Klassiker, weitererzählt

Im Leipziger Kinderbuchverlag werden Traditionen hochgehalten

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Wer sich mit dem ostdeutschen Film beschäftigt, wird an Christa Kożik nicht vorbeikommen. Sie schrieb das Szenario zu Herrmann Zschoches famosem Hölderlin-Film »Hälfte des Lebens«. Ebenso für den Kultfilm »Sieben Sommersprossen« und populäre Kinderfilme. »Moritz aus der Litfaßsäule« entstand 1983 nach ihrem gleichnamigen Kinderbuch - und wie gegenwärtig erscheint doch der Plot: Ein verträumter Neunjähriger in einer eilenden und hetzenden Welt, einer, der sich für alles, was er tut, Zeit nimmt. Der Gegenentwurf also zur Turbogesellschaft. Seinen Eltern und drei Schwestern raubt er mit seiner Langsamkeit den letzten Nerv, ebenso seinen Lehrern. Moritz steigt aus und zieht in eine Litfaßsäule, wo bereits eine sprechende Katze wohnt. Und dann gibt es auch noch das Zirkusmädchen und einen Straßenkehrer, die sich seiner annehmen, bis er nach Hause zurückkehrt.

Mit Christian Morgenstern liegt immer richtig, wer Kindern die fantastischen Möglichkeiten von Sprache nahebringen will, und Erwachsene werden genauso ihre Freude daran haben. »Gruselett und Lalula« versammelt 24 illustrierte Gedichte zwischen Sense und Nonsense; ein gutes und - gerade in heutigen Zeiten - nützliches Training für das Auf- und Zwischen-den-Zeilen-Lesen, Verstehen und Gestalten in und mit der Sprache. Ein Muss für kleine künftige nd-Leser und -Schreiber.

Ein gesamtdeutscher Klassiker sind die Geschichten vom Ameisen-Ferdl von Ondřej Sekora, zumindest wenn man im bayerischen oder sächsischen Süden, also in tschechischer Nachbarschaft, seine Kindheit verlebt hat. »Die großen Abenteuer des kleinen Ferdinand« begleitet den Ameisenjungen und seine Freunde Fräulein Siebenpunkt, Frau Grille oder den Käfer Tollpatsch auf abenteuerlichen Begebenheiten in der Käfer- und Schneckenwelt und lässt einen den heimischen Garten oder die Wiese mitsamt ihrer Bewohnerschaft mit ganz anderen, verständnisvolleren Augen sehen.

Klaus Möckel kannte ich vor allem als Science-Fiction-Autor, Lektor und Übersetzer, unter anderem von Jewtuschenkos Poem »Fuku« (gemeinsam mit seiner Frau Aljonna, die wiederum unter anderem die Brüder Strugatzki übersetzt hat). Mit ihr zusammen hat er unter dem Pseudonym Nikolai Bachnow die Geschichten Alexander Wolkows (»Der Zauberer der Smaragdenstadt«) in der sogenannten Grünen Reihe weitergeschrieben. Im letzten Band »Das gestohlene Tierreich« schrumpft ein Riese aus den Bergen Vierbeiner und Vögel, Wälder und Wiesen durch ein Zaubermittel so stark, dass er alles als Spielzeug für seine Kinder unter dem Arm wegschleppen kann. Verzweifelt setzen sich Löwe, Elefant und die anderen zur Wehr, rufen auch ihre Freunde zu Hilfe. Wieder einmal müssen Jessica, der Scheuch und der Holzfäller gefährliche Abenteuer bestehen, um den Tieren die Heimat und ihre normale Größe zurückzugeben. Im Band »Der Schatz der Smaragdbienen« gibt es Zoff um einen Goldschatz, der gut versteckt in den tiefen Wäldern des Zauberlandes liegt. Er wird bewacht von den smaragdfarbenen Bienen und ihrer Königin, denn ein Fluch liegt über dem Schatz: Wer ihn stiehlt, löscht das Leben des Bienenvolkes aus. Doch zwei Ganoven lässt das Gold keine Ruhe. Der Scheuch, der tapfere Löwe und ihre Freunde machen sich auf, um der Bienenkönigin und ihrem Volk zu helfen. Aus der Feder von Klaus und Aljonna Möckel sind ebenso erhältlich: »In den Fängen des Seemonsters« und »Die Schlange mit den Bernsteinaugen«.

Vorstellen muss man den schwarzen Gesellen von Zdeněk Miler nicht: »Das Maulwurf-Gartenbuch« lädt Kinder ab fünf zum Mitmachen ein. Los geht’s mit Jäten, Säen, Gießen!

Nikolai Nossow, geboren 1908, war einer der russischen Autoren, die den Entbehrungen ihrer Kindheit spätere, vor Fantasie überbordende Buchwelten entgegensetzten. »Nimmerklug im Knirpsenland« und »Nimmerklug in Sonnenstadt« erzählen die Abenteuer des »Njesnajka« (Nimmerklug oder Weißnix) und seiner Freunde, mit Knirpsenstreichen und -fehden. Immer wieder schön. Mario Pschera

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