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Radsport wie in alten Zeiten

Tadej Pogacar dominiert die Tour wie einst Merckx, Armstrong oder Froome

  • Von Tom Mustroph, Albertville
  • Lesedauer: 4 Min.

Nichts scheint derzeit Tadej Pogacar aufhalten zu können, weder Schwächen des eigenen Teams noch Temperaturstürze oder Dauerregen. Rivalen, die ihn gefährden könnten, sind erst recht nicht in Sicht. Unangreifbar wirkte der Slowene am ersten Bergwochenende der Tour de France. Während sich am Sonntag auf der Fahrt nach Tignes über insgesamt fünf Bergpässe und mehr als 4600 Höhenmeter zahlreiche Profis immer mal wieder die erkaltenden Hände ausschüttelten, um überhaupt noch schalten zu können, schnurrte Pogacar äußerlich ungerührt Kilometer um Kilometer herunter. Als die meisten Kollegen sich noch mit langen Ärmeln schützten, fuhr er ganz sommerlich in kurz.

Das Bild illustrierte perfekt seine Überlegenheit. Auf mittlerweile drei Etappen demonstrierte er sie: Bei seinem Zeitfahrsieg in Laval, bei seinem famosen Soloritt über 30 Kilometer ins Alpenörtchen Le Grand-Bornand und zuletzt am Sonntag bei seiner späten Attacke auf dem Anstieg nach Tignes. Der erste Coup brachte ihn in die Pole Position unter den Klassementfahrern. Der zweite wurde mit Gelb gekrönt. Der dritte desillusionierte die Konkurrenz so sehr, dass sie ab jetzt bestenfalls noch um Platz zwei fährt. »Ich habe die Tour nicht getötet«, beteuerte zwar Pogacar am Sonntag. Tignes aber, der letzte Schauplatz seiner Überlegenheit, dürfte in die Annalen als Sterbeort des Kampfes um die Gesamtwertung dieser Tour eingehen.

Die Serpentinen hoch zum Skiort waren an diesem Tage ohnehin fest in slowenischer Hand. Links und rechts der Strecke hatten viele Fans aus Pogacars Heimatland die Caravans geparkt und Spruchbänder für ihre Lieblinge ausgebreitet. »Allez Pogacar«, sah man da, aber auch der am Sonntag ausgestiegene Primoz Roglic wurde geehrt. Ebenso der Gewinner der langen Etappe über fast 250 Kilometer am Freitag, Matej Mohoric. Auch Luka Mezgec, vierter Slowene bei der Tour, und als einziger aus dem Quartett noch ohne Etappensieg, hatte seine Fans. Zweimal Etappenzweiter wurde der bergfeste Sprinter im letzten Jahr. Slowenien ist also gut dabei im aktuellen Renngeschehen.

Ein wenig bangen mussten die Fans noch am Fuße des Anstiegs. Da war der australische Ausreißer Ben O’Connor dem Peloton so weit enteilt, dass das virtuelle Gelbe Trikot schon über seinen Schultern hing. Pogacars Teamkollegen waren mit der Nachführarbeit überfordert. Wieder rückwärts lief der Abstandsmesser erst, als Team Ineos das Kommando übernahm. Nicht, dass die Briten Mitleid mit der schwachen UAE-Truppe des Favoriten hatten. Sie haben aber offensichtlich die Hoffnung aufgegeben, Pogacar noch bezwingen zu können. Deshalb machten sie gemeinsame Sache mit dem Slowenen und verkürzten den Rückstand. Sie trafen die Entscheidung allerdings ziemlich spät. O’Connor hat als neuer Gesamtzweiter jetzt mehr als drei Minuten Vorsprung auf den an fünfter Stelle platzierten Ineos-Kapitän Richard Carapaz. Das ist durchaus beunruhigend. Denn der 25-Jährige besitzt durchaus Kletterqualitäten. Im letzten Jahr gewann O’Connor beim Giro die Bergetappe in Madonna di Campiglio, in diesem Jahr fuhr er bei den Traditionsrennen Tour de Romandie und Criterium de Dauphiné jeweils unter die besten Zehn. Es wird nicht einfach, ihn von den unteren Stufen des Treppchens herunterzustoßen.

Ganz oben ans Treppchen wagt sich ohnehin niemand heran. »Pogacar fährt in seiner eigenen Liga«, gab Carapaz zu. Das wurde am Sonntag noch einmal deutlich. Der 22-Jährige vereitelte da mit Leichtigkeit einen Angriff von Carapaz. Dann blickte der Slowene kurz nach links und rechts - er musterte die Konkurrenz. Was er sah, gefiel ihm. Er trat und ward von seinen Rivalen erst wieder im Ziel gesehen. Ein ähnliches Schauspiel bot er am Sonnabend. Am vorletzten Berg des Tages, dem Col de Romme, trat er an und entledigte sich spielend der Konkurrenz. Den folgenden Col de la Colombier fuhr er allein. Wie gut er das tat, untermauern die Zahlen. Laut Twitter-User Ammattipyöräily, der seit Jahren verlässliche Daten liefert, landete Pogacar mit seinen 21:55 Minuten weit vorn in der Bestenliste aller Zeiten. Nur Dan Martin war 2018 zwei Sekunden schneller, als Ausreißer vor der vom Sky-Zug um Chris Froome angeführten Favoritengruppe. Die war eine Sekunde langsamer als der Solist Pogacar.

Für den Dopingbeobachter Antoine Vayer ist der Slowene längst in die roten Verdachtszonen hineingefahren. Er bezeichnet ihn in Anlehnung an Lance Armstrong gern als »Pogastrong«. Wer nach Erklärungen jenseits des Dopingvorwurfs, für den es derzeit keine harten Anhaltspunkte gibt, sucht, der könnte in dem beim Rennstall UAE praktizierten Training der Mitochondrien fündig werden. Mitochondrien sind Zellbestandteile, die den Energieträger ATP produzieren. Der mit UAE zusammenarbeitende Mediziner Inigo San Millan hat sich auf die Erforschung der Stoffwechselvorgänge spezialisiert und auf dieser Grundlage Trainingspläne entwickelt. Das wäre die schöne Erklärung der Dominanz von Pogacar. Bei den Teamkollegen schlägt das Training aber offenbar nicht ganz so an - was diese Erklärung wieder schwächer aussehen lässt.

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