Was soll man sagen?

Das neue »Tagebuch« diskutiert die Jugoslawienkriege und die neue alte »Political Correctness«

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 2 Min.

Seit knapp zwei Jahren erscheint in Wien wieder das »Tagebuch«. 30 Jahre zuvor war das »Wiener Tagebuch« eingestellt worden, ein linksintellektuelles Kulturmagazin, das nach dem Zweiten Weltkrieg von der KPÖ gegründet worden war, sich aber nach der Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968/69 von der Partei abgesetzt hatte.

Damals war das jugoslawische Modell der »Arbeiterselbstverwaltung« im west᠆lichen Marxismus sehr populär, da dort weitaus freier diskutiert werden konnte als in den Staaten des Warschauer Vertrags und es eine stärkere Partizipation an ökonomischen Entscheidungen gab. »Jugoslawien war ein Land im Herzen Europas, das nicht nur trotz, sondern im gleichen Maße auch wegen seines Systems und der Idee dahinter 6 Teilrepubliken mit insgesamt 19 verschiedenen Volksgruppen und Minderheiten 45 Jahre lang zusammenhielt«, schreibt in der neuen Ausgabe des »Tagebuchs« Marko Dinić in seiner »Annäherung an die Jugoslawienkriege«, die 1991 begannen. Es gab in diesem »komplexen Land« zwei Schriften, drei Religionen, neun Parlamente und zehn Kommunistische Parteien. Doch es wurde von »einem exzessiven Nationalismus sowie einer übermäßigen Ideologisierung nationaler Politik« zerstört. Weil ihnen diese Atmosphäre zuwider war, verließen in den ersten beiden Kriegsjahren 200 000 junge Leute Serbien. In anderen Landesteilen fürchteten die Menschen um ihr Leben, als in den verschiedenen Sezessionskriegen Militärs in Verbindung mit lokalen Warlords Belagerungen, Massaker und »ethnische Säuberungen« veranstalteten.

Dinić wurde 1988 in Serbien geboren. Er kann sich erinnern, wie sein Vater nicht wusste, was er sagen sollte, als er mit seinem kleinen Sohn im klapprigen Yugo langsam an den Flüchtlingstrecks aus der Krajina vorbeifuhr. Diese Sprachlosigkeit werde erst heute langsam überwunden. In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens gehe ein »Gespenst« um: »Diejenigen, die nie gestritten und schon gar nicht Krieg geführt haben, reichen einander heute vorsichtig die Hände. Das historische Wissen um die im Krieg begangenen Gräueltaten der Väter bahnt sich seinen Weg durch den Morast an Vorurteilen.«

Der Text von Dinić korrespondiert mit einem Interview mit dem Kulturtheoretiker Diedrich Diederichsen über wiederkehrende Argumentationsmuster in den Diskussionen um die sogenannten Identitätspolitiken. Ähnlich wurde auch schon in den 90er Jahren über den Begriff der »Political Correctness« gestritten, über den Diederichsen 1996 das auch heute noch lesenswerte Buch »Politische Korrekturen« veröffentlichte. Damals wie heute gelte für ihn: »Minderheiten- und andere Rechte sind als Rechte zu verteidigen, auch mit Unterdrückungs- und Emanzipationsgeschichten, aber nicht mit Essenzialismen und ethnozentrischen Wesenskernen. Das passiert aber auch sehr viel seltener, als uns ›Welt‹ und ›Neue Zürcher Zeitung‹, Bernd Stegemann und Robert Pfaller glauben machen wollen.«

»Tagebuch«, Nr. 6; 8,50 €. www.tagebuch.at

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