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  • Arbeitsbedingungen in der schönen neuen Welt

Der Streik als Stock in den Speichen

Arbeitskämpfe lassen nicht nur den Lack vom Startup Gorillas abplatzen

  • Von Elmar Wigand
  • Lesedauer: 4 Min.

Der wilde Streik beim Onlinelieferdienst Gorillas, der am 10. Juni 2021 in Berlin losbrach, führte nicht nur Blockade mehrerer Lager und zur zeitweiligen Unterbrechung der Auslieferung in Berlin.

Der einhergehende Shitstorm dürfte den Hype um das deutsche Start-up beendet und dessen weitere Expansion nachhaltig blockiert haben. Möglicherweise erleben wir sogar mehr: das Platzen einer Spekulationsblase. Der Arbeitskampf macht außerdem klar: Auch in deutschen Großstädten formiert sich eine internationale, digital vernetzte Hobo-Bohème, deren explosive Mischung von deutschen Kapitalisten bislang unterschätzt wurde.

Die sogenannten Riders, also die Fahrerinnen und Fahrer, sind in Deutschland bereits erfolgreich gewesen: Das Modell der völligen Scheinselbstständigkeit ist für Fahrradkuriere nach massiven Protesten seit 2018 de facto vom Tisch. Damals holte sich Deliveroo als aggressivster Lieferdienst (nach dem Modell von Uber und Amazon) eine blutige Nase und verließ Deutschland fluchtartig. Lieferando, Gorillas und Co. werben inzwischen mit regulären Verträgen. Der Deliveroo-Börsengang in London geriet im März 2021 zum Misserfolg -- auch weil die Rider die mediale Aufmerksamkeit nutzten, um gegen miese Arbeitsbedingungen in England zu protestieren.

Auslöser für den wilden Streik in Berlin war die unangekündigte und willkürliche Kündigung des Kollegen Santiago aufgrund einer Lappalie, die höchstens eine Abmahnung rechtfertigen dürfte: er hatte sich verspätet. Da Santiago zu den leistungsstärksten Fahrern gehörte, können wir davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um eine Vergeltungsmaßnahme des Managements gehandelt hat, das seine Macht demonstrieren und einen (vermeintlichen) Rädelsführer abschießen wollte. Bereits im Februar 2021 hatten Fahrerinnen und Fahrer mit einem spontanen Streik die Schließung eines Lagers in Berlin erzwungen. Während eines Schneesturms sollten sie ohne Winterkleidung weiter ausliefern. Ein Lagerleiter soll gesagt haben: »Wenn ihr nicht fahren könnt, dann lauft!« Im Mai 2021 leiteten sie die Gründung eines Betriebsrats ein, die vom Management mit schmutzigen Methoden verzögert wurde. Jetzt heißt es: Weg mit Befristung und willkürlichen Kündigungen!

Noch im März hatte sich die Wirtschaftspresse vor Freude beinahe eingenässt, weil Gorillas in einer Finanzierungsrunde weitere 244 Millionen Euro von Risikoinvestoren einsammeln konnte. Dazu gehörte neben den üblichen aggressiven US-Finanzinvestoren auch die chinesische Tech-Holding Tencent.

Sollten die Risikokapitalgeber, die inzwischen die Mehrheit an Gorillas halten, weiter am Gründer und CEO Kağan Sümer festhalten, dürften sich die Gorillas endgültig im Nebel verirren. Sümer, der 2019 aus Istanbul kam, ließ in einer Zoomkonferenz am zweiten Tag es Streiks folgendes vernehmen: »Ich habe zu Public Affairs und PR-Agenturen gesprochen. Ich würde lieber sterben, um die Werte zu verteidigen, als zu deeskalieren.« Da sind jemandem wohl die Sicherungen durchgebrannt. Offenbar wehrt sich Sümer, so lese ich das Zitat, aktiv gegen professionelle Hilfe. Er nimmt die Sache persönlich. Auch seine Idee, eine Fahrradtour durch Deutschland zu organisieren, um alle Auslieferungslager zu beglücken, dürfte in die Kategorie »Das kann ja heiter werden!« fallen.

In einer nächsten Finanzierungsrunde wollten die Gorrillas, so war im Mai zu lesen, weitere 500 Millionen Euro einsammeln und eine Bewertung von 6 Milliarden Euro erreichen. Heute Berlin, morgen London, Paris, dann New York! Das wirkt größenwahnsinnig und dürfte mit einem beratungsresistenten CEO auf Kollisionskurs schwierig werden. Und dabei ist die wichtigste Frage nicht beantwortet: Wer braucht überhaupt einen Lieferdienst, der in zehn Minuten aus der Nachbarschaft in die Nachbarschaft liefert? Warum nicht einen kleinen Spaziergang zum Laden um die Ecke unternehmen? Das regt Kreislauf und Appetit an. Und vielleicht klingle ich derweil bei Oma Schmitz, ob ich was mitbringen soll. Die ist nicht mehr so gut zu Fuß und einsam, seit ihr Mann gestorben ist... Also: In welcher Welt wollen wir leben?

Elmar Wigand ist Gründungsmitglied von aktion ./. arbeitsunrecht – Initiative für Demokratie in Wirtschaft & Betrieb.

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