Der Weg des Virus durch Brasilien

Studie: Rechtzeitige Sperrung von Straßen hätte Zehntausende Leben retten können

  • Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Covid-19-Pandemie wütet weiterhin kaum gebremst in Brasilien. Sie hat in dem südamerikanischen Land bereits mehr als eine halbe Million Menschen dahingerafft. Und täglich kommen nach offiziellen Angaben etwa 73 000 neue Erkrankungen sowie rund 2000 Todesfälle hinzu. Experten glauben indes, dass die tatsächlichen Zahlen wahrscheinlich noch weit höher liegen. Doch wie hat es zu dieser katastrophalen landesweiten Ausbreitung des Virus kommen können?

Ein multidisziplinäres Team brasilianischer Wissenschaftler hat dies nun genauer unter die Lupe genommen. In ihrem am 21. Juni 2021 im Fachjournal »Scientific Reports« veröffentlichten Bericht kommen sie zu dem Schluss, dass Präsident Jair Bolsonaros Bundesregierung sowie die Landesregierung von São Paulo einen Großteil der Schuld daran haben. Eine frühere Schließung der Flughäfen, Straßenblockaden an den Hauptverkehrsadern sowie ein landesweiter Lockdown hätte die Ausbreitung von Covid-19 deutlich bremsen und Zehntausende von Toten verhindern können.

Am 25. Februar vergangenen Jahres hatten die Gesundheitsbehörden von São Paulo den ersten Sars-CoV-2-Fall registriert. Es war ein 61-jähriger Reiserückkehrer aus Norditalien. Die Millionenmetropole entwickelte sich daraufhin rasch zum »Superspreader«. Die mathematischen Modelle des Forscherteams ergaben, dass São Paulo in den ersten Märzwochen 2020 für mehr als 85 Prozent der in ganz Brasilien verbreiteten Covid-19-Fälle verantwortlich war. Die riesige Stadt hat den größten Flughafen und ist der verkehrsreichste Autobahnknotenpunkt des Landes. Während der ersten drei Monate der Pandemie konzentrierten sich 98 bis 99 Prozent der gemeldeten Fälle auf São Paulo und insgesamt 16 weitere »Spreader-Städte«. Der Virus sei in dieser Phase hauptsächlich über die wichtigsten Autobahnen und Überlandstraßen sowie über die Flughäfen verbreitet worden, die während des gesamten Monats März weiter geöffnet blieben.

In der Folge der Zirkulation des Virus in der Bevölkerung der Superspreader-Städte verbreitete sich die Epidemie weiter über Autobahnen und Bundesstraßen in ganz Brasilien. Die Fälle nahmen nun auch in weit entfernten Regionen und in Gemeinden ohne Krankenhäuser mit Intensivbetten exponentiell zu. Dies, so die Wissenschaftler, führte zu einem »Bumerang-Effekt«, der zur Verzerrung der Verteilung der Covid-19-Todesfälle beitrug. Aus allen Landesteilen wurden schwer erkrankte Patienten in die Städte mit besserer Gesundheitsversorgung transportiert, allen voran São Paulo. Brasiliens größte brasilianische Superspreader-Metropole nahm Patienten aus 464 verschiedenen Städten auf.

Ähnlich verhielt es sich in der Amazonasregion, wo der Amazonasfluss von Manaus und seinem offenen Flughafen ausgehend zu einer regelrechten Autobahn für das Virus wurde. Wie ein Bumerang kamen dann die Erkrankten per Boot aus den entfernten Gemeinden entlang des Amazonas und seiner Zuflüsse nach Manaus zurück und ließen dort das Gesundheitssystem kollabieren.

»Wenn die brasilianische Bundesregierung bereits im März 2020 einen landesweiten Lockdown beschlossen und Straßensperren auf den wichtigsten brasilianischen Bundesstraßen errichtet hätte, dann hätte das Land deutlich weniger Covid-19-Erkrankungen und Todesfälle zu beklagen gehabt«, schlussfolgert das Wissenschaftlerteam. »Die Zahl der Infektionen wäre im ganzen Land während der ersten Welle auch viel geringer gewesen, wenn der Gouverneur von São Paulo eine vollständige Sperrung der Stadt und des Bundesstaates angeordnet und den nicht wesentlichen Verkehr auf den von der Metropolregion ausgehenden Hauptautobahnen eingeschränkt hätte.«

Hätten die Regierungen in Brasilia und in São Paulo im vergangenen Jahr die richtigen Entscheidungen getroffen, Brasilien wäre mit ziemlicher Sicherheit die größte humanitäre Tragödie seiner Geschichte erspart geblieben, so das Fazit der Forscher.

Der Neurobiologe Miguel Nicolelis, Co-Autor der Studie, drückte es noch drastischer aus: »Von Juni 2020 bis Juni 2021 stiegen in Brasilien die Coronavirus-Todesfälle von 50 000 auf 500 000 an, ein Anstieg um das Zehnfache in zwölf Monaten. Dies allein veranschaulicht das völlige Versagen der brasilianischen Bundesregierung.«

Schlimmer noch: Die in der Studie beschriebenen Mechanismen zur Weiterverbreitung des Virus bestehen weiter. Nicolelis: »Der Verkehr auf den Autobahnen geht ungehindert weiter, und auf den offenen Flughäfen landen weiterhin Menschen infiziert mit neuen, noch ansteckenderen Coronavirus-Varianten.« Länder wie Brasilien, die auf Massenimpfungen ohne Lockdown setzten, könnten der Situation nicht Herr werden, so der Wissenschaftler. »Wir wiederholen die gleichen grundlegenden Fehler beim Pandemiemanagement.« Der Neurobiologe vermutet deshalb, dass die Zahl der Covid-19-Toten weiter steigen wird.

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