Ohne Hemmungen, frei von der Leber weg

Zwanzig Jahre »Erzählsalon« - Ostdeutsche reflektieren ihre Lebensgeschichten

  • Von Frank Roßner
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Bedürfnis Ostdeutscher, ihr Leben zu reflektieren, scheint besonders stark ausgeprägt zu sein. Nicht verwunderlich angesichts des vielfach von Ignoranz geprägten Umgangs mit ihren Biografien nach 1990. Es gibt verschiedenste Aktivitäten, Lebenserfahrungen zu dokumentieren. In der »Erinnerungsbibliothek DDR«, die im Bundesarchiv verfügbar ist, sind circa 1000 Lebensberichte versammelt. Darüber hinaus sind eine Vielzahl von schriftlichen Äußerungen, Memoiren, Monografien, Sammelbänden und Autobiografien erschienen. Eine neue Form hat der Berliner Verlag Rohnstock-Biografien entwickelt. Seit 20 Jahren veranstaltet er Erzählsalons als einen vorwiegend von Ostdeutschen genutzten gemeinschaftlichen Erfahrungsraum. Hier kamen Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, LPG-Bauern, Arbeiter und Ingenieure ebenso zu Wort wie Generaldirektoren und Professoren aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Es wurde über Traditionen und Innovationen des Handwerks in Thüringen und Sachsen berichtet oder über Kultur und Sprache der sorbischen Minderheit in der Lausitz.

»Treuhandschicksale auf Rügen« war ein kürzlich stattgefundener Erzählsalon überschrieben, der wie die vorangegangenen in diesem wie auch vielfach im vorigen Jahr wegen Corona im digitalen Format stattfinden musste und auf Youtube nachzuerleben ist (was man sich auch für die künftigen wünscht, selbst wenn wieder Präsentveranstaltungen möglich sind). Es diskutierten Christa Luft, Wirtschaftsministerin in der Modrow-Regierung, Kerstin Kassner, langjährige Landrätin auf Rügen und Bundestagsabgeordnete der Fraktion der Linkspartei seit 2013, sowie Christiane Latendorf, Fraktionsvorsitzende von DIE LINKE im Kreis Vorpommern-Rügen. Dieser Erzählsalon fand im Rahmen der Wanderausstellung »Schicksal Treuhand - Treuhand-Schicksale« statt, die derzeit im Dokumentationszentrum Prora auf Rügen gastiert und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf den Weg gebracht worden ist. Moderiert wurde die Debatte von der Verlegerin Katrin Rohnstock, die diese Exposition mit kuratiert hat.

Es handelt sich stets um thematische Diskussionsreihen. Der Veranstaltungsreigen »30 Jahre Deutsche Einheit: Deine Geschichte - unsere Zukunft«, gefördert vom Ostbeauftragten der Bundesregierung, trug von Sommer 2020 bis Ende April diesen Jahres in zwei Staffeln »Geschichten aus Ostdeutschland« zusammen, die so noch nicht gehört wurden (www.deine-geschichte-unsere-zukunft.de). 280 Erzählerinnen und Erzähler haben freimütig Auskunft über Lebens- und Arbeitsbedingungen in der DDR, über Bildungswege und Freizeitvergnügungen gegeben und somit ein differenziertes, vielschichtiges Bild von dem vermittelt, was den Osten vielfach bis heute noch prägt. Die Teilnehmer überspannen vier Generationen, teils gar vier Gesellschaftsordnungen. Es meldeten sich Jugendliche ab 16 Jahren bis hin zu über 90-Jährige zu Wort, die noch die NS-Zeit und die Weimarer Republik miterlebt haben. Ehrlich und authentisch erzählen sie ihre Geschichte, ohne Vorgaben und Hemmungen, frei von der Leber weg. Beeindruckend ist hier die besonders aktive Rolle junger Frauen.

Es bleibt nicht aus, dass verglichen wird zwischen Gestern und Heute, was ist gewonnen, was verloren? Im März diesen Jahres war Motto des Erzählsalons »Ostdeutsche auf Reisen«. Reisefreiheit - kaum ein Thema ist derart ideologisch besetzt. Doch wie viele Ostdeutsche konnten nach 1990 tatsächlich ihre Träume von Reisen rund um die Welt erfüllen? Wie viele kamen und kommen wegen knappen Geldbeuteln nur bis Mallorca? Johann Wolfgang von Goethe meinte, dass Reisen bildet. Der Dichterfürst aus Weimar fragte aber auch: »Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.« In der DDR galt das geflügelte Wort: »Weltanschauung kommt von Welt anschauen.« Was der Staat jedoch nicht für alle seine Bürger einlösen konnte oder wollte. Welchen Anklang fanden in der DDR Nah- und Fernreisen, letztere vornehmlich an den Balaton oder das Schwarze Meer? Was machte einen schönen Familienurlaub aus? Dankbar von der Bevölkerung angenommen wurden jedenfalls die zahlreichen Kinder- und Betriebsferienlager, der Feriendienst des FDGB, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Populär ebenso Camping in heimatlichen Gefilden.

Mehr als 6500 Kinderferienlager unterhielten die Volkseigenen Betriebe. Der Nachwuchs war für zwei, drei Wochen gut untergebracht; ein »Durchgang« kostete - je nach Einkommen der Eltern - zwischen zwölf und 30 Mark der DDR. »Jugendtourist« nutzten jährlich 280 000 Menschen. Es standen 18 Jugendtouristenhotels und 248 Jugendherbergen zur Verfügung. Für ein bis zwei Wochen zahlte man zwischen 25 bis 150 Mark, 100 Millionen Mark steuerte der Staat jährlich hinzu. Auslandsreisen erfolgten in 45 Ländern. Bleibt die Frage: Wie viele Völker und Kulturen konnten DDR-Bürger kennenlernen? Trotz beschränkter Reisefreiheit wussten sie vermutlich durch das offene Bildungssystem sowie ihre sprichwörtliche Leselust mehr als manche Bundesbürger.

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