in manchen englischen Regionen rasant aus. Weil sie deutlich ansteckender sein könnte als die bisherigen Covid-Mutanten, könnte die Situation schnell eskalieren. Gesundheitsminister Matt Hancock sagte am Sonntag, dass sich die neue Virus-Variante unter Leuten, die nicht geimpft sind, »wie ein Lauffeuer ausbreiten könnte«.

Zu den Hotspots zählen mehrere Ortschaften im Norden Englands, beispielsweise Bolton. Dort haben die Infektionszahlen seit Ende April rapide zugenommen, in der ersten Maiwoche verdoppelte sich die Zahl der Covid-Fälle. Die Variante B.1.617.2 ist mittlerweile für den Großteil der Neuinfektionen in Bolton verantwortlich. Auch in vielen anderen Regionen sind Fälle dieser Variante festgestellt worden. Die Gesundheitsbehörde Public Health England sagte am Samstag, dass landesweit 1313 Fälle der Mutante registriert worden sind. Laut dem Epidemiologen John Edmunds, der im wissenschaftlichen Beratergremium der Regierung sitzt, wird die indische Mutante mit großer Wahrscheinlichkeit bald die dominante Covid-Variante in ganz Großbritannien werden.

Noch ist die Zahl der Neuinfektionen landesweit relativ tief: Seit Wochen werden täglich rund 2000 neue Fälle gemeldet; die 7-Tage-Inzidenz liegt bei etwa 25 Fällen pro 100 000 Einwohner. Das könnte sich schnell ändern, denn es gibt zunehmend Hinweise, dass die neue Variante noch ansteckender ist als die Kent-Mutante. Diese war im Winter verantwortlich für die verheerende zweite Pandemie-Welle, die den Gesundheitsdienst an den Rand des Zusammenbruchs trieb.

Laut wissenschaftlichen Modellen könnte eine neuartige Covid-Variante, die 40 Prozent ansteckender ist als das Kent-Virus, zur Folge haben, dass jeden Tag rund 6000 Covid-Patienten ins Krankenhaus eingeliefert werden - mehr als auf dem Höhepunkt der zweiten Welle. Allerdings gibt es derzeit noch keine verlässlichen Daten, wie viel schneller sich die indische Mutante ausbreitet. Die Leute sollten »besorgt sein, aber nicht in Panik verfallen«, meint Experte John Edmunds.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Impfungen scheinen gegen die Variante zu wirken. Zumindest legen dies erste Daten von der Universität Oxford nahe. Die geimpfte Bevölkerung sollte weitgehend gegen schwere Krankheitsverläufe, Hospitalisierungen und Todesfälle geschützt sein, sagte Oxford-Professor John Bell. »Wir müssen uns einfach durchpumpen.«

Damit beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Gesundheitsbehörden wollen so viele Leute wie möglich impfen, bevor sich das Virus erneut ausbreiten kann. Großbritannien steht diesbezüglich nicht schlecht da: Rund 55 Prozent der Bevölkerung haben die erste Dosis erhalten, 30 Prozent bereits zwei. Diese Woche werden alle über 35-Jährigen für die erste Impfung zugelassen. Derzeit werden jeden Tag eine halbe Million Britinnen und Briten geimpft; die Regierung beabsichtigt, die täglichen Dosen innerhalb von zwei Wochen auf 800 000 zu erhöhen.

Allerdings hat Premierminister Boris Johnson trotz Warnungen von Experten an seinem Fahrplan für die Öffnung festgehalten: Seit Montag servieren englische Pubs und Restaurants in ihren Innenräumen, Museen und Kinos sind offen, bis zu sechs Leute dürfen sich in einem Haus zusammenfinden.

Viele Fachleute halten das für falsch: Die neue Bedrohung durch die neue Variante erfordere eine Verzögerung, sagt beispielsweise Professorin Susan Michie, die ebenfalls zum Expertenausschuss der Regierung gehört. Die Regierung habe stets behauptet, dass sie sich von Daten leiten lasse, anstatt stur einem festen Zeitplan zu folgen; da fände sie es »überraschend, dass der Fahrplan ohne Anpassung beibehalten wird«.

Boris Johnson steht auch aus einem anderen Grund unter scharfem Beschuss. Er habe nicht genug unternommen, um einen erneuten Ausbruch überhaupt zu verhindern. Denn als sich im April längst abgezeichnet hatte, dass Indien vor einem riesigen Pandemie-Ausbruch stand, fehlte das Land auf der roten Liste der Covid-Brennpunkte. Wer aus einem solchen Land einfliegt, muss zehn Tage lang in Hotel-Quarantäne. Aber Indien, wo bereits am 5. April über 100 000 tägliche Neuinfektionen gemeldet wurden, steht erst seit 23. April auf dieser Liste. Die Regierung habe »es versäumt, den Schutz der Grenzen zu priorisieren«, sagte der Labour-Abgeordnete Steve Reed.

Besonders brisant ist der Vorwurf, dass Johnson aus politischen Gründen so lange zögerte. Er hatte für Ende April selbst einen Trip nach Indien geplant, um die wirtschaftliche Partnerschaft zu vertiefen. Eine engere Beziehung zur aufstrebenden Wirtschaftsmacht ist eine der Prioritäten der Regierung, um allfällige Handelseinbußen mit der EU wettzumachen. Trotz aller Warnungen von Gesundheitsexperten, die Grenzen dicht zu machen, wartete Johnson ab. Es sehe so aus, als habe Johnson »ein Handelsabkommen mit Indien höher gewichtet als die Gesundheit der Bevölkerung«, sagte die liberaldemokratische Abgeordnete Layla Moran.

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