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Kapital und Körper

In Konkurrenz mit der Maschine wirft die Pandemie die menschliche Arbeitskraft zurück

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Mensch«, schrieb Kurt Tucholsky vor 90 Jahren, »hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören« – kurz: seinen Mitmenschen auf die Nerven zu gehen. So wahr das ist, so wahr ist aber auch: Ohne einander kommen die Menschen nicht zurecht. Physische Nähe ist wichtig, bis hin zur Berührung, woran uns der jährliche »Weltknuddeltag« am 21. Januar erinnern soll. Auch der Kapitalismus braucht den Kontakt der Menschen in ihrer Funktion als Arbeitskräfte, als Käufer- und Verkäufer:innen. Separiert man sie, wird es teuer: 250 Milliarden Euro, so das arbeitgebernahe Institut IW, kostete die deutsche Wirtschaft bislang der »Lockdown«, also die Trennung der menschlichen Körper zu ihrem Schutz vor Covid-19.

Die Geschichte des Kapitals ist die Geschichte seiner Versuche, die Natur zu nutzen und sich gleichzeitig von ihren Unwägbarkeiten frei zu machen. Das gelingt nie ganz – Klimawandel und Pandemie erinnern den digitalisierten Finanzkapitalismus schmerzhaft daran, wie abhängig er ist von so archaischen Bedingungen wie CO2-Konzentration und Menschenkörpern. Besonders Letztere machen dem System zu schaffen: Der Mensch kommt klein und hilflos auf die Welt, er muss in Ruhe wachsen, wird krank, braucht Pausen und Erholung, bis er am Ende verfällt und stirbt. Damit passt er nicht zu einer Wirtschaft, die keinen Anfang und kein Ende kennt und Pausen hasst.

Die bedingte Funktionstüchtigkeit des menschlichen Körpers beschert der kapitalistischen Wirtschaft immense Kosten, auch in pandemiefreien Zeiten. Babys wollen geboren und Kinder aufgezogen sein. Leben und Arbeit machen krank, was für unversicherte Betroffene einen dreifachen Schlag bedeutet: Sie haben höhere Ausgaben für die Behandlung, sie leiden physisch, und sie verlieren mit der Arbeit ihre Einnahmen – das Kapital bezahlt nicht Menschen, sondern nur Arbeitskräfte. Aus diesem Grund haben wohlhabendere Staaten Sozialkassen eingeführt, in denen die Klasse der Lohnabhängigen für Zeiten der Lohnlosigkeit zwangsweise spart, also quasi vorarbeitet.

Auch alte Körper können dem Wirtschaftswachstum nicht mehr dienen, wollen aber dennoch überleben, was die Rentenversicherung jährlich mit 325 Milliarden Euro bezahlt. Das reicht oft nicht, weswegen die private Altersvorsorge einspringen muss – Versicherer übernehmen gerne das individuelle »Langlebigkeitsrisiko«. Zu den staatlichen Sozialausgaben addieren sich fast 300 Milliarden Euro für Kranken- und Pflegeversicherung. All diese Summen stellen für das Kapital Lohnkosten dar, die seiner Wettbewerbsfähigkeit entgegenstehen. Ein wettbewerbsfähiger Körper ist stets einsatzbereit und belastbar, was die ökonomische Basis legt sowohl für den Trend zur Selbstoptimierung wie für den herrschenden Jugendwahn.

Nicht nur die alten und kranken, auch die arbeitenden Körper müssen geschützt werden – in normalen Zeiten nicht vor Pandemien, sondern vor den Ansprüchen der Unternehmen. Arbeits- und Erholungsphasen sind daher streng vorgeschrieben. »Die Arbeit ist durch im Voraus feststehende Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen«, gebietet das Arbeitszeitgesetz, bevor es die Ausnahmen regelt. Vorschriften zur Arbeitsstätte legen kleinlich fest, wie viel Platz dem Körper einer Großraumbürokraft zusteht (12 bis 15 Quadratmeter), wie er stehen, laufen, sitzen kann, wie viel frische Luft, Licht und Wärme er beanspruchen darf und wie viel Lärm er ertragen muss. Um all das wird ständig gestritten, da Licht, Luft und Platz das Unternehmen Geld kosten und die Produktionskosten in die Höhe treiben, nicht anders als bei Legehennen.

Der menschliche Körper endet nicht an seiner Oberfläche der Haut, er greift darüber hinaus: 1,5 Meter Abstand gelten seit einigen Monaten als notwendige Distanz, die Menschen einhalten müssen und die machen die Corona-Pandemie teuer. Formulierungen wie »Lockdown kostete die Wirtschaft bisher 250 Milliarden Euro« zeigen deshalb, dass Schutz und Pflege des Körpers im herrschenden System nicht Teil der Wirtschaft sind, sondern ihr entgegenstehen, ihr eben Kosten verursachen. Und Kosten sind schlecht, das weiß man. Die Reproduktion des Kapitals und die der Körper bilden keine Einheit, die Reproduktion des Kapitals ist der des Körpers auch nicht untergeordnet. Beide stehen einander gegenüber, als Interessen mit gleichem Recht, woraus die permanente Frage resultiert: Wie viel ist ein gesundes Lebensjahr wert? Was darf ein Mensch kosten?

Das Kapital braucht die Menschen für den Profit, gleichzeitig bescheren sie ihm Kosten, von denen es sich befreien will. Der Weg aus diesem Widerspruch ist als »Rationalisierung« bekannt. Je teurer der Erhalt des Körpers, umso attraktiver wird es für Unternehmen, ihn durch eine Maschine zu ersetzen, die pausenlos läuft, nicht streikt und sehr berechenbare Ansprüche an die betriebswirtschaftliche Kalkulation stellt. In dieser Konkurrenz mit der Maschine wirft die Corona-Pandemie die menschlichen Arbeitskräfte zurück, denn sie verlieren einen Kostenvorteil gegenüber dem Automaten. In die gleiche Richtung wirkt die permanente Rationalisierung der Produktion von Investitionsgütern, die die Maschinen immer billiger und leistungsfähiger macht.

Ergebnis der Pandemie, prophezeit die US-Denkfabrik Brookings, wird daher ein Sprung in der »Digitalisierung« sein. Unternehmen würden angesichts gestiegener Gesundheitsrisiken zunehmend Arbeitskräfte durch Roboter ersetzen. »Millionen Jobs sind bedroht.« Im Jahr 2020 hat in Deutschland jedes fünfte Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe Industrie- oder Serviceroboter eingesetzt.
Eine US-Investmentgesellschaft verglich jüngst die Aktienkurse von Unternehmen, die im Verhältnis zu ihrem Umsatz relativ viele Beschäftigte haben, mit jenen, bei denen relativ wenige arbeiten. Die mit der geringen Beschäftigtenzahl schnitten deutlich besser ab. Fazit der Untersuchung: »Es scheint, wir haben schlechte Zeiten für Menschen.«

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