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Deutschlands Großspeicher in Norwegen

Die weltweit längste Seekabel-Stromverbindung wurde nun in Betrieb genommen

  • Von Jörg Staude
  • Lesedauer: 4 Min.

Freunde der Energiewende haben seit Donnerstag ein Argument mehr. Ein beliebter Einwand gegen ein Stromsystem auf Basis erneuerbarer Energien ist, dass die Schwankungen bei Sonne und Wind eine sichere Versorgung gefährdeten und die benötigten großen Speicherkapazitäten noch lange nicht verfügbar seien. Verfechter der Erneuerbaren antworten dann, das Zusammenspiel von Wind und Sonne decke schon 80 Prozent des Strombedarfs in Deutschland und wenn man das Ganze europaweit organisiere sowie noch etwas Wasserkraft und Biomasse hinzunehme, steige der Anteil weiter.

Bei diesem Konzept ist das europäische Stromnetz einen großen Schritt vorangekommen. Nach drei Jahren Bauzeit und mit rund zwei Milliarden Euro Kosten ist jetzt der sogenannte Nordlink in Betrieb genommen werden, die derzeit längste Seekabel-Stromverbindung der Welt.

Über mehr als 600 Kilometer werden die Netze Deutschlands und Norwegens direkt miteinander verbunden. Per Gleichstrom kann eine Leistung von maximal 1400 Megawatt übertragen werden. Das sind zwar nur zwei bis drei größere Kraftwerksblöcke, doch es geht ja nicht darum, maximale Strommengen zu übertragen. Die lange Leitung soll eine norwegische Besonderheit ausnutzen: Das skandinavische Land verfügt über rund 1600 Wasserkraftwerke, die etwa 90 Prozent des dortigen Stroms erzeugen.

Diese seien ein »idealer Partner für deutsche Wind- und Solaranlagen«, wie bei der feierlichen Inbetriebnahme immer wieder betont wurde. Gibt es in Deutschland um die Mittagszeit oder bei sehr windigem Wetter im Norden ein Überangebot an Ökostrom, muss davon weniger »weggeworfen« werden, der besonders billige Überschussstrom kann dann nach Norwegen exportiert werden. Dort werden dann die Wasserkraftwerke entsprechend gedrosselt.

Auch Norwegen verspricht sich davon mehr Sicherheit: für den Fall, dass die Stauseen in regenarmen Jahren nur wenig gefüllt sind. Eine Trockenperiode vor gut zehn Jahren soll in Norwegen den Anstoß zum Bau von Nordlink gegeben haben. Wenn die Sonne in Deutschland nicht scheint und der Wind nicht weht, läuft es dann umgekehrt. Dann kann der Wasserkraftstrom einspringen. Deutschland hat sich auf diese Weise praktisch einen Großspeicher für Ökostrom zugelegt.

Kraftwerke mit Kohle oder Atomkraft sind übrigens nicht in ähnlicher Weise einsetzbar, weil sie sich viel schlechter regeln lassen. Überlastete deutsche Stromnetze und Netzengpässe resultieren gerade daraus, dass fossile Kraftwerke auch dann voll weiterlaufen, wenn es hierzulande viel Ökostrom gibt. Mit dem Ausgleich der sogenannten fluktuierenden Stromerzeugung aus Wind und Sonne trage Nordlink auch zur Senkung von CO2-Emissionen und zum Erreichen der EU-Klimaziele bei, wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier lobte.

CDU-Parteikollegin und Kanzlerin Angela Merkel hob bei der Inbetriebnahme vor allem die verbesserte europaweite Versorgungssicherheit hervor. In der EU habe man hart am Ausbau von solchen »Interkonnektoren«, also Leitungen über Grenzen hinweg, gearbeitet. Fortschritte habe es zuletzt auch bei Verbindungen in Richtung der baltischen Länder gegeben. Es fehlten aber noch welche, etwa nach Portugal und Spanien über die Pyrenäen. »Letztlich müssen wir die Versorgungssicherheit Europas europäisch denken, ansonsten werden wir Verluste haben«, betonte Merkel.

In dem Zusammenhang ging die Kanzlerin auf die deutsche Energiepolitik ein. Bei allem Ausbau der Erneuerbaren, bei aller CO2-Reduzierung müsse die Versorgungssicherheit gewährleistet bleiben, sagte sie und mahnte mehr Tempo beim Ausbau der Stromleitungen an. Nordlink allein löse Deutschlands Energie- und Netzprobleme nicht. Norddeutschland müsse ja auch besser mit dem Süden verbunden werden, erst dann könne Nordlink seine ganze Kraft entfalten.

Beim Leitungsausbau müsse man noch einmal über Beschleunigungen nachdenken. Hier seien große Hürden zu überwinden, sagte Merkel in Anspielung auf den Widerstand in betroffenen Regionen. Für die Kanzlerin dürfen aber auch die Stromkosten nicht völlig aus dem Ruder laufen. »Wenn die CO2-Bepreisung weiter steigt, darf die EEG-Umlage nicht auch noch steigen, sondern diese muss im Gegenteil auf null gebracht werden«, so Merkel. Für den Moment darf sich die deutsche Politik aber für Nordlink auf die Schulter klopfen. Auch die Erneuerbaren-Branche findet die Seetrasse gut.

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»Das Projekt stärkt den europäischen Strommarkt und beschleunigt die Energiewende in Deutschland«, sagt Ralf Schmidt-Pleschka, Experte beim Ökostromer Lichtblick, inzwischen fünfgrößter Stromversorger hierzulande. »Überschüssig erzeugter Ökostrom wird künftig kostengünstig in Norwegen gespeichert und fließt bei Bedarf wieder nach Deutschland.« Auch beim Umstieg auf die wetterabhängige Solar- und Windstromerzeugung könne so jederzeit Versorgungssicherheit garantiert werden.

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